Wiederentdeckungen

 

In den frühen 1990ern nahm sich Christophe Rousset als Cembalist bereits die kompletten „Livres des pièces de clavecin“ von François Couperin (1668-1733) vor und veröffentlichte mehrere CDs – eine tiefe Zuneigung, die er sich bis heute bewahrt hat und die er mit französischer Gravität zum Ausdruck bringt: „Couperin ist der Freund geblieben, der er versprach zu sein, der zum Herzen spricht, der es auf wundervolle Weise versteht mit seinem Gefolge von verschmitzten, pathetischen und sinnlichen Stücken in den schlimmsten Momenten der Einsamkeit unsere eigenen Gedanken auszudrücken.“ Für Rousset ist Couperin also eine Herzensangelegenheit. In diesem Jahr (2016) legte Rousset nun beim Verlag „Actes Sud Editions“ eine Monographie zu Couperin vor, 2018 steht der 350. Geburtstag des Komponisten bevor. Roussets neue CD mit Musik Couperins ist ein Nebenprodukt dieser Buchveröffentlichung und sollte nicht das letzte Projekt vor dem Jubiläum bleiben. Bei der Forschung nach Manuskripten fand Rousset in den Archiven eine bisher unveröffentlichte Kantate Ariane consolée par Bacchus, die er als bisher einzige bekannte Kantate Couperin zuschreibt. Alte Quellen hatten eine Kantate mit dem Titelwort Ariane zwar erwähnt, identifiziert war sie bis dahin aber nicht, Rousset ist sich sicher, sie nun wieder entdeckt zu haben und scheut nicht vor einer deutlichen Einordnung zurück: melodisch und expressiv hält die Kantate den Vergleich zu Couperins „Leçons de ténèbres“ nicht stand. Zu hören ist ein knapp 15minütiges Werk für Viola, Laute, Cembalo und Bariton. Stéphane Degout singt diesen Trostgesang, bestehend aus drei Paaren von Rezitativ und Arie mit vorbildlicher Stimmführung und macht diese durchschnittliche Kantate durch seine Ausdrucksstärke dennoch zu einem angenehmen Hörerlebnis. Weiterhin gibt es auf dieser CD etwas, was man als posthume Verehrungsbezeugung bezeichnen könnte: zwei Apotheosen für die verstorbenen Komponistenkollegen Jean-Baptiste Lully (1632-1687) und Arcangelo Corelli (1653-1713). Das Concert instrumental sous le titre d’apothéose composé à la mémoire immortelle de l’incomparable Monsieur de Lully aus dem Jahr 1725 enthält programmatische Satzbezeichnungen wie bspw. „Lully auf den elysischen Feldern mit den lyrischen Schatten konzertierend“ oder „Ankunft Apollos, der Lully seine Violine und seinen Platz im Parnass anbietet“. Ein Jahr zuvor hatte Couperin Le Parnasse ou l’Apothéose de Corelli komponiert, auch hier sind die Satzbezeichnungen mit poetischen Qualitäten, z.B: „Corelli zu Füßen des Parnass bittet die Musen, ihn zu empfangen“. Das hört sich zwar nach Pomp und Pathos an, es klingt aber nicht so. Es handelt sich um abwechslungsreiche Kammermusik, gespielt im Geiste der Eleganz und sanfter Rücksichtnahme. Christophe Rousset und Les Talens lyriques interpretieren zu Acht die Totenverehrung: zwei Violinen, Viola, zwei Flöten, zwei Oboen und Cembalo formen den stets in Balance gehaltenen, spielfreudigen Rahmen. Es handelt sich bei den Apotheosen um eine Aufnahme aus dem Dominikanerkonvent im elsässischen Guebwiller, bei der die blumigen Satzbezeichnungen jeweils vorher von einer Stimme angesagt werden. Wer also nur diese Musik in Folge hören will, wird hier nicht fündig. (Aparte AP130)

Idoménée Campra Harmonia Mundi FranceBevor Christophe Rousset sein eigenes Orchester gründete war er Assistent von William Christie, dessen 1979 gegründetes Orchester Les Arts florissants lange wie kaum ein zweites für französische Barockmusik stand. Deren 1991 entstandene Aufnahme der Oper Idoménée von André Campra (1660-1744) wurde nun nach 25 Jahren wieder neu bei harmonia mundi veröffentlicht. Christie wählte nicht die Erstfassung von 1712, sondern die für eine Wiederaufnahme überarbeitete Version von 1731 dieser Tragédie lyrique. Knapp 70 Jahre nach der Erstaufführung ließen sich Mozart und sein Librettist Giambattista Varesco für „Idomeneo, rè di Creta“ an der von Campra vertonten Tragödie des Dichters Antoine Danchet inspirieren, das Werk blieb also wirkungsvoll und im Bewußtsein der Nachwelt. Auch knapp 25 Jahre nach der Entstehung ist diese Aufnahme lebendig, die Neuveröffentlichung enthält allerdings kein Libretto und auch keinen Hinweis auf eine digitale Kopie im Internet, wer kein Französisch versteht, ist auf ein Erahnen des Zusammenhangs angewiesen, wer wann und was singt kann man anhand des Beihefts nur ansatzweise erkennen. Das Original ist im Vergleich zu Mozarts Oper größer besetzt: Elf Einzelsänger werden benötigt, die teilweise mehrere kleine Rollen singen. In diesem Idoménée treten u.a. auch fünf verschiedene mythische bzw. metaphorische Gestalten auf, die angeketteten Sturmwinde werden auf Venus‘ Bitten von Äolus befreit, Proteus erscheint mit einem Seeungeheuer, Neptun tritt ebenso auf wie die Eifersucht und Nemesis – die Versailler Oper diente zur Unterhaltung des Königs und diesen bunten Reiz haben sich Tragédie lyrique und Opéra-Ballets bei Barock-Fans bis heute bewahrt. Dem Epilog (der die Vorgeschichte erzählt und nicht wie üblich ein Loblied auf König und Ordnung anstimmt) folgen 5 Akte und ein Ende ohne Happy-End, die Hochzeit von Idamante und Ilione endet mit dem Tod des kretischen Prinzen in traurigem Unglück. Campra erschafft einige bemerkenswerte Szenen, z.B. das erste Aufeinandertreffen zwischen Idoménée und Idamante nach dem Sturm , das den König zwingt, seinen Sohn zu opfern oder ihr Duett im 3. Akt, Idoménées Flehen „O Neptune, reçoy nos voeux“ oder der Auftritt von Nemesis (mit der dramatischen Beschreibung „Nemesis sortant des Enfers“) im letzten Akt. Die Oper ist reich an schönen Chormomenten und orchestralen Intermezzi und besteht überwiegend aus Rezitativen und Ariosos, bei denen es auf die Ausdruckskraft der Sänger ankommt, die dieser Anforderung sehr gut entsprechen, der Bassit Bernard Deletré ist ein schicksalgebeutelter Idoménée mit vornehmer Stimme, der Tenor von Jean-Paul Fouchécourt in der Rolle des Idamante klingt vorbildlich, Sandrine Piau ist eine erregte Elektra und Monique Zanetti als Illione singt mit lyrisch-leichtem Sopran. Die Aufnahme war üppig besetzt: über 40 Orchestermusiker, 11 Solisten und 30 Chorsängern – die Studioaufnahme entstand in Koproduktion mit dem Festival in Aix-en-Provence und ist auch nach 25 Jahren ein wichtiges und hörenswertes Beispiel für den französischen Barock. (harmonia mundi HMY2921396-98Marcus Budwitius