Hausmannskost im Paradies

 

Es gibt Aufnahmen, die wandern mit den Jahren von einem Label zum anderen. Das 1981 in Leipzig eingespielte Oratorium Das Paradies und die Peri von Robert Schumann, das in der DDR zunächst auf Langspielplatten erschien, gelangte nach der deutschen Wiedervereinigung zu Berlin Classics und wurde nun bei Brilliant neu aufgelegt (95306). Das ist verdienstvoll, weil bei der Besetzung nicht gespart wurde. Alle Aufgaben sind solistisch besetzt, auch das Quartett. Dadurch erfährt das Werk die schon vom Komponisten erwünschte Dynamik. Insgesamt wirken neun Sängerinnen und Sänger mit, die – mit Ausnahme der Mezzosopranistin Marga Schiml – in der DDR allesamt an ersten Häusern engagiert waren: Carola Nossek (Sopran / Jungfrau), Rosemarie Lang (Alt), Eberhard Büchner (Tenor), Christian Vogel (Zweiter Tenor), Klaus König (Jüngling), Siegfried Lorenz (Bariton / Der Mann) sowie Hans Christian Polster (Bass / Gazna). Obwohl aus der Slowakei stammend, gehörte die Sopranistin Magdaléna Hajóssyová, die die Peri singt, in der DDR quasi mit dazu. Denn die Slowakei war als Teil der CSSR ein so genanntes sozialistisches Bruderland. Als Engel ist die Schiml der einzige Westimport.

Technische Voraussetzungen für die sehr hoch gelegene Partie der Peri bringt die Hajóssyová durchaus mit, die an der Berliner Staatsoper von Euryanthe bis Margarete und zuletzt noch als Kammerfrau im Macbeth sehr vielseitig eingesetzt war und eine große Fangemeinde hatte. Die Spitzentöne beim Einzug ins Paradies im Finale sind allerdings ertrotzt und nicht frei genug. Sie ist nicht gut zu verstehen und lässt die nötige Emphase vermissen. Es gibt sehr erhebende Momente in dieser Produktion, aber auch reichlich Hausmannskost. Wenn der Chor dramatisch mit dem Orchester zusammentritt, wirkt der Klang nicht immer ganz ausbalanciert und sauber. Am schönsten sticht der unverkennbare Tenor von Eberhard Büchner hervor, der sich auch als Jüngling besser gemacht hätte als der schwere Klaus König. Es singt der Rundfunkchor Leipzig. Das Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig wird von Wolf Dieter-Hausschild geleitet, der drei Jahre später der DDR den Rücken kehrte.

War Requiem Kegel BrilliantMit dem War Requiem von Benjamin Britten gönnte sich die Plattenfirma Eterna einen ganz besonderen Luxus. Es wurde nämlich gleich zweimal eingespielt, obwohl die ursprünglichen Intentionen des englischen Komponisten so gar nicht mehr der offiziellen Politik der DDR entsprachen. Britten wollte mit seinem Werk einen Beitrag zur Versöhnung der im Zweiten Weltkrieg verfeindeten Länder leisten und hatte sich für die Uraufführung drei Solisten aus Deutschland (Dietrich Fischer-Dieskau), Großbritannien (Peter Pears) und der Sowjetunion (Galina Wischnewskaja) gewünscht. Die Russen, nicht auf solche Verbrüderung aus, durchkreuzten diesen schönen Plan und ließen die Wischnewskaja nicht ausreisen. Bekanntlich übernahm Heather Harper den Part. Bei der ersten Einspielung unter Brittens Leitung war die Russin schließlich doch noch zugelassen. In dem groß angelegten Werk werden Verse des 1918 gefallenen englischen Dichters Wilfried Owen mit lateinischen Messetexten wirkungsvoll verbunden. Fischer-Dieskau übersetzte die Gedichte gemeinsam mit Ludwig Landgraf ins Deutsche. In dieser Fassung wurde das Reqiuem erstmals in der DDR eingespielt. Das dürfte Anfang der 1970er Jahre gewesen sein. Aufnahmedaten wurden damals noch nicht auf den Plattenalben vermerkt. Solisten waren Hanne-Lore Kuhse, Peter Schreier und Günther Leib. Sie klingen sehr homogen und gut aufeinender abgestimmt, die Kuhse erhebt sich im hochdramatischen Libera me flammend über Chor und Orchester. Es wirken der Rundfunkchor, der Rundfunkkinderchor, das Rundfunkssinfonie und Kammerorchester aus Leipzig mit. Dirigent ist Herbert Kegel, der auch die zweite Einspielung mit der Dresdener Philharmonie im Jahr 1978 besorgte. Sie wurde jetzt ebenfalls von Brilliant neu auf den Markt gebracht (95354). Mit dabei ist wieder der Leipziger Rundfunkchor, unterstützt von den Dresdner Kapellknaben. Nun werden die Owen-Gedichte in der Originalsprache gesungen. Dem australische Tenor Anthony Roden gehen sie leicht über die Lippen, nicht so sehr dem Deutschen Theo Adam, der ziemlich gestelzt wirkt. Aus Norwegen kommt die Sopranistin Kari Løvaas, die im Vergleich zur Kuhse nicht so eindringlich singt. Vom Orchester her unterscheiden sich beide Stereo-Aufnahmen kaum voneinander. Reizvoll wäre es gewesen, sie in einer Box zusammenzuführen, denn die erste Produktion ist bisher nicht auf CD erschienen.

