Pioniertaten des sakralen Frühbarock

Das Label Tactus hatte Messen des in Bologna tätigen Camillo Cortellini (1561-1630) in einer Sammelbox auf drei CDs veröffentlicht, genauer gesagt zwölf Messen, die von elf unterschiedlichen Ensembles gespielt werden. Dass hier keine homogene Wiedergabe aus einer Hand vorliegt, hat einen naheliegenden Grund, die Produktion ist das Ergebnis eines Projekts, das die historische Bedeutung des Bologneser Komponisten als Angelpunkt zwischen später Renaissance und Frühbarock erarbeiten möchte und den Notentext neu editiert. Die Aufnahmen variieren technisch (bspw. mit mehr oder weniger Hall) und stimmlich, wodurch sich aber bei zwölf in der Grundstruktur des kanonischen Texts übereinstimmenden Messen eine Zugewinn an Abwechslung einstellt. Zwischen 1583 und 1586 veröffentlichte Cortellini drei Madrigalbücher, von 1593 bis 1630 war er Kantor der Cappella di San Petronio in Bologna und komponierte 12 Messen, Palmen, Litaneien und Magnificats. Vier Chöre aus Bologna nehmen an diesem Forschungsprojekt teil (Cappella Musicale della Basilica di S. Petronio, Coro Euridice, Coro da Camera Eclectica und Coro da Camera di Bologna) sowie Chöre aus ganz Italien (Coro Citta di Roma und Vocalia Consort (Rom), Coro Histonium (Vasto), Super Partes Vocal Ensemble (Abruzzen), Studium Canticum (Cagliari) und Coro Polifonico (Cordenons)). Zu hören sind Messen für vier, fünf, sechs und acht Stimmen, deren Drucklegung aus den Jahren 1609, 1617 und 1626 stammt. Die fünf namenlosen Messen aus dem Jahr 1609 sind noch der Renaissance verpflichtet, selten erheben sich einzelne Stimmen. Der Zyklus von 1617 besteht aus vier Messen für zwei vierstimmige Chöre, die Namen haben: Missa Salvatoris mundi, Missa Beatae Virginis Mariae, Missa Angelis custodis und die Missa Sancti Caroli – eines der ersten Beispiele, in dem neben der Orgel auch Instrumente eingesetzt wurden, und zwar im Gloria, in dem verhalten drei Posaunen erklingen. Die späten Messen von 1626 (Missa in Domino confido, Missa Exaudi me Domine, Missa Salvum me fac) zeichnen sich durch weitere Abwechslungen aus und sind alle im Stil „concertato“. Die Box ist vor allem ein interessantes musikhistorisches Dokument, das anhand eines noch wenig erforschten Komponisten die musikalische Evolution im Frühbarock hörbar macht. (3 CDs, Tactus TC560380)

Ob Luigi Rossi (1598-1653) das Oratorio per la Settimana Santa komponiert hat, ist eine ungeklärte Frage. Das anonyme Manuskript wurde in der vatikanischen Sammlung des Kardinals Antonio Barberini entdeckt und nach 1950 Rossi zugeordnet, der in Diensten Barberinis stand, aber auch andere Komponisten kommen in Frage. Das in den 1640er Jahren komponierte Oratorium für die Karwoche ist nicht in Latein, sondern in Italienisch vertont, ein oratorio volgare, das außerdem sowohl eines der ersten als Oratorium bezeichnete Werke als auch das früheste Beispiele für ein auf der Passion Christi basierendes Oratorium darstellt. Die Leidensgeschichte wird nicht streng biblisch erzählt. Zu Beginn fordert das Volk Barabas‘ Freilassung. Pilatus, dargestellt als seriöser Charakter und schön gesungen vom Bass Sergio Foresti, zögert und fügt sich. Daraufhin jubilieren die Dämonen, erst ein einzelner Sänger (Bass Jean-Paul Majerus), dann ein Chor, den der Komponist bis zur Fünfstimmigkeit erweitert. Im Zentrum steht nun der Klagegesang der Jungfrau Maria, der weiterhin von Dämonen unterbrochen ist, ohne dass beide in Dialog treten. Sopranistin Véronique Nosbaum als Jungfrau hat eine lange Szene, die verschiedene Ausdrucksformen fordert (bspw. Secco Rezitativ, Arie, Arioso). Am Schluss steht ein Madrigale ultimo, eine Meditation über die Kreuzigung und das Leid Marias, das das Werk mit kontemplativen Charakter beschließt. Weiterhin sind Sopran Laurie Dondlinger, Countertenor Jonathan de Ceuster sowie Tenor Peter de Laurentiis zu hören, das junge luxemburgische Vokalensemble cantolX singt den Chorpart. William Christie und Les Arts Florissants widmeten sich vor ca. 30 Jahren diesem Werk und dem Komponisten. Der Vergleich zeigt, dass beide Aufnahmen auf vergleichbarem Niveau sind. Christie orchestrierte zusätzlich mit Harfe und Lirone und erzeugte einen reicheren Klang, sängerisch ist seine Interpretation etwas theatralischer, die hier vorliegende Neueinspielung wirkt etwas schlanker. Ergänzt wird das Oratorium durch kleinere Werke. Peri und Caccini vertonten Euridice, Monteverdi Orfeo, um 1615 tauchte eine vierte Version auf, Domenico Belli komponierte Orfeo Dolente als ein kurzes Zwischenspiel, das zwischen den Akten einer Oper aufgeführt wurde und aus dem „Numi d’Abissia“ zu hören ist. Belli erweist sich dabei als „typischer Repräsentant der florentinischen Monodie“. Das Ensemble de La Chapelle Saint-Marc ist ein Kammerorchester aus Luxemburg, das hier in der Summe mit sechs Musikern zu hören ist, Dirigent Frank Agsteribbe begleitet am Cembalo und spielt als Solokünstler kurze Instrumentalstücke, je eine Toccata von Luzzasco Luzzaschi, Giovanni Picchi sowie von Girolamo Frescobaldi ergänzen diese gelungene Aufnahme. (Et’Cetera KTC 1586) Marcus Budwitius