Wiener Erinnerungen

 

Viel zu früh ist Tenor Johan Botha (1965—2016) im vorigen Jahr infolge tückischer Krankheit gestorben. Der gebürtige Südafrikaner und (seit 1998) Wahlösterreicher hatte eine enge Verbindung besonders zu Wien, wo er die letzten zwei Jahrzehnte seines kurzen Lebens verbrachte. Die Wiener Staatsoper war seine künstlerische Heimat, an nicht weniger als 222 Abenden zwischen dem 20. Februar 1996 und dem 8. April 2015 trat er dort auf. Daher ist es nur folgerichtig, wenn das renommierte Label Orfeo den Verstorbenen jetzt in seiner Edition Wiener Staatsoper Live gleichsam in memoriam mit Mitschnitten zwischen 1997 und 2014 bedenkt. Enthalten sind auf der 73-minütigen CD Auszüge aus Opern von Beethoven, Wagner und Strauss, wobei der Bayreuther Meister das Gros der Platte ausmacht. In gleich vier Partien ist Botha hier dokumentiert. Zuvörderst ist sein Lohengrin anzuführen, von dem er auch in einer Gesamteinspielung des WDR unter Semyon Bychkov verewigt wurde (Profil/Hänssler). Mit dieser Rolle debütierte er Anfang 1997 in Berlin als Wagner-Sänger. Der enthaltene Mitschnitt datiert auf den 20. Februar desselben Jahres, entstand also nur wenige Wochen danach. Mehr noch als in der elf Jahre jüngeren Gesamtaufnahme verkörpert Botha den Typus des jünglingshaften Helden, dem weder Raum noch Zeit etwas anhaben können. Überirdisch erscheint mir sein Vortrag in der Brautgemach-Szene an der Seite von Cheryl Studer, und zumindest in jüngerer Zeit wird man sich lange nach einem vergleichbaren Lohengrin-Sänger umschauen müssen. Vermutlich bewusst wurde auf die Gralserzählung verzichtet, die Botha bereits einmal auf CD vorgelegt hat (Oehms).

Der Stolzing aus den Meistersingern darf gewissermaßen als die logische Konsequenz des umjubelten Wagner-Debüts Bothas angesehen werden. Wie das informative Beiheft vermerkt, habe der Tenor in diesem fränkischen Rittersmann seine Lebensrolle gesehen. 1998 debütierte er damit zunächst an der Wiener Volksoper, ab 2002 auch im Haus am Ring. Der hier dokumentierte Mitschnitt des Preisliedes — ihm zur Seite kongenial James Rutherford als Sachs — stammt aus Bothas letzter Aufführungsserie im November 2012. Ich selbst habe ihn seinerzeit unter dem Dirigat von Simone Young, der bevorzugten Orchesterleiterin an der Seite Bothas, an der Staatsoper erlebt. Die damaligen Eindrücke werden durch das Tondokument nachdrücklich bestätigt, Johan Bothas Vortrag war damals mit das Highlight des Abends. Eine Gesamtaufnahme von 2008 unter Christian Thielemann ist auf DVD erschienen (Unitel).

Die beiden anderen auf der CD festgehaltenen Wagner-Rollen sind der Parsifal (Aufnahme vom 11. April 2004) und der Tannhäuser (Aufnahme vom 16. Juni 2010). Vollzieht ersterer im Laufe der gleichnamigen Oper die Wandlung vom Knaben zum gestandenen Mann, ist der Tannhäuser doch von gänzlich anderer Natur. Auch diese, eine der schwierigsten Tenor-Rollen bei Wagner, bewältigt Botha — hier gemeinsam mit Christian Gerhaher als Wolfram – , obgleich ihm in der Romerzählung zuweilen auch seine Grenzen aufgezeigt werden. Kein Wunder, dass er sich an den Siegfried niemals heranwagte. Das Rätsel, wieso ausgerechnet der für Botha so prägende Siegmund hier nicht enthalten ist, löst sich ebenfalls dank des Booklets, wo auf die bereits vorgelegte Aufnahme der Walküre von 2007 unter Franz Welser-Möst verwiesen wird (ebenfalls bei Orfeo erschienen). Der Erik aus dem Fliegenden Holländer fehlt gänzlich mangels eines erhaltenen Tonmitschnitts. Bothas kompletter Parsifal ist wiederum unter Thielemann auf DVD bzw. Blu-ray dokumentiert (DG/Unitel).

Nochmal zurück zu den Anfängen. Die Arie „Gott, welch Dunkel hier!“ aus Fidelio ist nicht nur chronologisch der früheste der enthaltenen Opernausschnitte; den Florestan sang Botha auch bereits im Jahre 1997. Der Mitschnitt datiert indes auf den 30. Oktober 2004 und fand unter Leitung des damaligen Musikdirektors Seiji Ozawa statt. Wie schon bei den Wagner-Partien kommt Botha hier seine belcanteske Italianatà zugute. Überhaupt: Der Gesangsstil Bothas entspricht so gar nicht dem grobschlächtigen Typus, den manch anderer besonders im Wagner-Fach etablierte Tenor an den Tag legt. Leider ist das italienische Fach auf dieser Platte ob der beschränkten Spielzeit überhaupt nicht enthalten, lieferte Botha doch gerade auch als Cavaradossi, Andrea Chénier, Turiddu, Otello und Radames eindrückliche Hörerlebnisse. Dafür ist mit Richard Strauss auf der CD ein Komponist gleich dreimal vertreten, bei dem die Tenöre gemeinhin eher nicht die Hauptrolle spielen. Freilich, auch hier tut Johan Botha das ihm Mögliche, um das Gegenteil zu beweisen. Die von Strauss geforderten Höhen erreicht er mühelos, ob nun als Kaiser (11. Dezember 1999), Apollo (13. Juni 2004) oder Bacchus (18. Oktober 2014). Kurios ist beinahe, dass es ausgerechnet der Apollo war, den Botha am häufigsten in Wien sang, eine besonders schwierige Partie, mit der man ihn auf den ersten Blick gar nicht unbedingt verbinden würde. Er ist damit sogar in einer Gesamteinspielung der Daphne unter Bychkov festgehalten (Decca).

Botha war eine jener Sängernaturen, denen die Reduzierung auf das rein Stimmliche entgegenkam. Die CD-Produktion lässt seine eher mäßige Schauspielkunst außen vor und konzentriert sich auf das Wesentliche. Es wäre nämlich schade, schlösse man von rein optischen Gesichtspunkten auf das Können eines Künstlers. Ein Könner war er ohne Zweifel, was diese Edition nur abermals unterstreicht. Wie schon so häufig, widmet sich Orfeo dem Andenken bedeutender Interpreten und leistet mit dieser kleinen, aber feinen CD seinen bescheidenen Beitrag zum anhaltenden Nachruhm des Kammersängers Johan Botha. Daniel Hauser