Oper als moralische Anstalt

 

Vor 100 Jahren war das Opern-Oratorium Quo Vadis ein viel aufgeführtes Werk. Zwischen 1909 und dem Ausbruch des 2. Weltkriegs stand es mehr als 200 Mal in Europa und in Amerika auf den Spielplänen. Der Titel ist natürlich weltweit durch den Roman des amerikanisch-polnischen Schriftstellers Henryk Sienkiewicz bekannt, der als Vorlage für den Mammutfilm mit Robert Taylor und Deborah Kerr von 1951 diente (erste Verfilmungen entstanden bereits in der Stummfilmzeit; am bedeutendsten davon ist die italienische Verfilmung aus dem Jahr 1913 von Enrico Guazzoni, die einer der ersten abendfüllenden Kinofilme war). Zumindest im Westen erinnert sich fast jeder an diesen Schinken, wo Peter Ustinov als fieser Nero die Löwen auf die Christen hetzt (oben eine Szene mit Peter Ustinov in dem MGM-Film von 1951 unter der Regie von Mervyn LeRoy).

„Quo Vadis“: Henry Sienkiewics/ OBA

Die Vorlage Sienkiewiczs wurde mehrfach vertont, so auch von Jean-Charles Nouguès (* 25. April 1875 in Bordeaux, Aquitaine; † 28. August 1932 in Paris, Ile de France) in Paris 1909, gespielt auch zur Eröffnung der Volksoper Budapest und im Teatro Liceu in Barcelona am 27. November 1920. Das französische Libretto stammte von Henri Cain. Und das würde man wahnsinnig gerne hören wollen. Youtube hat ganz wenige Dokumente dazu mit Yvonne Gall u. a.  Erfolgreicher war die katholisch-national orientierte Oratorien-Version von Feliks Nowowiejski, die sich schnell durchsetzte und die Theater/ Konzertsäle eroberte.

„Quo Vadis“: Auch Jean Nougués schrieb eine Oper dieses Titels/ BNF

Nun sind gleich zwei Aufnahmen des Opern-Oratoriums des polnischen Komponisten Nowowiejski erschienen, die das Werk von 1903 feiern und aus Anlass des 100. Todestages des Schriftstellers wie des 70. Todestages des Komponisten 2016 vorstellen. Eine ist der Konzertmitschnitt unter Lukas Borowicz in Posen 2016 bei cpo in einer nachträglich ins Polnische übertragenen Fassung. Die andere stammt von der Masurischen Philharmonie unter Piotr Sulkowski bei Dux in dem originalen deutschen Libretto von Antonie Jüngst (eine beachtenswerte Leistung der Veranstalter angesichts der fast obsessiven „Verpolnischung“ ehemals deutscher Text-Vorlagen wie die von Rubinsteins Manru und vielen anderen). Im Folgenden bringen wir eine Rezension des luxemburgischen Kollegen Remy Franck, der auf seiner hochinformativen website Pizzicato (deren Chefredakteur er ist) die beiden Aufnahmen besprochen und uns diese Rezension liebenswürdiger Weise überlassen hat. Danach gibt es einen Originaltext des in operalounge.de vielfach gelobten und präsenten polnischen Dirigenten Lukasz Borowicz aus dem cpo-Booklet zu Werk und Verbreitung. Und zum Schluss folgt ein Artikel von Katherina Lindt zu Henry Siekiewicz und seinem Echo in Polen und der Welt von der polnischen website www.polen-pl.eu anlässlich der 100-Jahrfeier für Henryk Sienkiewicz. G. H.

