Frankophiles Bekenntnis

 

Robin Ticciati hat seit seinem Amtsantritt als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin Akzente gesetzt, die sich vom gängigen Repertoire deutlich abheben. Dazu gehören auch Werke französischer Komponisten. Mit L’enfance du Christ und Roméo et Juliette führte er gleich zwei große Schöpfungen von Hector Berlioz auf. Ein dankbares Publikum fand auch die Musik von Claude Debussy zu dem Mysterienspiel Le martyre de Saint Sébastien von Gabriele D’Annunzio. Deutschlands Hauptstadt Berlin versteht sich gern als europäische Metropole. Der erst 35-jährige britische Dirigent Ticciati füllt diesen hohen Anspruch auf seine Weise aus. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die ersten CDs mit seinem Berliner Orchester ein französisches Programme zum Inhalt hat. Bei LINN Records, wo auch schon mehrere Einspielungen mit dem Scottish Chamber Orchestra herausgekommen sind, wurden nun Debussys La Mer und die Ariettes oubliées sowie Pelléas et Mélisande und das Vorspiel zur Oper Pénelopé von Gabriel Fauré vorgelegt, Made in Lithunia – auch das ein zusätzlicher europäischer Aspekt (CKD 550). Es handelt sich um Studioproduktionen, die in der Berliner Jesus-Christus-Kirche entstanden. Wegen ihrer exzellenten Akustik dient sie schon seit fünfzig Jahren als Aufnahmestudio. Viele legendäre Einspielungen unter Dirigenten wie Furtwängler, Karajan, Barbirolli, Böhm, Fricsay und Abbado haben den Namen der Kirche in alle Welt getragen. Ticciati knüpft also in Zeiten, wo aus Kostengründen der Mitschnitt immer öfter die Aufnahme unter Studiobedingungen ersetzt, an eine große Tradition an.

Die stimmungsvollen Ariettes oubliées sind im Gegensatz zu den anderen Stücken der CD nicht eben häufig zu finden auf dem Musikmarkt. Ursprünglich wurde dieser Liederzyklus nach Versen von Paul Verlaine, dem sich Debussy künstlerisch verbunden fühlte, für Singstimme und Piano komponiert. Dichter und Komponist begegneten sich in der Suche nach neuen rhythmischen Ansätzen und Klangfarben des Ausdrucks. Verlaines Verse entfalten durch die Musik eine zusätzliche Dimension. Instrumentierte wurde sie von dem australischen Komponisten, Bratscher und Dirigenten Brett Dean, Jahrgang 1961. Mit seiner Orchestrierung ist er nicht auf eigene Ambitionen aus. Debussy bleibt Debussy. Nur Kennern dürfte erkennen, dass der Zyklus von fremder Hand in dieser diskreten und verantwortlichen Weise bearbeitet worden ist. Schon dieser Besonderheit wegen, werden die Lieder zum Mittelpunkt der CD. Solistin ist Magdalena Kozená, die Ende 2018 in der Berliner Philharmonie bei einer szenischen Aufführung des Messias unter Ticciati mitwirkte. Man kennt sich also. Während es ihr bei Händel etwas an Tiefe gebrach, gelingen ihr die stimmlich in der Mittellage angelegten Lieder ganz vorzüglich. Es ist ein Genuss, ihr zuzuhören. Rüdiger Winter