Auf neuem Terrain

Es ist mehr drin, als die Hülle verspricht. Diese DVD, mit der Tenor Jonas Kaufmann künstlerisch so entschlossen fremd geht, macht äußerlich nicht viel her. Dabei ist der Inhalt aufregend. Geboten wird die Dokumentation Berlin 1930 und mit einem maßgeschneiderten Live-Konzert. Du bist die Welt für mich – Richard Tauber statt Richard Wagner. Warum schlägt sich das äußerlich kaum nieder? Sony verkauft seinen „Wundertenor“ (Zitat von „Le Monde“) ein bisschen unter Wert. Und wer hat ihn überhaupt anzogen? Dieses Hemd mit dem Haifischkragen, diese Krawatte, diese Weste, diese Frisur sollen das Berlin um 1930 ins Bild setzen? Außer dem Mikrophon stimmt da nichts. Max Raabe wäre ein guter Berater gewesen. Der hat den richtigen Stil drauf. Kaufmann hätte auf dem Cover eine viel bessere Figur abgeben können. Es hat mich schon an der CD mit den Studioaufnahmen gestört. Die Lieder und Arien selbst haben meinem Kollege Rolf Fath sehr gut gefallen (siehe weiter unten). Ein Hingucker in Zeiten der Macht der Bilder sieht anders aus.

Kaufmann singt sich nicht nur durch eine untergegangen Welt. Er betätigt sich nach eigener Auskunft auch als Forscher. Will offenbar mehr bieten, durchforstet Archive, lässt sich die alten Filme vorführen, wandert durch Museen. Aber wer ist auf dieser DVD der Mann an seiner Seite? Insider erkennen in ihm den Regisseur und Drehbuchautor Thomas Voigt, der schon ein Buch über den Sänger (Henschel ISBN 978-3-89487-669-2) herausgebracht hat. Kaufmann sucht berühmte Zeitzeugen auf. In Wien Yvonne, die Tochter von Emmerich Kálmán, selbst wie aus der Zeit gefallen, ebenfalls dort die Ziehtochter von Robert Stolz, Clarissa Henry. Es wird ihm aufgetan, er ist ein willkommener Gast, höflich, fast schüchtern, hört zu, hakt nach, lacht. Seine Neugierde ist ansteckend, weil sie so arglos wirkt. Ihm wird erzählt und anvertraut. Sogar die 2013 gestorbene Marta Eggerth schwebt unverwüstlich noch als Geist mit einer Jan-Kiepura-Anekdote – womit sonst? – durch die Szene.

Kaufmann möchte authentisch sein, aber er will auch er selbst bleiben, nicht die legendären Kollegen Schmidt, Kipura, Marischka oder Tauber nachahmen, die mit seinem neues Repertoire einst Musikgeschichte schrieben. Das könnte er nicht und hätte er auch gar nicht nötig. Dafür ist er Manns und Künstler genug. Es scheint, als ob dieses ernsthafte Eintauchen in diese Welt von gestern keine Marotte, keine Episode ist. Mir kommt es so vor, als sei er dort wie zu Hause. Weil er sich sichtlich wohl fühlt bei Lehár, Kálmán, Stolz, Abraham. Ich habe ihn nie zwangloser gesehen. Inzwischen ist Jonas Kaufmann Mitte Vierzig, als Tenor in den besten Jahren. Die Opernwelt liegt ihm zu Füßen. Er hat alles erreicht. Was kommt noch? Tristan, Tannhäuser, Otello? Wirklich? Oder sucht er gar nach ganz anderen Betätigungsfeldern? Es sollte mich nicht wundern. Für mich gehen von dieser Dokumentation gewisse Signale aus. Sie können sich in dem Moment als völlig falsch erwiesen haben, wenn er als Heldentenor in den genannten Partien doch noch die Bühnen betritt. Ich würde keine Trauer tragen, sollt es nicht dazu kommen.