 

„Quo Vadis“/ Feliks Nowowiejski/ Wiki

Remy Franck: Der polnische Komponist, Organist und Dirigent Feliks Nowowiejski (1877-1946) komponierte schon mit 10 Jahren sein erstes Klavierstück. Nachdem er eine Kantate an die Königliche Akademie der Künste in Berlin eingesandt hatte, wurde er im Jahre 1900 in die Meisterklasse für klassische Komposition unter Max Bruch aufgenommen. Während einer Studienreise durch Europa traf er Komponisten wie Antonin Dvorák, Gustav Mahler, Camille Saint-Saëns, Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo. Er wurde danach Kompositionslehrer, gleichzeitig Organist und Chorleiter an der St.-Hedwigs-Kathedrale und später an der Dominikanerkirche St. Paulus in Berlin. 1907 komponierte der mittlerweile mit vielen Preisen dekorierte Komponist das große Oratorium ‘Quo Vadis’, das seinen Weltruf begründete.

Ab 1909 wirkte Nowowiejski in Krakau, ging aber nach Kriegsausbruch aufgrund zunehmender Anfeindungen in Polen nach Deutschland zurück. 1918 ließ er sich in Poznan nieder und war dort als Dozent am Musikkonservatorium, sowie als Komponist, Dirigent und Chorleiter tätig. Er wurde ein Exponent des polnischen Patriotismus, was zum Streit mit seinem einflussreichen Lehrer Max Bruch führte, der erreichte, dass Nowowiejskis Musik in Deutschland von den Spielplänen verschwand. 1941 beendete ein Schlaganfall Nowowiejskis Laufbahn. Der Musiker starb 1946 in Poznan.

Quo Vadis op. 30 basiert auf dem gleichnamigen Roman von Henryk Sienkiewicz. Das deutsche Libretto von Antonie Jüngst wurde später in mehrere Sprachen übertragen. Doch das Oratorium wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr im Ausland aufgeführt, und es war Lukasz Borowicz, der es 2016 nach Berlin brachte. Diese Produktion liegt auch der vorliegenden CD-Aufnahme von cpo zugrunde, die ungefähr zeitgleich mit jener von Dux auf den Markt kam.

Nowowiejskis „Quo vadis“ bei cpo

Der Unterschied zwischen beiden ist, dass Borowicz eine Fassung mit polnischem Text dirigiert,  „so wie es sich der Komponist gewünscht hätte“, sagt der Dirigent, während die von Dux den originalen deutschen Text benutzt. Lukasz Borowicz gelingt es, die oft ins Pompöse tendierende Musik geschmeidig und flexibel klingen zu lassen. Der Klang des Philharmonischen Orchesters aus Poznan und des Podlachischen Chors bleibt transparent und blüht in kräftigen Farben auf. Bei aller Dramatik, die der Dirigent effektvoll schürt, geht es Borowicz vor allem darum, die Musik stimmungsvoll werden zu lassen und ihre Botschaft in den Mittelpunkt zu stellen. Das wird besonders in der sehr inspiriert gestalteten Dritten Szene sowie in der ergreifenden Vierten Szene deutlich, wenn Petrus und die Christen auf der Via Appia hinter sich das von Nero in Schutt und Asche gelegte Rom sehen und der Apostel sein Glaubensbekenntnis ablegt.

Den Petrus singt der Bariton Robert Gierlach, der mit seinem metallischen Timbre und viel schlanker Kraft den Gesang absolut hinreißend werden lässt. Demgegenüber ist sein Bruder Wojtek Gierlach als Prätorianer etwas überfordert, und seine Stimme irritiert mit einem zu starken Vibrato. Sehr gut hingegen singt die Sopranistin Wioletta Chodowicz mit ihrer warmen Stimme. Orchester und Chor beeindrucken durch eine hohe Qualität

Dieses Niveau erreichen die Kräfte aus Olsztyn nicht ganz, wenn auch der Unterschied nicht sehr groß ist. Vor allem aber gelingt es dem Dirigenten Piotr Sulkowski nicht, der Musik jene vibrierend schlanke Dramatik zu geben, die Borowicz’s Aufnahme auszeichnet. Hinzu kommt, dass Borowicz die etwas patchworkartig wirkende Musik deutlich besser im Griff hat und stilistisch einheitlicher werden lässt als Sulkowski. Bei Borowicz strebt die Musik zielgerichtet einem Höhepunkt entgegen, während sie bei Sulkowski letztlich etwas anekdotischer bleibt.