Parsifal Kegel CDParsifal und Palestrina: Die DDR hat sich mit diesen zwei zentralen Werkes der deutschen Musikliteratur sehr schwer getan. Sie berief sich zwar gern und oft auf das kulturelle Erbe. Was aber in ihr enges Weltbild von „allen Menschen“, die „Brüder werden“, nicht hineinpasste, wurde nicht nur ausgeblendet, es existierte einfach nicht. Bis in die 1970er Jahre hinein gab es keine Note aus beiden Werken auf Schallplatte. Dabei kam der Parsifal schon 1950, noch im Metropoltheater, dem Ausweichquertier der Ostberliner Staatsoper, auf die Bühne mit Solisten wie Martha Mödl, Josef Metternich und Gottlob Frick. Dirigent war Joseph Keilberth. Auch Dessau, wo Richard Wagner-Festspiele nach Bayreuther Vorbild veranstaltet wurden, gelangte das Bühnenweihfestspiel zur szenischen Aufführung. 1957 folgte Weimar. Mit konzertanten Darbietungen hatten sich zwischenzeitlich 1953 Gera und 1961 gar Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt, versucht. Dann war lange Zeit Schluss, wie es auch in dem Buch „Richard Wagner in der DDR“ von Werner P. Seiferth dokumentiert ist. Hinter der Mauer, die 1961 errichtet wurde, waren spätbürgerliche Befindlichkeiten obsolet.

Eine konzertante Aufführung am 11. Januar 1975 in der Leipziger Kongresshalle, die von Herbert Kegel dirigiert wurde, glich in ihrer Bedeutung einer Art Erstaufführung. Zumal für damals jüngere Leute, die gar nicht wussten, wie diese Musik live klingt. Der oberste DDR-Musikkritiker Ernst Krause hatte noch 1977 in seinem „Opernbuch von A-Z“ ziemlich unverstellt zum Ausdruck gebracht, dass Parsifal in Bayreuth am besten aufhoben sei – und mit erhobenem Zeigefinger davor gewarnt, „Konzertaufführungen dürften erst Recht nicht Wagners Intensionen entsprechen“. Gleichzeitig gab er die Empfehlung aus, dass „fragwürdige zweimalige Weihe-Ritual“ nur anzudeuten. Der unerschrockene Kegel scherte sich nicht um solche Ratschläge. Er schritt zur Tat. Sein Konzert gelangte 1978 beim VEB Deutsche Schallplatte (Eterna) als Mitschnitt auf die Platte. Der CD-Umschnitt in reinstem Stereo wurde jetzt von Brilliant herausgegeben (95120). Der Klang hat die Jahrzehnte bestens überstanden. Nach lange Zeit diesen Mitschnitt, der von Publikumsgeräuschen völlig befreit wurde, wiedergehört, wird auf beglückende Weise deutlich, was Dirk Stöve im Booklet so ausdrückt: „Der Leichtigkeit und Transparenz des Klangbildes ist mitunter etwas Entmaterialisiertes zu eigen, das an Debussy und seine sublime Art der Instrumentation denken lässt.“ Insofern vertieft Kegel noch, was Pierre Boulez bei seinem Aufsehen erregenden Bayreuther Parsifal-Debüt von 1966 begonnen hatte. Er nimmt der Musik die Schwere, nimmt ihr aber auch viel von der mystischen Wirkung, die vor allem Knappertsbusch zugeschrieben wird. Wie genau der Däne Ulrik Cold als Gurnemanz und René Kollo als Parsifal dem Dirigenten folgen, klingt heute noch genau so neu und frisch wie einst.

Beide lösen sich aus der Tradition, lassen die Vorbilder links liegen und nehmen ihre großen Aufgaben ziemlich unerschrocken und sportlich. Kegel musste beide Sänger im Westen „einkaufen“, weil er sie in der DDR offenbar nicht fand. Es rächte sich, dass das Fach vernachlässigt worden war. In der DDR hatte es nach Ernst Gruber immer an Heldentenören gemangelt – bis Harry Kupfer 1975 bei seinem Dresdner Tristan plötzlich den seit Jahren in der DDR engagierten Bulgaren Spass Wenkoff auf dem Hut zauberte und ihn 1977 auch bei der Premiere seiner Parsifal-Inszenierung an der Berliner Staatsoper Unter den Linden die Titelrolle singen ließ. Obwohl ein Verehrer von Theo Adam, bin ich plötzlich ziemlich erschrocken, wie er sich durch die Partie des Amfortas brüllt. Als Gurnemanz war er in späteren Jahren wesentlich besser aufgestellt. Eine Spur zu temperamentvoll agiert Gisela Schröter als Kundry, die in wilder Auffahrung beim Konzert sogar ihr Mikrophon umgeworfen hat. Sie fügt sich mit ihrer flackenden Stimme trotz vieler berührender Momente dem Konzept von Kegel am wenigsten ein. Die Sängerin Ingeborg Zobel hielt sich an dem Abend als Einspringerin für den Fall der Fälle bereit, kam aber nicht zum Zuge, was ich im Stillen immer ein wenig bedauert habe.

