Grandioser Kitsch

 

Charles Gounod kennt man heute vor allem als Opernkomponisten – aber er hat sein Leben lang auch geistliche Musik geschrieben. Beim Label Erato ist nun eine seiner wichtigsten geistlichen Kompostionen wiedererschienen – unter der Leitung von Michel Plasson.

Mors et Vita ist Gounods zentrales Spätwerk, seine letzte große abendfüllende Komposition überhaupt. Gounod, einerseits ein diesseitiger Lebenskünstler, weltgewandt, Frauenheld, Opern-verliebt, andererseits schon seit Jugendtagen inbrünstig religiös bis zu Grenze der Manie, wandte sich nach diversen Opernflops in seinen späten Jahren endgültig der geistlichen Musik zu. Mors et Vita ist eine gigantische, fast dreistündige Kompilation von komponierten geistlichen Texten in lateinischer Sprache, ein Riesenwerk, das Solisten, Chor und Orchester ein Höchstmaß an Kunstfertigkeit abverlangt. Es ist ein opernhaftes Monster-Oratorium

Auch wenn sich der Booklet-Verfasser dieser Kult-Aufnahme aus den frühen Neunzigerjahren hier lang und breit über die große Tradition der geistlichen französischen Musik im späten 19. Jahrhundert auslässt, hört man hier doch vor allem den Opernkomponisten Gounod an jeder Wegbiegung. Das Werk steht eindeutig in einer weiteren großen Tradition: Alter katholischer Star-Komponist gönnt sich zum Lebensabend noch mal eine geistliche Revue. Sprich: Man hört da durchaus eine Linie von Haydns frivol-frischen späten Messen über Rossinis Messe solennelle bis zu Verdis großartigem Requiem.

Wie all diese Vorgänger bedient auch Gounod die große Geste, schreibt fast cineastische Breitwandmusik, ohne dabei unaufrichtig zu werden oder den Blick für raffinierte Details zu verlieren. Man glaubt ihm die Religiösität, fragt sich allerdings mitunter, warum wahrer Glaube so monströs als Spektakel inszeniert werden muss. Die Affekte sind zuweilen – trotz Passagen von wirklich überwältigender Schönheit! – spätromantisch-dick aufgetragen. Mit einem Wort: Grand Opéra in Latein. Und so legt Dirigentenlegende Michael Plasson das Werk auch an. Das ganze geriert sich erfreulich sinnenfreudig als Opernspektakel mit leicht religiös eingefärbtem Libretto. Schon die Auswahl der Sänger legt das nahe: mit dabei Rossini-Tenor John Aler und Bühnen-Stars wie José van Dam, Nadine Denize und Barbara Hendricks. Diese EMI-Studioaufnahme von 1992, ein echtes Highlight der Gounod-Discografie, war nach dem Erscheinen schnell vergriffen und wurde weil so lange vergriffen – auf diversen Internet-Verkaufs-Plattformen hoch gehandelt. Warner hatte 2012 das Klassik-Archiv der verblichenen EMI gekauft und macht das Werk jetzt mit dem originalen Cover wieder bei ihrer Tochterfirma Erato zu einem Preis zugänglich, der deutlich unter den unverschämten Offerten der Verkäufer lag. Wer dieses wirklich grandiose Oratorium bisher nicht gekauft hat – Gratulation! Er hat eine Menge Geld gespart. Und hat, wenn er es jetzt tut, einen der großen Gounod-Genüsse seines Lebens noch vor sich (Erato 0190295895143). Matthias Käther