„Quo Vadis“/ Henryk Siemiradzki Christian: Dirce (1890)/ Wiki

Die Solisten der Dux-Aufnahme sind sehr gut. Aleksandra Kurzak gefällt mit einer reinen und leuchtkräftigen Sopranstimme. Artur Rucinski hat ein etwas wärmeres Timbre als Gierlach, kann aber den Petrus nicht so zwingend darstellen wie sein Konkurrent in der Borowicz-Einspielung, dessen souveräne Leistung im Vergleich noch viel stärker auffällt. Während Rucinski älter und reifer, manchmal sogar sentimental klingt, zeichnet Gerlach einen forsch entschlossenen Petrus voller Tatendrang. Der Bass Rafal Siwek ist dem Prätorianer von Robert Gierlach deutlich überlegen.

Aufnahmetechnisch klingt die cpo-Einspielung eindeutig ausgeglichener als die von Dux, in der etwas viel mit den Reglern gearbeitet wurde. Die cpo-Einspielung ist zwar genau wie die Dux-Einspielung deutlich in die Tiefe angelegt, erlangt aber im Hintergrund nicht jene prägnante Klarheit, die die Aufnahme aus Poznan auszeichnet. Das größte Handicap der Dux-Aufnahme ist wohl die deutsche Sprache, die von den Sängern nicht wirklich idiomatisch behandelt wird. Da wären dann wohl ein deutscher Chor und deutschsprachige Solisten besser mit dem Text zuwege gekommen.

„Quo Vadis“/ Der Autor: Pizzicato-Chefredakteur Remy Franck mit Mohamed El Wakil, CEO von NGL – Naxos Global Logistics (Foto Naxos/ Pizzicato)

Wer sich nicht beide Einspielungen kaufen will, sollte sich daher wohl eher für die Borowicz-Aufnahme bei cpo entschließen. Sie ist musikalisch besser und wird dem großartigen Werk von Nowowiejski mit viel Spannkraft vollauf gerecht. Remy Franck (mit Dank!)

 

Felix Nowowiejski: Quo Vadis); Wioletta Chodowicz, Sopran, Wojtek Gierlach, Bariton, Robert Gierlach, Bass, Podlasie Opera and Philharmonic Choir, Poznan Philharmonic Orchestra, Lukasz Borowicz: 2 CDs cpo 555089-2; Aufnahme 05/2016, Veröffentlichung 2017 

Felix Nowowiejski: Quo Vadis; Aleksandra Kurzak, Sopran, Artur Rucinski, Bariton, Rafal Siwek, Bass, Sebastian Szumski, Baritone, Arkadiusz Bialic, Orgel, Gorecki Chamber Choir & Feliks Nowowiejski Warmia and Mazury Philharmonic, Piotr Sulkowski; 2 CDs Dux 1327-28; Aufnahme 2016, Veröffentlichung 2017

 

„Quo Vadis“/ Lukasz Borowicz/Koncert Polskiej Orkiestry Radiowej (próba) lutoslawski.org.pl

Und nun Lukasz Borowicz: Vor einhundert Jahren war es in ganz Europa der absolute Renner – das Oratorium Quo Vadis von Feliks Nowowiejski. Jetzt hat es die Philharmonie Poznań unter Leitung von Łukasz Borowicz mit hervorragenden Solisten und dem Chor der Podlachischen Oper und Philharmonie Białystok wieder neu herausgebracht.

Feliks Nowowiejski komponierte sein Oratorium 1903. In den darauf folgenden dreißig Jahren wurde es mehr als 200 Mal in ganz Europa und in beiden Amerikas aufgeführt. Nicht zuletzt weil die literarische Vorlage, Henryk Sienkiewiczs Roman gleichen Titels, sehr bekannt war. Für sein literarisches Schaffen war der polnische Schriftsteller Sienkiewicz 1905 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden – die Popularität seines Romans „Quo Vadis“ dürfte daran einen beträchtlichen Anteil gehabt haben.

