Wenn das Adorno wüsste!

 

Sich eine Eintrittskarte kaufen, sich die Seele von einschmeichelnder oder temperamentvoller Musik streicheln lassen, in der Pause ein Glas Sekt  trinken, eine harmlose Handlung, deren happy end gewiss ist, zur gefälligen Kenntnis nehmen – das mag in anderen Ländern möglich sein, nicht aber in Deutschland, wo die Gattung Operette jahrzehntelang gänzlich verpönt war und nun allmählich wieder, wenn auch manchmal mit schlechtem Gewissen der Ausführenden, in die Spielpläne auch der Opernhäuser vordringt. Allerdings bedarf es einer Rechtfertigung für das unerhörte, der „Volksverdummung“ verdächtige Tun, und so begründet die Oper Frankfurt die Aufführung von Lehárs Die lustige Witwe im Booklet zur CD damit, dass es einen Widerspruch zwischen dem, was die Personen singen, und ihrer Realität gebe, dass bereits der Titel einen solchen beinhalte, denn „lustig“ und „Witwe“ würden ja nicht zusammen passen, was angesichts der Geldheirat der Hanna Glawari kaum nachvollziehbar ist. Auch dass es vor der Lustigen Witwe in  der Operette keine gebrochenen Charaktere  gab, ist anzuzweifeln, denkt man an Offenbach und Johann Strauß und ihre Figuren. Das Bemühen der Verantwortlichen, eine Begründung für ein so unerhörtes Tun wie das Spielen einer  den Sinnen schmeichelnden Operette in einem ehrwürdigen, in der Vergangenheit eher der Entlarvung auch des Operngeschehens  dienenden Haus zu finden, ist schon recht komisch und kaum nachvollziehbar.

Um wenigstens einen Rest von Distanz zu wahren, hat man das Ganze als Theater auf dem Theater, d.h. als das Drehen eines Films namens Die lustige Witwe inszeniert (Claus Guth), und die zahlreichen Szenenbilder im Booklet sprechen denn auch eine recht trübe Sprache, was aber den Hörer der beiden CDs nicht weiter stört, so wenig wie der Wegfall des größten Teils der Dialoge, so dass die erste CD lediglich 32, die zweite 64 Minuten umfasst. Außerdem wurde das Duett „Zauber der Häuslichkeit“ wie in der Urfassung von 1905 geboten, in der es allerdings nicht wie hier im ersten, sondern im dritten Akt gesungen wurde.

Eine Luxusbesetzung für die Hanna Glawari ist Marlis Petersen mit hervorragender Diktion, sowohl Operettensüße wie Ironie in der Stimme, einer tollen Höhe, wo angebracht erotischem Flirren und genüsslich-kokett ausgekosteten Rubati.  Behände durcheilt der Sopran das Finale I, einen kindlichen Ton verleiht er dem zauberischen Waldmägdelein, funkelnder Übermut verspottet den Reitersmann, und „Ich hab‘ dich lieb“ hört man selten so innig. Danilo ist Iurii Samoilov mit virilem Bariton, der viel aus den zwei Königskindern macht, dessen Sprechstimme recht „künstlich“ klingt und der teilweise in Tenorgefilde klettert. Hier ist Martin Mitterrutzner ganz zu Hause mit leichter Höhe und viel Operettenschmelz für den Camille. Valencienne ist Kateryna Kasper, kein Operrettenpüppchen, aber doch kapriziös, mit einem koketten Lächeln bei „Ich bin eine anständige Frau“ im Sopran, der im Grisettenlied nicht allzu „anständig“ klingt. Der Chor wirft sich mit Vehemenz in Balkanschwermut wie Pariser Leichtigkeit, auch dem Orchester unter Joana Mallwitz scheint die Aufführung großen Spaß zu machen – und dem Hörer, der denkbar für die Kürzung der Dialoge ist, ebenfalls (Oehms Classics, 2 CD  OC 983). Ingrid Wanja

  1. Paul

    Danke, dass es auch mal eine Operetten-Besprechung gibt ohne die übliche Gender-Ideologie und die feuchten Phantasien des Rezensenten.

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    1. Peter

      Bravo Paul, ganz meine Meinung!
      Was Sie ansprechen, ist auf entsprechenden Foren mittlerweile so zwanghaft diskutiert, dass einem nur schon das Lesen ein Werk zum Verleiden bringen könnte, hätte man da nicht ein eigenes Hirn und ebensolche Ohren…
      Zum Glück hatten die Operetten-Komponisten und -Librettisten damals nicht so überreizte pseudointellektuelle Knoten, sondern liessen ihren mehr oder weniger grossen Talenten mehr oder minder freien Lauf!
      Ein Hoch auf den Genuss um des Geniessens Willen! Und selbstverständlich darf eine Witwe lustig sein!

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  2. Miriam N. Reinhard

    Ich finde die Annahme, dass „lustige Witwe“ eine Contradictio in adiecto ist, schon fast antifeministisch. Als müsse das Leben enden, wenn man Witwe ist. Allerdings muss man auch sagen, dass es so einige Opern gibt, die genau eine solche Geschichte erzählen…

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