Ivor Novellos „Dancing Years“

 

Die Musik- und Musiktheaterwerke von Ivor Novello (1893-1951) sind außerhalb Großbritanniens kaum bekannt – ganz im Gegensatz zu denen seines Kollegen und Konkurrenten Noel Coward, dessen Operetten (Bitter-Sweet etc.) auch an den Broadway transferierten und der später selbst mit seinen Songs in Las Vegas auftrat. Ivor Novello trat zwar auch in seinen eigenen Stücken an, aber er tat dies kaum außerhalb des Londoner West End. Dort schuf er in den 1930er Jahren fürs Theatre Royal Drury Lane eine Serie von spektakulären „Romantischen Operetten“, die zu den größten Erfolgen der Epoche gehören und bis heute Meilensteine der britischen Theatergeschichte sind. Eines der Drury-Lane-Werke nimmt dabei eine besondere Position ein: The Dancing Years, 1939 uraufgeführt und danach in England vielfach wiederaufgenommen, u.a. als The Dancing Years on Ice und als Filmversion aus den 1950er-Jahren. Jetzt ist die erste Gesamtaufnahme auf zwei CDs herausgekommen bei Jay Records, dirigiert von John Owen Edwards (keine Bestellnummer ersichtlich).

Ivor Novello hatte zwei Karrieren, eine als Filmschauspieler (u.a. in Hitchcocks The Lodger), wo er verstörend attraktive, aber ‚schwierige‘ junge Männer spielte. Novellos klassisches Profil war dabei sein Markenzeichen. Zum anderen fing er früh an, Lieder zu schreiben, die schon im Ersten Weltkrieg populär wurden. Als er anfing nicht nur Lieder, sondern ganze Bühnenwerke-mit-Musik zu schreiben, war die Schwierigkeit, dass zwar alle Novello in diesen Stücken sehen wollten, er aber nicht singen konnte. Die Folge war, dass die Haupthits immer von Sopranen dargeboten wurden, die Tenöre und Baritone Staffage blieben und der männliche Star natürlich Ivor Novello in einer Sprechrolle war. So ist das auch in The Dancing Years.

Es erzählt kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und nach dem Anschluss Österreichs 1938 die Geschichte einer Wienerwalzerkomponisten namens Rudi Kleber (Ivor Novello), dessen Karriere 1911 beginnt. Er wird berühmt mit Werken, die er für die Primadonna Maria Ziegler (Mary Ellis) schreibt, mit der ihn eine komplizierte Liebesgeschichte verbindet, die dazu führt, dass Maria ein Kind von ihm bekommt, das aber verheimlicht und stattdessen jemand anderen heiratet. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms wird Rudi mit Aufführungsverbot belegt. Wir schreiben das Jahr 1938. Er wird von den Nazis verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Ihm droht die Todesstrafe, weil er anderen jüdischen Künstlern bei der Flucht geholfen hat. Aber in letzter Sekunde schafft er Maria, die inzwischen mit einem einflussreichen Politiker verheiratet ist, Rudi zu befreien und ihm selbst die Flucht aus Österreich zu ermöglichen.

Damit ist The Dancing Years – neben dem viel späteren Musical The Sound of Music – eines der wenigen Werke des Unterhaltenden Musiktheaters, das die politische Situation der späten 30er-Jahre nicht nur aufgreift, sondern auf der Bühne ausspielt. Und dies zu einem Zeitpunkt, wo viele Operettenkomponisten tatsächlich auf der Flucht waren, u.a. Mischa Spoliansky nach London oder Emmerich Kálmán nach New York. Ganz zu schweigen von Fritz Löhner-Beda (Das Land des Lächelns), der 1939 bereits im KZ saß.

Offensichtlich wurde das Stück im Großdeutschen Reich niemals gespielt. Nach dem Krieg wurde auch in England das Nazi-Element der Handlung entfernt, weil das sicherlich in einer „Eisrevue“ kaum gepasst hätte. Man machte aus den Dancing Years eine Art britisches Im weißen Rössl. Die Filmversion spielte dann praktischerweise auch gleich in St. Wolfgang, das Rössl-Hotel sieht man mehrfach im Hintergrund.

