Byron-Übernahme

 

„Die Nacht kam wiederum, doch dauert so lang’ sie schwerlich, als ich wache“ beginnt Robert Schumanns Dramatisches Gedicht in drei Abteilungen, das 1852 in Weimar unter Liszt erstmals aufgeführt wurde. 1848 war der seit Studentenzeiten vom Byron-Fieber ergriffene Schuhmann auf die zehn Jahre zuvor entstandene Nachdichtung des Theologen Karl Adolf Suckow von Byrons „Dramatic Poem“ Manfred gestoßen, die anders als Joseph Emanuel Hilschers Übertragung – „Die Lampe muß gefüllt sein; doch auch dann/ brennt sie so lang nicht, als ich wachen muß“ – sich wortgewaltig vom Original entfernt („The Lamp must be replenish’d, but even then/ I will not burn so long as I must watch“.). Doch egal, auf welche Fassung des Hochalpen-Lesedramas von George Gordon Noël Lord Byron, der mit zehn Jahren den Adelstitel seines Onkels geerbt hatte, Schumanns Wahl gefallen wäre, hätte sie schwerlich die Rezeption des Werkes begünstigt, das überwiegend in konzertanter, gelegentlich auch szenischer Form aufgeführt wurde und wird und doch meist auf die Ouvertüre reduziert wird.

Der Römer Fabrizio Ventura brachte den Manfred im April und Mai 2015 in Münster, wo er seit 2007 als GMD wirkt, in einer Fassung zur Aufführung, in welcher der von Schumann von 1336 auf 975 Verse gekürzte Text nochmals um ein Drittel reduziert wurde, wodurch sich eine bekömmlich gestraffte 60minütige Aufführung ergab, deren Live-Mitschnitt – das CD-Debüt des Sinfonieorchester Münster- auch auf CD bestehen kann (ARS 38192). Ventura ermöglicht mit den leistungsstarken Chören (Philharmonischer Chor und Konzertchor Münster) und dem Sinfonieorchester Münster die Begegnung mit einem faszinierenden Werk, das in der Mischung aus der gewaltigen Ouvertüre als Quintessenz des Dramas, den Gesängen, die den Geistern vorbehalten sind (Eva Bauchmüller, Lisa Wedekind, Soon Shim, Lukas Schmid), den Melodramen, also den mit Musik unterlegten gesprochenen Teile, und der reinen Sprechpassagen einen durchaus schlüssigen Eindruck vermittelt, wenngleich für Manfreds Zwiesprache mit den Geistern gelegentlich ein etwas flexibleres, weniger monochromes Sprechagieren (Dennis Laubenthal als Manfred) schön gewesen wäre. Rolf Fath