Durchsichtig trotz Klangopulenz

In der Reihe „Profil“ der Edition Hänssler sind beachtenswerte Einspielungen der Sinfonien Nr. 1, 2, 3, 4, 7 und 9 von Anton Bruckner herausgekommen. Sie sind ebenfalls im Rahmen des Ebracher Musiksommers entstanden, bei dem die Konzerte der „Philharmonie Festiva“ unter Gerd Schaller mit großen Werken der Klassik und Romantik und vor allem mit den Bruckner-Interpretationen einen besonderen Schwerpunkt bilden. Kern des Orchesters sind die Münchner Bachsolisten, die in den letzten Jahren ihr Repertoire erheblich erweitert haben und nun gemeinsam mit Musikern und Solisten führender Orchester Münchens auftreten. Die Mitschnitte der Aufführungen der drei frühen Bruckner-Sinfonien sind dadurch gekennzeichnet, dass sie alle auf der so genannten Edition Carragan beruhen; es sind die Fassungen von 1866, 1872 und 1874, deren Besonderheiten von William Carragan im sehr instruktiven Beiheft plastisch und gut nachvollziehbar erläutert werden.

Die genannten frühen Sinfonien sind im Festivalsommer 2011aufgeführt worden; bei Schallers Interpretationen imponiert ihr frischer  Zugriff, was natürlich besonders passend für die in Linz entstandene 1.Sinfonie ist, die Bruckner später gern als das „kecke Beserl“ bezeichnete. In der 2. Sinfonie werden die für  Bruckners Sinfonik kennzeichnenden Elemente, wie die typische epische Breite, die großflächige Ausbreitung der Themen über einem dichten Klangteppich und die oft choralartigen Akkordblöcke in beindruckender Transparenz nachgezeichnet . Auffällig ist hier, dass die vielen spannungsreichen Generalpausen, die dem Werk den Namen „Pausen-Sinfonie“ einbrachten, nicht sehr lang gehalten werden, sodass der melodische Fluss stets erhalten bleibt. Im Übrigen sind alle Deutungen durch klare Durchsichtigkeit der melodischen Entwicklungen gekennzeichnet; bei aller Klangopulenz und den ausufernden Dimensionen gibt es immer wieder die Betonung präzise ausgespielter Details. Die Philharmonie Festiva erweist sich so als ausgesprochen versiertes und in allen Instrumentengruppen präsentes Sinfonieorchester, das die Intentionen Gerd Schallers kongenial umsetzt (Edition Hänssler PH12022, 3 CDs).

Im Sommer 2007 wurde die 4. Sinfonie in der Fassung von 1878/1880 aufgeführt,   2008 gab es die über alle Maßen erfolgreiche und immer noch beliebte 7. Sinfonie. Sozusagen Bruckners Vermächtnis, seine 9. Sinfonie, wurde 2010 aufgeführt und eingespielt. Sie ist mit dem von William Carragan aus Material der nachgelassenen Kompositionsskizzen erstellten Finale versehen, das wegen des Rückgriffs auf Themen der ersten drei Sätze und vor allem wegen der Ausflüge in die Klangwelt Richard Strauss‘ umstritten ist. In allen Deutungen beeindruckt erneut die ausgezeichnete Durchhörbarkeit der vielfältigen, breitflächigen thematischen Entwicklungen, wobei nie in weihevolles Pathos abgeglitten wird. Im Gegenteil, die gewaltigen dynamischen Steigerungen werden ebenso intensiv ausgekostet wie die einfühlsamen Rückführungen in die vielen Piano-Passagen. Gerd Schaller, der seine weit gespannte Dirigier-Erfahrung in musikalischen Ausdruck umzusetzen weiß, ist mit der ihm in großer Könnerschaft folgenden Philharmonie Festiva wiederum ein kompetenter Sachwalter der bedeutenden Werke Anton Bruckners (Edition Hänssler PH11028, 4 CDs).

Gerhard Eckels