Palestrina Suitner CDFür Palestrina von Hans Pfitzner hatte sich in der DDR der aus Österreich stammende Generalmusikdirekter der Berliner Staatsoper Unter den Linden, Otmar Suitner, eingesetzt. Nach zwei konzertanten Aufführungen 1979 betreute er auch 1983 die erste szenische Aufführung in einer Inszenierung des damaligen Chefregisseurs Erhard Fischer mit Peter Schreier in der Titelrolle. Darauf folgte eine geteilte Wiedergabe als Konzert im damaligen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Im Juni 1986 wurden der erste und der dritte, ein Jahr später im Januar der zweite Aufzug gegeben. Die bizarre Aufteilung erfolge wohl mit dem Ziel der Veröffentlichung auf Platte. Sonst würde sie keinen Sinn ergeben. Wüsste man es nicht besser, die zeitliche Verzögerung ist dem Dokument, jetzt ebenfalls bei Brilliant (95113). Wie denn auch. Palestrina tritt nur in den Eckaufzügen auf. Bis auf Kardinal Borromeo (Siegfried Lorenz) kommen die vielen Mitwirkenden des mittleren Aufzuges nur dort  zum Einsatz, wenn sie nicht schon kleinere Ausgaben als Meister im ersten Aufzug haben. Das Werk kommt einer Teilung aus sich selbst heraus entgegen. Der Klang ist für die schwierigen akustischen Bedingungen in dem Saal, der sich heute Konzerthaus nennt, erstaunlich klar und transparent.

Gurrelieder1986, also vier Jahre vor seinem Freitod, nahm sich Herbert Kegel  Arnold Schoenbergs Gurrelieder vor, jene monströse Kantate nach einer Novelle von Jens Peter Jacobson. Sie ist nun ebenfalls in den Katalog von Brilliant Classics eingegangen (94724). Die Rundfunkchöre Berlin und Leipzig werden durch den Prager Männerchor verstärkt. Verstärkung holte sich auch die Dresdner Philharmonie vom Rundfunk-Sinfonie-Orchester aus Leipzig. Der gewaltige Apparat kommt nur selten in Gänze zum Einsatz, Kegel betont zudem die intimen Seiten. Eva-Maria Bundschuh, als Isolde gefeiert, gibt die Tove, Rosemarie Lang die Waldtaube, Manfred Jung, der Bayreuther Siegfried bei Patrice Chéreau, den Waldemar, Ulrik Cold – in Kegels Leipziger Parsifal der Gurnemanz – den Bauer. Als Erzähler wurde kein Geringerer als Gert Westphal engagiert, der einen merkwürdig altmodischen Zug in die ansonsten sehr diesseitige Aufnahme einbringt.

Walpurgisnacht Masur CDMade in GDR war auch Die erste Walpurgisnacht von Felix Mendelssohn Bartholdy bei Brilliant (95119). Zugrunde liegt die gleichnamige Ballade von Goethe aus dem Jahr 1799. Diese Produktion entstand 1973 mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Damals war der Dirigent Kurt Masur seit drei Jahren dessen Chef. Er entfesselt zwar aufs Eindrucksvollste die Kraft und Dramatik, die in diesem Werk stecken, für meinen Geschmack geschieht das allerdings etwas zu robust. Es fehlen die hintergründigen Zwischentöne, es flackert nicht, wie es flackern sollte. Es rumst. Als Solisten wirken erste Kräfte mit, die sich aber schwer tun mit ihren Aufgaben. Der Tenor Eberhard Büchner, dessen Vorzug ein unverwechselbares Timbre ist, jubelt nicht genug. Er bleibt zu sehr im Rezitativischen stecken. Annelies Burmeister, stilistisch sehr sicher, ist eben doch kein klassischer Kontraalt, wie er nötig wäre. Siegfried Lorenz, Bariton, und der Bassist Siegfried Vogel bleiben vor allem im Ausdruck und in der Emphase unter ihren Möglichkeiten. Die CD wird mit der Konzertarie Infelice! Ah, ritorna, età felice“, angestrengt und für meinen Geschmack zu schrill gesungen von Edda Moser, der Ouvertüre in C wie den Concert-Ouvertüren Das Märchen von der schönen Melusine und Meeresstille und glückliche Fahrt, aufgefüllt. Rüdiger Winter