Das Oratorium Nowowiejskis geriet in der Folgezeit quasi in Vergessenheit. Schon deshalb, weil die großbesetzte Gattung an sich Schwierigkeiten im Konzertsaal bekam. Anders als die Oratorien Georg Friedrich Händels und Joseph Haydns sind die allermeisten „chorsinfonischen“ Werke des 19. und 20. Jahrhunderts bis heute nicht wieder in die Veranstaltungskalender zurückgekehrt, ob sie nun religiösen oder profanen Inhalts sind. Quo Vadis ist sicher beides, ein nationalistisch deutbares Epos über die Christenverfolgung zu Zeiten des Römischen Kaisers Nero und dessen Tyrannei, die auf einem pervertierten System wie auf dem krankhaften Charakter eines Despoten beruhte. Zugleich ist sie aber ein Aufruf zu religiöser Umkehr und zur „richtigen“ Lebensführung.

„Quo Vadis“: Poster zum Stummfilm 1913/ poster.com

2016 jährt sich der Todestag des Komponisten Felix Nowowiejski zum 70. Mal. Nowowiejski lebte viele Jahre in Berlin, er war hier als Organist tätig und studierte einige Jahre u.a. bei Max Bruch. In Berlin komponierte er auch viele Teile seines Oratoriums, nachdem er seine ersten Anregungen dazu im Laufe einer Reise nach Rom bekommen hatte. 1907 wurde die erste Fassung seines Oratoriums in Usti nad Labem uraufgeführt. Nowowiejski unterzog es anschließend einer starken Revision und brachte es 1909 im Concertgebouw in Amsterdam erneut auf die Bühne. Nun trat es seinen Siegeszug durch die großen Konzertsäle der Welt an.

2016 ist auch Henryk-Sienkiewicz-Jahr, es ist der 100. Todestag des Dichters – und zugleich sind 170 Jahre seit seiner Geburt vergangen. Aus diesem Anlass spielt die Posener Philharmonie Nowowiejskis Oratorium „Quo Vadis“ nicht nur in Konin und Poznań, sondern auch in Berlin.

Feliks Nowowiejskis Biografie und künstlerisches Schaffen symbolisiert darüberhinaus etwas anderes: Er wurde im Ermland als Sohn einer polnisch-deutschen Familie geboren. Seine national-polnische Identität entstand im wesentlichen in den Jahren seines Studiums in Berlin, nicht zuletzt aufgrund der Germanisierungspolitik des Deutschen Kaiserreiches in den östlichen Provinzen und den besetzten polnischen Gebieten. Doch während des 1. Weltkrieges zog Nowowiejski zurück von Krakau nach Berlin, weil er aufgrund seiner Herkunft angefeindet wurde, und diente als kaiserlich-preußischer Militärkapellmeister, um sich dann in Poznań niederzulassen, als der polnische Staat wiedererstanden war. Viele der Werke Nowowiejskis sind Ausdruck dieser Identitätssuche, vor allem auch das Oratorium Quo Vadis. Doch es verkörpert ebenso allgemein humanistische Werte – wie das literarische Werk Sienkiewiczs – und taugt nicht zur politischen Vereinnahmung, weder damals noch heute.

 

„Quo Vadis“/ Henryk Sienkiewicz und Kazimierz Pochwalski auf einem Gemälde von Kazimierz Pochwalski 1940/ polen-pl.eu

Zum Autor des Romans, Henryk Sienkiewicz nun Katharina Lindt: Quo vadis Polen? Eines haben sie gemeinsam, die Kulturpatrone des Jahres 2016: Sie sind patriotische Helden. Ihre Werke und ihre Taten formten Generationen von Polen und Polinnen. Es überrascht also nicht, dass die Entscheidung der Kommission für Kultur im Sejm auf den Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz sowie den Komponisten zahlreicher patriotischer Lieder, Feliks Nowowiejski, fiel. Auch den Fallschirmagenten der polnischen Exilstreitkräfte, den sogenannten Chichociemni, wird dieses Jahr die Ehre zuteil, Kulturpatrone zu sein. Die im Oktober gewählte Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość, kurz PiS) besinnt sich nicht nur auf den Patriotismus, sondern auch auf die katholischen Wurzeln des Landes. Erinnert wird an das wichtige Ereignis der Nationengründung, als Polen vor 1050 Jahren getauft wurde.

