Übergangsprobleme?

 

netrebko verdiAnna Netrebko, der Sopran des Moments, betritt neue Wege zu anderen Ufern – Verdi ist nun das angepeilte Ziel, und wirklich: Die jüngste Giovanna d´Arco bei den Festpielen in Salzburg ließ wegen der sanften Töne und der dunklen Sopranstimme aufhorchen, nicht zu jedem Moment, aber doch in der reizenden Romanze der Jeanne d´Arc über ihre Sehnsucht nach Wäldern und Wiesen der Heimat (erstaunlich wie dicht hier Verdi und Tschaikowsky beieinander liegen). Aber die neue CD bei DG  (oben Foto von der Aufnahmesitzung/DG) bestätigt den latenten Fachwechsel in Richtung spinto nicht (da hat man Vergleiche von der Tebaldi bis zu Susan Dunn, und alle sind der Kollegin da überlegen) und ist eher ein Dokument des Tastens nach neuen Betätigungsfeldern als ein Dokument der Reife und der stilistischen wie stimmlichen Sicherheit. Da ist das Technische zu oft ein Problem, zu oft auch zu tief Gesungenes , wie in der Trovatore-Szene mit einem  erstaunlich frischen Rolando Villazon, da fehlt es an Charisma und vor allem an Persönlichkeit. Zuviel wird zu dunkel gefärbt (Nachtwandlerszene der Lady M.), die Höhen wie beim „Ambizioso spirto“ wirklich riskant, es fehlt der Schwung in den Vespri, und die Don Carlo-Elisabetta lässt vieles an Sehnsucht und Poesie vermissen, was durch mezzavoce und Gesäusel ersetzt wird. Wie bereits auf ihren diversen Youtube-Dokumenten und auf dem Roten Platz bestätigt die CD – dem opportunen Verdi-Jahr geschuldet – rein akustisch einen akuten Mangel an Persönlichkeit, an Aussage, an Präsenz, auch an Konzept, von technischen Defiziten ganz zu schweigen. Ähnlich wie bei Violeta Urmana ist der Übergang zum anderen Fach nicht gelungen, und bei beiden zweifelt man an der Eignung fürs jeweilige. Die Netrebko ist ein gutgedienter lyrischer Sopran mit einer eisernen Kehle, die auch diesen Ausflug ins Verdi-Fach überstehen wird – aber sie opfert ihre Höhe und dunkelt zu sehr ab: der Preis, den von der Moffo über die Dessay bis zur Damrau alle lyrischen Damen bezahlen und damit ihre eigentlich hochgelagerte Stimme beschädigen. Dramatisch sein um jeden Preis – ist es Eitelkeit, Kommerzdenken oder das blanke Überlebenwollen eines kleinen Soprans angesichts der nahenden Jahre, wo sie für eine Sophie, Adina oder Juliette zu unglaubhaft werden? Es gibt nur ganz wenige, wie die bewundernswerte Köth, Donath oder Grist, die auch noch spät mit ihren lyrischen Pfunden gewuchert haben oder sich beschieden. Glamour ist damit dann nicht mehr zu machen, nur Kunst und Verlässlichkeit. Aber eben – die großen  Agenturen und das Geld sind nicht zu verleugnende Faktoren einer Karriere.

Geerd Heinsen

 

Anna Netrebko singt Verdi: Arien aus Macbeth, Giovanna d´Arco, I vespri siciliani, Don Carlo, Il trovatore (mit Rolando Villazon); Gianandrea Noseda; Orchestra Teatro Reggio di Torino; Deutsche Grammophon 479 1052