Der junge Wagner kompakt

 

Jubiläen haben gelegentlich auch eine Nachwirkung. Zumal dann, wenn die damit verbundenen Ereignisse und Veranstaltungen nicht nur dem Moment huldigen, sondern für später bewahrt bleiben – zum Beispiel auf Tonträgern. Um den 200. Geburtstag von Richard Wagner 2013 herum hatte sich die Oper Frankfurt das Frühwerk des Komponisten vorgenommen. In konzertanten Aufführungen wurden Die Fee, Das Liebesverbot und Rienzi gegeben. Oehms brachte die Mitschnitte zunächst gesondert heraus. Nun sind sie gebündelt in einer Box erschienen (OC 15 9 CDs). Der Anlass findet keine Erwähnung mehr, was schade ist. Noch bedauerlicher ist es, dass auch Ausstattung ärmlich ist und die Operntexte weggefallen sind. In diesem Falle wären sie hilfreich gewesen. Nicht jeder Opernfreund hat die Libretti, die allerdings im Netz zu finden sind, zur Hand. Jetzt ist das Booklet schmal ausgefallen, enthält nur noch die Besetzung und die Tracklisten. Im Vorgriff auf das Gedenkjahr gab es bereits 2011 Die Feen, gefolgt vom Liebesverbot im Jahr darauf und als Höhepunkt schließlich 2013 Rienzi.

 

Große Firmen haben immer einen Bogen um diese Werke gemacht. Lediglich die EMI hatte in Koproduktion mit dem DDR-Label Eterna einen gekürzten Rienzi unter Heinrich Hollreiser im Studio eingespielt. Orfeo veröffentlichte – einzeln und gebündelt – die von Wolfgang Sawallisch betreuten Münchner Produktionen der drei Jugendopern. Den einzigen komplette Rienzi mit der großen Ballettmusik im zweiten und dem vollständigen Marsch im dritten Akt brachte Ponto als Mitschnitt der BBC unter der Leitung von Edward Downes von 1976 auf den Markt. In geballter Form macht das Frühwerk viel her. Aber auch einzeln stehen die Opern für sich. Wer genau hinhört, findet die Meisterschaft Wagner deutlich angelegt und teilweise schon weit entwickelt. Sein musikalisches Vorbild Carl Maria von Weber kommt am stärksten in den Feen zum Vorschein, wo es auch Anklänge an den Feuertod von Mozarts Don Giovanni gibt. An Heinrich Marschner lassen jene Passagen denken, die formal weit über komponierte Rezitative hinausgehen. In der Ouvertüre gibt es einen verschwenderischen musikalischen Aufschwung wie er sich in den Sinfonien von Robert Schumann findet. Wagner ahmt aber nicht einfach nur nach, er lässt sich allenfalls von seinen Hausgöttern inspirieren und ist schon er selbst. Das Musikdrama liegt in der Luft. Sebastian Weigle, in allen Mitschnitten am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters, arbeitet das sehr genau heraus. Er hat ein feines Gespür für den frühen Wagner, den er, wie einst Sawallisch, in den Kontext zum Gesamtwerk stellt. Weigle hat sich auch durch Aufführungen des mit dem Holländer beginnenden so genannten Bayreuther Kanons einen Namen gemacht.

 

Sebastian Weigle leitete alle drei konzertanten Aufführungen in der Oper Frankfurt. Foto: Wolfgang Runkel/ Oper Frankfurt