Erster polnischer Nobelpreisträger: Henryk Sienkiewicz war der erste Pole, der einen Nobelpreis für Literatur erhielt. „Seine historischen Romane gaben Generationen von Polen in Zeiten nationalen Unglücks seelischen Halt“, so die Begründung der Kommission. Er war ein Botschafter des Polentums. Einer, der als geistiger Hetman (Heerführer im ehemaligen Königreich Polen) der Polen bezeichnet wird. Sienkiewicz schrieb, als sein Land von drei Großmächten – Preußen, Russland und Habsburg – geteilt war. Die Einigung des Volkes ist die Konstante seiner Prosa. Deshalb wird Sienkiewicz solch eine hohe Würdigung zuteil, denn sein Erbe bildet die Grundlage für die patriotische Erziehung junger Generationen von Polen. „Wir alle tragen Ihn in uns“ (My wszyscy z niego), heißt es im Schreiben der Kommission.

Am 15. November 2016 jährte sich sein Todestag zum 100. Mal. Dazu gab es im Verlauf des Jahres zahlreiche Veranstaltungen und Lesungen, die an das vielfältige Werk des Autors erinnern sollen. Es stellt sich also die Frage, warum lieben Polen Sienkiewicz?

„Quo vadis“, 1925 mit Emil Jannings/ Poster/ Propic

Historischer Roman: „Mit Geschichte will man etwas“, so Alfred Döblin in seinem Aufsatz Der historische Roman und wir. Das historische Erzählen stellt für Döblin eine Möglichkeit dar, die Gegenwart distanziert zu betrachten. Auch wenn wir heute mit einem historischen Roman zu allererst opulente Kulissen, Kostüme, epische Szenen, Intrigen und Heldentum verbinden, die ins Kitschige abzugleiten scheinen, erlebte der historische Roman im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt.

Er diente der Identitätsstiftung von Nationen. In der Romantik fingen Autoren an, sich für Geschichte zu interessieren. Damit sollte die Vergangenheit nicht verklärt, sondern gedeutet werden.  Man denke nur an Werke wie Der Glöckner von Notre Dame von Victor Hugo, Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper oder Krieg und Frieden von Lev Tolstoj – sie alle setzten sich aus einer komplexen Verflechtung aus Historie und Fiktion zusammen. Sie versuchen zu erklären, wie das Individuum in ein politisches und psychologisches Ereignis verflochten ist. Ein historischer Roman ist eine narrative Erkenntnis über das „wie“ und „wozu“.

Auch Sienkiewicz wollte mit Geschichte etwas – dem gebeutelten polnischen Volk Mut machen. Doch bis der historische Roman Sienkiewicz‘ Signatur wurde, durchlief der Autor einen langen publizistischen Weg.

Nowowiejskis „Quo Vadis“ bei DUX

Geschichte schreiben: In der Woiwodschaft Lublin 1846 geboren, die damals dem Russischen Kaiserreich angehörte, wuchs Sienkiewicz bereits als kleines Kind mit der Bedeutung des Patriotismus auf. Sein Vater Józef Sienkiewicz, ein armer Landadeliger, war nämlich am polnischen Unabhängigkeitskampf beteiligt. Später zog die Familie nach Warschau. Hier studierte Sienkiewicz Geschichte und Literatur. Diese Kombination sollte später ein roter Faden seiner Prosa werden. Doch zuerst beginnt seine Reise im Feuilleton. Als Auslandkorrespondent für die Zeitung Gazeta Polska begeisterte er das polnische Publikum mit Berichten aus Amerika. Nach seiner Rückkehr entstanden die Listy z podróży do Ameryki (Briefe aus Amerika), mit denen er einen großen Erfolg feierte. Danach folgten viele Reisen durch Europa, die ihm eine Möglichkeit boten, die Geschehnisse in seiner Heimat zu reflektieren.

