Wortferner Walkürenritt im Hexenhaus

 

„In der Tat eignet sich diese Märchenoper ganz hervorragend für den ersten gemeinsamen Opernbesuch von Eltern und Kindern“, glaubt Jörg Peter Urbach, der Autor des Einführungstextes einer Neuerscheinung von Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel bei Pentatone (PIC 5186 605). Die Handlung sei allseits bekannt, bedürfe keiner großen Erklärung. „Alles ist echt empfunden. Und das spüren nicht nur Kinder, sondern auch alle Erwachsenen, die sich einen kindlichen (keinen kindischen) Blick auf die Welt bewahrt haben. Vermutlich deshalb setzen die meisten Opernhäuser Hänsel und Gretel auch zur Weihnachtszeit auf den Spielplan. Denn Weihnachten ist die Zeit des Kindes. In uns allen.“

Abgesehen von den Lebkuchen am Hexenhaus ist der einzig belastbare Zusammenhang mit Weihnachten der Termin der Uraufführung. Hänsel und Gretel wurde erstmals am 23. Dezember 1893 in Weimar gegeben. Die musikalische Leitung hatte Richard Strauss. Und genau diesen Tag wählte Marek Janowski für seine konzertante Aufführung mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Berliner Philharmonie, die der Neuerscheinung zugrunde liegt. Er war zwischen 2002 und 2015 Künstlerischer Leiter und Chefdirigent dieses Orchesters, hat es stark geprägt und dessen guten Ruf durch CD-Aufnahmen gefestigt.

Ob der neueste Mitschnitt geeignet ist, auf ersten Opernbesuch im Leben musikalisch einzustimmen, bleibt dahingestellt. Die Box ist zwar niedlich und bunt verpackt wie ein Weihnachtsgeschenk. Janowski aber hat hörbar anderes im Sinn als der Verfasser des Booklets. Er führt große Oper auf, betont die Nähe zu Richard Wagner, die im Werk selbst angelegt ist. Humperdinck war Wagner regelrecht verfallen und diente ihm bei der Uraufführung des Parsifal als Assistent. Nach Wagners Tod, der ihn tief erschütterte, blieb er der dessen Familie in Bayreuth eng verbunden und unterwies Sohn Siegfried in Komposition. Der Hexenritt kommt dem Ritt der Walküren erstaunlich nahe. Irritierend tritt der Widerspruch zwischen der simplen Handlung, die weit hinter der harten Märchenvorlage der Brüder Grimm zurück bleibt, und der hochromantischen musikalischen Ausführung hervor. Ihren Höhepunkt erreicht die orchestraler Pracht und Üppigkeit mit der so genannten Traum-Pantomime am Ende des zweiten Aufzuges, wenn Hänsel und Gretel auf Moos gebettet in den Schlaf gesunken sind. Nach dem Willen des Komponisten und seiner Schwester Adelheid Wette, die das Libretto verfasste, steigen nun vierzehn Engel auf einer Himmelsleiter zu den Kindern herab, um sie vor der Nacht zu beschützen, die im Orchester dunkel und bedrohlich aufklingt.

Solcher Art sind die Stärken dieser Neuerscheinung, die weniger durch sängerischen Leistungen glänzen kann. Einen Vorteil versprach die durchgehend muttersprachliche Besetzung mit Ricarda Merbeth (Gertrud), Albert Dohmen (Besenbinder Peter), Katrin Wundsam (Hänsel), Alexandra Steiner (Gretel) und Christian Elsner (Knusperhexe). Doch die steht nur auf dem Papier. In Wahrheit ist der Text kaum zu verstehen, was Kindern sofort auffallen würde. Sie können sehr kritisch sein. Die trockene Merbeth kann sich am wenigsten verständlich machen. Dohmen legt seine Rolle mit der Erfahrung des Profis hin und hinterlässt stärksten Eindruck. Einen armen Besenbinder nimmt man ihm aber nicht ab. Für die Hexe dürfte die Besetzung mit einem Tenor auf der Bühne passender sein als im Konzertmitschnitt. Dem Publikum im voll besetzten großen Saal der Berliner Philharmonie gefiel es, wie Elsner mit gegeltem Haar, Sonnenbrille und Hexen-T-Shirt schrill und effektvoll agierte. So etwas kommt immer an. Nicht aber von der CD, wo solcher Klamauk zur Klamotte gerinnt. Mit ihrem etwas herben Mezzosopran, hebt sich Katrin Wundsam als Hänsel deutlich gegen die lyrische Gretel von Alexandra Steiner ab. Sie bleiben ihren Rollen aber vieles schuldig. Das Taumännchen singt Alexandra Hutton, das Sandmännchen Nora Lentner. In das Finale stimmt der Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden ein. Rüdiger Winter