Die Feen wurden erst nach Wagners Tod uraufgeführt – und zwar 1888 in München. An der musikalischen Einstudierung war auch der junge Richard Strass beteiligt. Im Gegensatz zum bühnenwirksameren Liebesverbot und zu Rienzi ist die Geschichte von Arindal, der sich auf der Jagd nach einer Hirschkuh in das Reich des Feenkönigs verirrt und sich dort unsterblich in die Fee Ada verliebt, ziemlich zäh. Würde die weitläufige Handlung behutsam in Szene gesetzt, sind schöne Bilder vorstellbar. Das Opernhaus in Leipzig, der Geburtsstadt Wagners, ließ sich in seiner Jubiläumsinszenierung erfolgreich darauf ein. Der Versuch einer Deutung mit den radikalen Mitteln des zeitgenössischen Regietheaters hätte es gewiss schwerer. So bleibt – wie schon bei Sawallisch in München – eine konzertante Aufführung letztlich wohl auch für die Zukunft die realistische Lösung. In Frankfurt klang es aber über weite Strecke nach Bühne, Schwert und Rüstung. Nur einmal stellt sich unfreiwillige Komik ein, wenn Arindal unmittelbar vor seinem leidenschaftlichen Kampfesruf „Die Liebe siegt“ hörbar die Seite umblättert als ob er erst einmal nachschauen muss, wie es denn weitergeht. Burkhard Fritz, inzwischen meistens als Heldentenor unterwegs, klingt 2001 noch sehr lyrisch. Die Ada wird von der Amerikanerin Tamara Wilson gesungen, die nun vor allem in Partien von Strauss und Verdi international erfolgreich ist. Auf sie warten im zweiten Akt große Herausforderungen mit extremen Höhen, die sie technisch und gestalterisch glänzend besteht. Nur bei der Wortverständlichkeit hapert es gelegentlich. In den anderen Rollen sind zu hören Alfred Reiter (Feenkönig), Anja Fidelia Ulrich (Zemina), Juanita Lascarro (Farzana), Brenda Rae (Lora), Michael Nagy (Morald), Christiane Karg (Drolla), Thorsten Grümbel (Gernot), Siomon Bode (Gunther/Bote), Sebastian Geyer (Harald) und Simon Bailey (Stimme des Zauberers Groma).

 

Christiane Libor machte als Irene in Rienzi, großen Eindruck. Im Liebesverbot sang sie die Isabella. Foto: Wolfgang Runkel / Oper Frankfurt

Das Liebesverbot ist auch nicht die erste Aufnahme auf Tonträgern. Schon Robert Heger hatte sich 1963  – auch ein Wagner-Jahr – beim ORF an eine Produktion mit Hilde Zadek und Anton Dermota  gemacht. Mit prominenter Besetzung wartete Wolfgang Sawallisch 1983 – wieder ein Jubiläum – an der Bayerischen Staatsoper München auf. Der schon erwähnte Edward Downs dirigierte das Werk bei der BBC, der Mitschnitt kam zuerst bei Ponto heraus und wurde später sogar in eine Edition aller Wagner-Opern von der Deutschen Grammophon übernommen. Zurück nach Frankfurt. Die Akteure sind keine Unbekannten. Im Gegenteil. Sie haben es allenthalben zu Ruhm und Anerkennung gebracht. Mehr CD-Aufnahmen tun ihrer Karriere gut. Zu nennen ist Christiane Libor als bezaubernde Isabella, die an großen Häusern singt und in zahlreichen Partien, darunter Marschallin und Agathe, Anerkennung fand. Michael Nagy, der verbieterische Friedrich, der in den Feen den Morald singt, hat bereits Bayreuth-Anerkennung als Wolfram gefunden und heimste als Papageno in Baden Baden Lobeshymnen der Zuschauer und Feuilletons ein. Eine sehr charaktervolle Stimme mit einer leichten Neigung zum Unsteten. Das kann Nervosität sein. Als Claudio gewinnt der US-Amerikaner Charles Reid durch seinen hellen, gut sitzenden Tenor auf Anhieb Sympathien. Sein umfängliches Repertoire fußt im Lyrischen, wo er hingehört. Wer noch? Simon Bode als Antonio, Franz Mayer als Angelo, Peter Bonder als Luzio, Anna Gabler als Mariana, Thorsten Grümbel als Brighella. Das Liebesverbot ist nicht nur inhaltlich, sondern auch in etlichen musikalischen Erfindungen dem späteren Tannhäuser verbunden. Ob es das so genannte Erlösungsmotiv ist, das gleich zu Beginn des dritten Aufzugs anklingt und sich auch in der Romerzählung wiederholt, die Leidenschaft des Duetts von Elisabeth und Tannhäuser  oder die festlichen Klänge beim Einzug der Gäste auf der Wartburg sind, im Liebesverbot sind sie fast notengenau vorweggenommen.