In dieser Zeit schrieb Sienkiewicz kurze Erzählungen und Novellen, die dem polnischen Positivismus zugerechnet werden. Eine literarische Strömung, die in Deutschland unter dem Namen Realismus bekannt ist. In Polen aber wirkte die Strömung über das Literarische hinaus. Die Positivisten wollten nämlich das polnische Nationalbewusstsein stärken. Viele Intellektuelle organisierten „fliegende Universitäten“ und polnische Sprachkurse, denn unter der russischen und deutschen Obrigkeit herrschte eine strenge Sprachenpolitik. Die Positivisten hatten eine klare Vision für Polen: Sie wollten eine neue Gesellschaft auf kapitalistischer säkularer Grundlage bilden, die Emanzipation der Frauen sowie die Assimilierung der Juden voranbringen und der Germanisierung sowie Russifizierung entgegenwirken. Auf der literarischen Ebene äußerte sich das in Kurzgeschichten und Novellen, die zeitgenössische moralische und soziale Missstände beleuchteten. In diesem Milieu agierte Sienkiewicz. Doch das Schildern aus dem Hier und Jetzt reichte ihm nicht aus. Die Geschichte hatte Sienkiewicz schon immer fasziniert, deshalb wandte er sich dem historischen Roman zu.

„Quo Vadis“/ Filmpostkarte zum Stummfilm 1913/ filmpostcards.blogspot

Mit Feuer und Schwert: Als Fortsetzungsroman erschien 1883 in der Warschauer Zeitung Słowo (Das Wort) der Roman Ogniem i mieczem (Mit Feuer und Schwert) – der erste Teil einer Romantrilogie, die die Geschichte der Aufstände und Kriege der Adelsrepublik Polen-Litauen zwischen 1648-1672 erzählt. 1886 folgte der zweite Teil Potop (Sintflut) und 1888 schließlich Pan Wołodyjowski (Herr Wołodyjowski).

Es ist eine turbulente Zeit, die Sienkiewicz in der Trilogie monumental einfängt: Von der Rebellion der Kosaken unter Hetman Bohdan, über die Invasion der Schweden hin zur Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich. Viel Action, Liebe sowie vaterländischer Stolz. Und doch ist diese Trilogie mehr als nur ein Abenteuerroman. Sienkiewicz reflektiert eine zeitgenössische Debatte, die sich um die Bewertung der Adelsrepublik drehte. War die Teilung selbstverschuldet? Egoismus und Verfall des Adels wurden als Ursache gesehen. Oder konnte man dem Zeitalter der Katastrophen dennoch etwas Positives abgewinnen? Schließlich wurde in der polnischen Aufklärung 1791 die erste Verfassung verabschiedet. Die Aufstände in der Trilogie erscheinen vor dem Hintergrund der Aufstände gegen die Besatzer im 19. Jahrhundert wie ein prophetischer Appell. Denn die Trilogie endet mit dem Sieg von König Jan III. Sobieski gegen die osmanische Armee in der Schlacht am Kahlenberg. Haltet durch, es kommen bessere Zeiten, so die Message. Nicht nur die Elite las seine Romane, sondern das breite Massenpublikum. Eine nationale Ikone war geboren.

„Quo Vadis“/ Poster zum MGM-Film 1951/ Flick.ru

Feindbild Preußen im Roman: Kreuzritter: Auch den Kreuzrittern (Krzyżacy) widmete Sienkiewicz einen Roman, denn die Schlacht bei Grunwald (Tannenberg) 1410 gehört zum polnischen Nationalmythos. Er erschien 1900 und wurde in über 25 Sprachen übersetzt.