Die DVD (Sony/Blu-ray 88843087739) beginnt mit dem Konzert, dessen Programm unter Studiobedingungen auf CD gelangte (dazu nachfolgend die Kritik von Rolf Fath). Keine Mühe wurde gescheut, die Kamera ist immer dabei, darf selbst bei den Kräfte zehrenden Aufnahmen filmen. Kaufmanns Werkstatt. Backstage. Wir alle sehen so etwas gern. Solcher Aufwand ist heutzutage alles andere als selbstverständlich. Aber es geht auch noch so – und soll sich gut verkaufen. Das Konzert wurde im Großen Sendesaal des alten Berliner Funkhauses in der Nalepastraße veranstaltet, wo einst der DDR-Rundfunk seinen Sitz hatte. Es bleibt unklar, ob es ein ganz gewöhnliches öffentliches Konzert gewesen ist oder Teil des Aufnahmeprojekts. Bevölkerte das etwas untypisch anmutende Publikum nur der Akustik und Stimmung wegen den schönen, holzgetäfelten Saal? Sei es drum. Er sollte viel öfter für Konzerte genutzt werden. Allerdings liegt das ausgediente Funkhaus ziemlich abgelegen, wird aber für die guten Arbeitsbedingungen und für die hervorragende Akustik gerühmt, auch von Kaufmann, der sich dort sichtlich wohl fühlt und fröhlich durch die Gänge tänzelt. Offenbar kommt ihm das übersichtliche Ambiente entgegen. Nähe tut der Kunst und diesem intimen Programm gut. Wieder wird einmal deutlich, dass Kaufmanns Wirkung ungleich stärker ist, wenn man ihn auch sieht. Im Studio finde ich ihn mitunter angestrengter, als ob er unbedingt immer alles ganz richtig machen wollte. Dabei macht er es doch richtig.

Rüdiger Winter

kaufmann sony operettenEr kann alles. Auch das Schwerste, nämlich das scheinbar so Leichte: „Du bist die Welt für mich“, singt Jonas Kaufmann, “An album dedicated to the glorious tunes made famous by the tenor stars of Berlin’s legendary heyday”. Die siebzehn Titel der Sony-CD (88883757412), die neben Joyce DiDonatos Stella di Napoli für mich zu den gelungensten Alben der letzten Monate zählen, sind eng mit Richard Tauber, Joseph Schmidt und Jan Kiepura verbunden – oder mit den Comedian Harmonists, die das bittersüße „Irgendwo auf der Welt“ zum Erfolg führten, das Kaufmann mit der rechten Mischung aus nüchternder Distanz und Einfühlungsvermögen singt. Ohne die Vorbilder zu imitieren, da er weder Taubers mirakulöse Delikatesse und geschmeidige Technik noch Kiepuras protzenden Strahl besitzt, gelingen Kaufmann, der in seinen Anfängerjahren Bühnenerfahrung mit der Operette sammelte, ebenso individuelle, geschmackssichere und betörende Arien. Kaufmann schmeichelt und verführt in „Hab’ ein blaues Himmelbett“, führt die bronzierte Stimme zu lockend kosender Leichtigkeit und setzt eine süße und verführerische Höhe drauf.

Die Abfolge und Mischung der zwischen 1925 und 1935 entstandenen Arien und Lieder (Künstlerische Beratung: Thomas Voigt, der auch den schönen Text im Beiheft geschrieben hat) ist perfekt: Auf Lehár folgt nun Im Traum hast du mir alles erlaubt von Robert Stolz, frech, natürlich, direkt, ein klein wenig bemüht im Schlusston, wo ihm Taubers zauberische Klangmagie in der Übergangslage abgeht. Das Rundfunk-Sinfonierorchester Berlin und Jochen Rieder entfalten Glanz und Glitter und Originalität dieser oftmals klangeffektvoll instrumentierten Stücke. Dann Kálmáns „Grüss mir mein Wien“, das zahllose Tassilos im Puszta-Weltschmerz ertränkten und das bei Kaufmann eine feine, elegante, fast etwas nüchterne Zurückhaltung erfährt. Forsch und schwungvoll geht er die Tauber-Hits „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Ein Lied geht um die Welt“, an, mit geschicktem Rubato, männlicher Pianoseligkeit, spielerischer Nonchalance, ein wenig plakativ allenfalls. Schmetternd: „Freunde, das Leben ist lebenswert“.

