Glanzvolles Neujahrskonzert 2019

 

Wenige Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker waren bereits im Vorfeld so heiß umstritten wie das heurige, welches vom gebürtigen Berliner Christian Thielemann geleitet wurde. Eigentlich hatte man dessen Engagement bereits seit einigen Jahren erwartet, gilt der Chefdirigent der Staatskapelle Dresden doch als Liebling der beileibe nicht uneitlen Wiener Philharmoniker. Vermutlich waren es Thielemanns eigene Verpflichtungen beim Jahreswechsel in Dresden, die dieses lang erwartete Debüt so lange verzögerten.

Ein ausgewiesener Wagnerianer und die Musik der Strauss-Dynastie? Was zunächst nach einer merkwürdigen Kombination aussieht und auch viele Vorurteile beflügelt, erweist sich realiter doch als großartige Bereicherung. Wagner selbst schätzte Johann Strauss durchaus und arrangierte 1875 gar den Walzer Wein, Weib und Gesang. Blickt man etwas zurück, so wird man einige große Wagner-Dirigenten finden, die sich zur sogenannten leichten Musik hingezogen fühlten, zuvörderst einmal mehr ausgerechnet Hans Knappertsbusch, der für Decca sogar eine Platte mit diesem Repertoire einspielte. Thielemann trat insofern in große Fußstapfen, auch wenn er seine Befähigung für dieses Genre bereits mit seiner umjubelten Dresdner Lehár-Gala unter Beweis stellte (DG).

Trotz aller Unkenrufe, die man unmittelbar nach dem Konzert am 1. Jänner vernehmen konnte, klang das musikalische Ergebnis alles andere als nach preußischem Militärkapellmeister, wie manch einer herauszuhören glaubte. Ganz im Gegenteil verstand es Thielemann vorzüglich, dem Strauss-Orchester per se genügend Freiraum zu lassen und sich hie und da bewusst zurückzunehmen. Ganz unpreußisch, geradezu altösterreichisch elegant die Walzer, bereichert um gekonnte Ritardandi. Gleich doppelt vertreten Josef Strauss mit Transactionen und den himmlischen Sphärenklängen, die man womöglich seit Karajans legendärem Auftritt 1987 nicht mehr so überirdisch hören konnte. Das absolute Highlight aber Johann Straussens selten gespielter Walzer Nordseebilder, zuletzt erklungen 2005 unter Lorin Maazel, in seiner Anlage geradezu eine kleine Tondichtung mit einem gar unstraussisch düster-bedrohlichen Abschnitt, in dem dann doch der Wagner-Experte zum Vorschein kam. Überhaupt brachte Thielemann allgemein gerade die oft etwas auf reinen Schönklang geglätteten Passagen zum Vorschein.

Sehr stark, weniger als üblich auf reinen Effekt ausgelegt, auch die sinfonisch ausgeleuchteten Polkas, darunter Express und Die Bajadere von Johann und Mit Extrapost von Eduard Strauss. Letzterer, traditionell das Schlusslicht der Familie, wurde mit der Polka française Opern-Soirée zurecht auch im zweiten Teil abermals bedacht. Auch ansonsten nahm sich Thielemann der verkannteren Werke an. Ritter Pásmán, Johanns lauwarm aufgenommener später Opernerstling, etwa kam mit dem Eva-Walzer und dem Csárdás zum Zuge. Und Josef Hellmesberger junior durfte neben seinem Entr’acte Valse den wiegenliedartigen Elfenreigen beisteuern, ein weiteres Glanzstück des Konzerts.

Freilich, ganz ohne altbewährte Gassenhauer kam man auch heuer nicht aus. Oft aufgeführte Stücke wie die Ouvertüre zum Zigeunerbaron und der Egyptische Marsch belegten, dass sich Thielemann nicht vor dem direkten Vergleich zu verstecken suchte. Dem Klischee dann doch gerecht werdend, eröffnete er das Konzert mit dem Schönfeld-Marsch von Carl Michael Ziehrer. Bereits hier wie auch beim traditionell abschließenden, diesmal gar nicht oberflächlich lauten Radetzky-Marsch konnte der Berliner natürlich unter Beweis stellen, dass ihm diese Musik im Blute liegt.

Die erste Zugabe, die Schnellpolka Im Sturmschritt, leitete furios über zum Donauwalzer. Selbstredend durfte der traditionelle Neujahrsgruß davor nicht fehlen, bei dem sich Thielemann streng ans Protokoll hielt und weltpolitische Andeutungen wie weiland Daniel Barenboim geflissentlich unterließ. An der schönen blauen Donau, der Walzer der Walzer, geriet natürlich zum Vergleichsstück par excellence. Unverständlich, wie dieser oder jener tatsächlich eine Verballhornung zum preußischen Marsch bemerkt haben will, denn selbst mit solch großen Interpreten wie Herbert von Karajan oder Georges Prêtre im Hinterkopf konnte Thielemanns noble, durchaus auch melancholische Interpretation wahrlich überzeugen.

In diesem Sinne eines der überzeugendsten Neujahrskonzerte der letzten Jahre, welches die Altwiener Walzerseligkeit mit einem Hauch großer Sinfonik und gar opernhafter Theatralik garnierte. Dies wird kaum Thielemanns letztes Neujahrskonzert gewesen sein. Da kann man nur schließen mit Prosit Neujahr (Sony Classical 0190759028124-1)! Daniel Hauser