Als im 13. Jahrhundert Herzog Konrad von Masowien die Kreuzritter des Deutschen Ordens nach Polen holte, um ihm bei der Christianisierung der Balten zu helfen, wird ein Grundstein für eine fast 200 Jahre währende Macht der Bruderschaft gelegt. Das ist der Hintergrund des Romans, der im 14. Jahrhundert angesiedelt ist. Erzählt wird das Schicksal einiger Protagonisten, die unter der Schreckensherrschaft der Kreuzritter viele Verluste erleiden müssen. Liebesgeschichte inklusive. Am Ende gipfelt der Roman in der finalen Schlacht bei Grunwald. Das Königreich Polen unter König Władysław II. Jagiełło geht als Sieger hervor, der Ritterorden als Verlierer. Kritiker prangerten die schwarz-weiß Schablone „Böses Deutschland – edles Polen“ an. Das Feindbild, das Sienkiewicz thematisiert, kann aber nur vor der historischen Folie gelesen werden. Zu seiner Zeit war der imperialistische Charakter Preußens jedem Polen ein Dorn im Auge. Sienkiewicz‘ Heldenepos ist daher ein Lobgesang auf den polnischen Freiheitskampf. Und zur Stärkung der Herzen, wie er schrieb.

Quo vadis?: Langläufig nehmen viele Menschen an, dass Sienkiewicz 1905 für Quo vadis? den Nobelpreis erhielt. Die Auszeichnung galt aber dem gesamten literarischen Oeuvre. Wie all seine anderen Romane auch, publizierte Sienkiewicz Quo vadis? als Folgeroman in der Zeitung Gazeta Polska zwischen 1895-96. Worin gründet der Erfolg des Romans, der seither in über 40 Sprachen übersetzt wurde? Zum einen liegt es am literarischen Handwerk Sienkiewicz‘, zum anderen an der opulent inszenierten Geschichte.

Er entführt den Leser ins spätantike Rom, in die Zeit der Schreckensherrschaft Neros. Detailverliebt gibt er dokumentarisch die historische Wirklichkeit wider. Er zeigt die dekadente und grausame Seite Roms, die von Gewalt gezeichnet ist. Seien es brutale Gladiatorenkämpfe, Hinrichtungen, der von Nero angeordnete Brand Roms oder schließlich die bestialische Christenverfolgung. Und mittendrin im Strudel des Chaos spielt sich eine Liebesgeschichte ab. Ein junger Offizier und Patrizier des römischen Feldherrn Corbulo, Marcus Vinicius, verliebt sich in die Königstochter Lygia. Sie ist Christin und lebt bei einer reichen römischen Familie, die zum Christentum konvertiert ist, jedoch ist sie aus dem Volk der Lygier (das etwa im Raum des heutigen Schlesiens liegt) und wurde als Sklavin von einem Feldzug mitgebracht und als Tochter angenommen. Eine Tragödie scheint vorprogrammiert zu sein. Doch es wäre nicht Sienkiewicz, wenn diese Love-Story nicht mit einem Happy End enden würde. Schließlich behauptet sich das Christentum in der Geschichte.

„Quo Vadis“/ die Autorin Katharina Lindt/ polen-pl.eu

Mit seinem Roman Quo vadis? ist Sienkiewicz in guter Gesellschaft. Im 19. Jahrhundert erschienen einige historische Romane, die in der Spätantike spielen. 1834 kam The Last Days of Pompeii von Bulwer-Lytton heraus und 1880 Ben-Hur von Lewis Wallace. Was alle drei Romane gemeinsam haben: ihr cineastisches Appeal, der einen Massengeschmack trifft. 1951 wagte sich Hollywood an die Verfilmung von Quo vadis? mit Peter Ustinov als Nero – bis heute ein Klassiker.

Selbst zu Lebzeiten spalteten sich die Geister über Sienkiewicz. Die einen liebten seine patriotischen Werke von vergangenen heldenhaften Zeiten. Die anderen prangerten die schablonenhafte Welt an, die er in seinen Romanen erschuf. Die Welt sei komplex und kein Abenteuerroman, so die zeitgenössischen Kritiker. Solche Diskussionen sind vorbei, was bleibt ist ein Klassiker der Weltliteratur. Den Artikel der Münchnerin Katharina Lindt entnahmen wir mit großem Dank der website www.polen-pl.eu anlässlich der polnischen 100-Jahr-Feier von Henryk Sienkiewiecz.