Eine intime, zärtlich ausgekostete Szene entfaltet sich bei „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ aus Abrahams Viktoria und ihr Husar (hier wie in zwei weiteren Duetten assistiert Julia Kleiter), dagegen passen der Zahlkellner Leopold und der Tanzbuffo-Ton für das „Diwanpüppchen“ aus Abrahams Blume von Hawaii, also das Revueoperettenhafte, nicht so recht zu Kaufmann. Subtil das Abschieds-Lied „Frag nicht warum“ von Stolz, dann opernhaft flammend, mit gepanzertem Heldentenor „Das Lied vom Leben des Schrenk“ aus Künneke Die große Sünderin, das nicht so recht zum Rest der Auswahl passen will, bevor Kaufmann mit „Glück, das mir verblieb“ das Programm mit einer veritablen operettigen Opernszene beendet. Und jetzt nochmals von vorn.

R.F.

  1. Phillip Schwarz

    Dass er das kann, war ja klar… Aber wie er die „leichte Muse“ tatsächlich bewältigt, nötigt schon Respekt ab, selbst wenn man sehr kritisch ist. Von Haus aus ist Kaufmann ja keineswegs ein Tenore di grazia wie etwa Nicolai Gedda oder Alfredo Kraus. Trotzdem schafft er es, über weite Strecken sozusagen mit halber Stimme zu singen, ohne dabei in die Kopfstimme zu verfallen oder ins säuselnde Falsett abzugleiten. Das ist schon erstaunlich nach so mancher Kraftmeierei der vergangenen Jahre… Trotzdem bleibt er am überzeugendsten dort, wo er wirklich Jonas Kaufmann sein darf, wo man das Vergnügen förmlich spürt, das er beim Aufnehmen der Platte hatte, wo Singen einfach Spaß zu machen scheint. Das angebotene Repertoire ist wie immer Geschmackssache – ein so dümmliches Stück wie das „Diwan-Püppchen“ hätte ich mir geschenkt… Es ist auch hörbar nicht Kaufmann’s Ding – lustig, fröhlich, ausgelassen geht in Ordnung, albern geht eben nicht, wirkt aufgesetzt, künstlich. Die Sopranistin, die man dem Startenor für 3 Tracks zur Verfügung gestellt hat, erreicht sein Niveau in keinem Moment und fungiert lediglich als Assistentin, nicht wirklich als Partnerin. Trotz Einschränkungen eine empfehlenswerte Aufnahme und für Kaufmann-Fans ein absolutes Muss!

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  2. Agnes Maleczky-Rosenthal

    Ich fand dieses Konzert wunderbar.Herr Kaufmann hat wieder einmal bewiesen, das er ein großartiger und vielseitiger Künstler ist. Als Ungarin höre ich die dort gesungene Melodien immer wieder gerne-auch, wenn die Operette nicht unbedingtmeinem Geschmack entspricht. Jetzt freue ich mich besonders, daß ich ihn im April auch live in Hannover, mit dem selben Programm erleben werde und dabei die Seele bäumeln lassen kann.Übrigens finde ich auch währscheinlich, daß er früher oder später das Metier wechseln wird.Er hat das schon ein paar mal angedeutet.Mir soll das Recht sein-er braucht Abwechselung und neue Herausforderungen, wir Fans bleiben ihm treu-was immer er tun wird, wird das Richtige für ihn sein.

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