Gounod Symphonique

 

Seien wir ehrlich: Mit dem Namen Charles Gounod verbindet man keinen Sinfoniker. Seine Domäne war die Oper, wobei auch dort ganz primär eine einzige, natürlich Faust, dominiert. Selbst in Sachen Sakralmusik wurde Gounod bekannter denn als Komponist sinfonischer Musik. Und nicht zuletzt ist er sogar der Komponist der heutigen Hymne der Vatikanstadt. Und doch: Immerhin zwei Sinfonien stammen von ihm, beide aus der frühen Phase seiner Komponistentätigkeit: Die Sinfonie Nr. 1 in D-Dur wurde 1855, die Sinfonie Nr. 2 in Es-Dur 1856 vollendet. Selbst Kennern der französischen Sinfonik des 19. Jahrhunderts werden sie eher peripher bekannt sein, auch wenn die Diskographie entgegen der ersten Annahme gar nicht einmal so klein ist. Eingespielt haben sie bis dato Sir Neville Marriner (Philips), Michel Plasson (EMI), Patrick Gallois (Naxos), John Lubbock (ASV) und Hervé Niquet (Timpani). Christopher Hogwood legte immerhin die Erste vor (Decca). Oleg Caetani spielte beide und sogar das Fragment der 3. Sinfonie ein (cpo).

Chandos betritt mit seiner neuesten Veröffentlichung mit dem Iceland Symphony Orchestra unter dem französischen Dirigenten Yan Pascal Tortelier also kein Neuland (Chandos CHSA 5231). Der Vorteil der Neuaufnahme ist auf den ersten Blick vor allen Dingen klanglicher Natur, wird diese doch auf einer hybriden SACD vorgelegt, die den höchsten Ansprüchen genügt und bei diesen Werken wohl tatsächlich die neue Referenz darstellt (Aufnahme: Eldborg, Harpa, Reykjavík, 30. April sowie 2. bis 4. Mai 2018).

Es ist gar nicht so einfach, diese Musik zu beschreiben. Sie klingt, hört man die Erste, ein wenig nach Mendelssohn und Schumann, den führenden Sinfonikern nach Beethoven und Schubert – und doch völlig anders. Lassen sich typische gallische Charakteristika ausmachen? Nicht unbedingt. Man fühlt sich stellenweise deutlich an Mendelssohn Italienische und Schottische erinnert. Der gewichtigste Satz der ersten Sinfonie ist neunminütige Finale mit seiner unerwartet gestrengen und langsamen Einleitung. Freilich weicht diese Introduktion allzu bald einem fröhlichen Hauptteil, bei dem sich Gounod bereits auf der Höhe seiner Meisterschaft präsentieren kann, ohne übers Ziel hinauszuschießen. Diese Sinfonie versucht gar nicht erst, den Titanen Beethoven noch zu übertrumpfen – ein ambitioniertes Unterfangen, das Schumann bekanntlich zum Scheitern verurteilte. Der dritte Satz darf als Hommage an Haydn gedeutet werden. Mit gerade knapp 26 Minuten Spielzeit sind die Vorbilder wirklich im klassischen Zeitmaß zu suchen.

Die zweite Sinfonie ist trotz ihres ebenso heiteren Grundcharakters doch großformatiger angelegt, was sich bereits anhand der zehn Minuten längeren Spielzeit ausmachen lässt. Tatsächlich ist die Anlehnung an Beethoven bei der Zweiten deutlicher. Im gut elfminütigen Kopfsatz tun sich deutliche Assoziationen mit der Eroica auf. Augenscheinlich strebte Gounod hier doch ein Konzept an, das über jenes des Erstlings hinausging. Der langsame Satz, mit Larghetto bezeichnet, bildet gleichsam das Zentrum des Werkes und gemahnt an die Mitte des 19. Jahrhunderts auflebende Bach-Begeisterung. Anders als die Erste hat die Zweite ein wirkliches und wirklich für sich einnehmendes, stellenweise geradezu dramatisches Scherzo. Der Finalsatz greift ab und an wieder die Seriosität des Anfangs auf, und doch gibt es hier dann doch noch so etwas wie französische Jovialität in musica. Der Abschluss gerät furios. Trotz alledem war diesem Werk bei seiner Uraufführung kein großer Erfolg beschieden – womöglich der Grund, wieso Gounod sich danach nicht mehr ernsthaft mit dem Genre der Sinfonik beschäftigte. Soviel lässt sich sagen: Die Zweite ist definitiv die bedeutendere der beiden Sinfonien. Zumindest sie verdiente eine Aufnahme ins Konzertrepertoire.

Was zur klanglichen Qualität bereits gesagt wurde, darf unisono zur künstlerischen Darbietung ergänzt werden. Das bereits seit längerem als Geheimtipp geltende Orchester aus Island spielt dermaßen glänzend auf, so dass es diese Stücke wahrlich im bestmöglichen Lichte präsentiert, was nicht zuletzt an der begnadeten Stabführung Torteliers liegt, der die neue Messlatte in Sachen Gounod-Sinfonien sehr hoch legt. Diese Veröffentlichung ist ein Glücksfall in jedweder Hinsicht. Daniel Hauser