 

Julian Prégardien (links/Pontio Pilato) und Simon Bode (Antonio) in der Oper Das Liebesverbot. Foto: Wolfgang Runkel/ Oper Frankfurt

Mit dem Rienzi war allerdings eine Chance vertan worden. Als Gegenstück zur BBC-Aufnahme hätte das Frankfurter Opernhaus mit einer modernen Komplettproduktion punkten können. Stattdessen wurde wieder eine scharf gekürzte Fassung abgeliefert, die diesem frühen Meisterwerk nicht gerecht wird. Sie blieb in der Auswahl Szenen noch hinter der EMI-Einspielung  zurück und kann es dem Umfang nach auch mit der historischen Produktion des Hessischen Rundfunks von 1950 nicht aufnehmen – von diversen DVD-Versionen ganz zu schweigen. Was die Fassung anbetrifft, gab sich Oehms bei der ersten Auflage, die noch ein umfängliches Textheft enthielt, ziemlich kleinlaut. Es hieß lediglich, dass die Pantomime gestrichen sei, was so auch nicht korrekt ist. Denn im zweiten Aufzug wurde nämlich durchaus ein Häppchen Ballettmusik gereicht und zwar aus dem so genannten Waffentanz, der als Gladiatorenkampf das antike Rom heraufbeschwören soll. Das ist so ärgerlich wie unnötig. Denn das Ballett macht Rienzi erst zur Großen Oper in der französischen Tradition. Übrigens war daran schon Cosima Wagner, der alles Französische suspekt war, wenig gelegen. Sie wollte mit Strichen das populäre Jugendwerk näher an die Musikdramen heranrücken. Nun wiederholte sich diese Praxis auch in Frankfurt. Wenn es denn nur bei der Ballettmusik geblieben wäre, wie seinerzeit das ausführliche Booklet suggerierte. Weit gefehlt. Die Kürzungen sind tiefgreifender. Gleich im ersten Aufzug musste das große Duett zwischen Irene und Adriano daran glauben. Warum nur? In dieser Szene wird der spannende Romeo-und-Julia-Konflikt als die wichtigste Nebenhandlung des Stückes deutlich. Gleich darauf traf es den wunderbaren, Aufbruch verheißenden Chor im Lateran. Reduziert wurde die inhaltlich äußerst gewichtige Szene der Friedensboten, mit der der zweite Aufzug beginnt. Sie traten lediglich als Chor in Erscheinung, der Solist wurde eliminiert. Einen beträchtlichen Strich gab es auch im dritten Aufzug. Nach Adrianos Arie „Gerechter Gott“ strebt das Geschehen kurzerhand und zügig dessen Ende zu.

Weitgehend ungeschoren kamen der vierte und der fünfte Aufzug weg, die von Haus aus bereits knapp gehalten sind. Rienzi light. Peter Bronder in der Titelrolle war für meinen Geschmack zu wenig heldisch, glich dieses Manko aber mit schönen lyrischen Passagen aus, in denen die Zerrissenheit Rienzis zum Ausdruck kommt. Falk Struckmann, der erfahrene Profi, hatte die nötige Präsenz für Colonna. Etwas unstet wirkte Daniel Schmutzhard als Orsini, seine Stärken waren getragene Passagen, die sich in die Ensembles mischten. Claudia Mahnke brachte in die Hosenrolle des Adriano zu viele veristische Elemente ein. Am besten gefiel mir Christiana Libor als Irene, die auch schon in anderen Wagner-Produktionen in Frankfurt erfolgreich mitwirkte. Ihr gelang auch ausdrucksmäßig das beste Rollenporträt. Rüdiger Winter