Flott, doch nicht hektisch

 

Simon Rattle und Richard Wagner – eine nicht unbedingt geläufige Kombination. Während seiner 16-jährigen Amtszeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker hat Rattle den Säulenheiligen von Bayreuth elegant umschifft. Offizielle Tondokumente haben Seltenheitswert. Eine Walküre von 2007 aus Aix-en-Provence ist auf DVD/Blu-ray erschienen (BelAir) und beim Europakonzert im selben Jahr spielte Rattle immerhin das Vorspiel zum ersten Aufzug von Parsifal (EuroArts). Daneben scheint es nur eine längst vergriffene Sonderauflage des Rheingold mit den Berliner Philharmonikern von 2006 gegeben zu haben, die mit Unterstützung der Deutschen Bank aufgelegt wurde. Zu dieser Oper, dem Vorabend des Bühnenfestspieles Der Ring des Nibelungen, scheint der gebürtige Liverpooler noch die engste Verbindung in Sachen Wagner zu haben, denn beim Eigenlabel des BR ist Das Rheingold als einzige offizielle CD-Einspielung dieses Dirigenten erhältlich (900133).

Was für das „Rheingold“ gilt, prägt auch diese Aufnahme  von Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“. Sie ist betont lyrisch, leicht und detailverliebt angelegt. Das geht mitunter auf Kosten der Magie und des Weltschmerzes, was so gewollt sein dürfte. Es handelt sich wieder um einen Mitschnitt aus dem Herkulessaal in München. Wieder dirigiert Simon Rattle das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Erschienen ist die CD ebenfalls bei BR Klassik (900172). Als Solisten wirken Magdalena Kožená (Mezzosopran), die Ehefrau des Dirigenten, und Stuart Skelton (Tenor) mit, die ihre Leistungen mit Fortschreiten des Werkes deutlich zu steigern vermögen. R.W.

Die Aufnahme entstand am 24. und 25. April 2015 im akustisch gesegneten Herkulessaal der Münchner Residenz, es handelt sich also um eine konzertante Wiedergabe, was für eine reine CD-Produktion aufgrund fehlender Bühnengeräusche von Vorteil ist. Es gibt auch praktisch keinerlei hörbare Anzeichen von einer Anwesenheit des Publikums. Es wurden für dieses Unterfangen tatsächlich einige der führenden heutigen Wagner-Interpreten engagiert. Bei den männlichen Protagonisten angefangen bei Michael Volles sonorem und wortdeutlichem Bariton als erstaunlich jung wirkender Göttervater Wotan über Burkhard Ulrichs verschlagen-überlegenen Loge, Herwig Pecoraros geifernden Mime und Tomasz Koniecznys unprätentiösen Alberich bis hin zu den Bassstimmen von Peter Rose und Eric Halfvarson als Riesen Fasolt und Fafner. Die Damen sind nicht schlechter aufgestellt: Elisabeth Kulmans erfreulich wenig matronenhaftes Rollenportrait der Fricka ist genauso hervorzuheben wie Annette Daschs jugendliche Freia. Im ihrem kurzen, aber wirkungsvollen Auftritt als Erda brilliert Janina Baechle. Auch die Nebenrollen Donner, Froh und die Rheintöchter sind adäquat besetzt (Christian Van Horn, Benjamin Bruns, Mirella Hagen, Stefanie Irányi, Eva Vogel). Und wie schlägt sich Rattle, immerhin Ritter Ihrer Majestät? Man möchte fast sagen: Für einen augenscheinlichen Nichtwagnerianer erstaunlich überzeugend. Bereits im geheimnisvollen Vorspiel weiß Rattle durch detailreiche Differenzierung und Offenlegung sämtlicher Klangfarben zu gefallen. Insgesamt wählt der Brite eher flotte und flüssige Tempi, ohne aber Gefahr zu laufen, in Hektik zu geraten. Freilich, hie und da wünschte man sich etwas mehr Gewicht (der Abstieg der Götter nach Nibelheim mit etwas harmlos vor sich hin hämmernden Nibelungen; der Brudermord durch Fafner; der Einzug der Götter in Walhall), aber wird dadurch auch eine beinahe kammermusikalische Leichtigkeit erzielt.

Dass das BR-Symphonieorchester seit langem zu den führenden Klangkörpern in aller Welt zählt und so manchem gar als Deutschlands heimliche Nummer 1 gilt, stellt es in dieser Einspielung neuerlich eindrucksvoll zur Schau. Hier kommt sicherlich die lange Wagner-Tradition der Bayern zum Tragen, man denke nur an die Einspielungen von Eugen Jochum, Rafael Kubelík, Leonard Bernstein, Wolfgang Sawallisch oder Bernard Haitink. Insgesamt eine stringente Lesart, die sich nicht nur unter den neuesten Interpretationen gut behaupten kann und aufgrund ihrer bewusst unpathetischen Eigenheit ihren gebührenden Platz in der nicht eben kleinen Rheingold-Diskographie einnehmen kann. Daniel Hauser