Es gab in der Vergangenheit bereits diverse sehr gute Aufnahmen der Highlights aus den Dancing Years, u.a. 1969 eine Aufnahme mit Sopran June Bronhill. Von Ivor Novello und seinem Uraufführungsstar Mary Ellis gibt es ebenfalls wunderbare Aufnahmen, in denen auffällt, dass kurze Dialogszenen inkludiert wurden, vor allem, damit man Ivor Novello selbst hören kann. In diesen Dialogszenen entfaltet sich eine enorme Dramatik, man ist als Hörer sofort in einen Kontext versetzt, in dem die rauschhaft schöne Musik ihre volle Wirkung entfalten kann. Das gilt besonders für das melancholische „My Dearest Dear“, das die Liebesbeziehung zwischen Rudi und Maria auf den Punkt bringt. Novello und Ellis präsentieren das auf unvergleichliche Weise (man kann das auf YouTube nachhören).

Nun also endlich eine vollständige Aufnahme, die dem Werk neue Aufmerksamkeit verschaffen könnte. Und die es auch Hörern außerhalb Großbritanniens erlaubt, das Stück vollständig kennenzulernen. Mit Sopran Valerie Masterson in der Rolle der Primadonna, die alle berühmten Titel singen darf: „I Can Give You the Starlight“ und „Waltz of My Heart“ zum Beispiel. Selbstverständlich auch „My Dearest Dear“. Woran man auch sieht, wie alt die Aufnahme uist.

Im Booklet erfährt man, dass die Aufnahme bereits 1995 in den Abbey Road Studios entstanden ist, also zu einer Zeit, als Miss  Mastersons Stimme in perfekter Form war. Sie klingt durchweg überzeugend in dieser Einspielung. Aber … und ja, es gibt ein großes Aber: In dieser Gesamtaufnahme fehlen sämtliche Dialoge und Verbindungsszenen, was vor allem deshalb auffällt, weil die gesamte Untermalungsmusik eingespielt wurde, ohne dass Text darüber gelegt ist. Man hört also zwischen den berühmten Nummern endlos lang ausgestreckte „Incidental Music“ mit endlosen Wiederholungen, die präsentiert wird wie Konzertstücke, aber niemals für diesen Zweck komponiert wurde.

Statt Dialog gibt’s eine 2016 aufgenommene Erzählerin, die Texte von Musical- und Operettenhistoriker Kurt Gänzl vorträgt. Janie Dee tut das sehr gut, aber im Erzählertext bleibt die politische Seite der Urfassung ausgeklammert. Übrig bleibt nur eine diffus in der Vergangenheit angesiedelte Walzerromanze zwischen Rudi und Maria. Und das ist wirklich bedauerlich, weil es dem Stück elementare Wirkungsmöglichkeiten nimmt. Und weil es auch genau den Punkt ausblendet, der The Dancing Years von allen anderen Operette (auch denen von Ivor Novello) unterscheidet: die zeitgeschichtliche Relevanz.

Ivor Novello: „The Dancing Years“/ zeitgenössisches Foto aus der Londoner Aufführung 1941/ Clarke

Gerade dieser historische Hintergrund macht die Musik oftmals beklemmend. Dabei hilft es nicht wirklich, dass Dirigent John Owen Edwards mit dem National Symphony Orchestra auch nicht gerade jemand ist, der einer bewusst überzuckerten Musik zu echtem Glanz verhilft. Da fehlt (in meinen Ohren) jedes Gespür für Rubato und Steigerung; Dinge, die man u.a. bei Emmerich Kálmán hört, als dieser nach seiner Ankunft im New Yorker Exil ein Konzert mit dem NBC Orchestra mit eigenen Werken dirigierte. (Davon gibt es eine Aufnahme.) Wenn man hört, wie flexibel Kálmán mit Dreivierteltaktmusik umgeht und wie grandios er auf die Höhepunkte zusteuert mit Accellerandos, dann weiß man, was bei Owen Edwards fehlt.

Die restliche Besetzung bei Jay Records ist ordentlich, gleichwohl David Fieldsend kein ernsthafter Ersatz für Novello in der männlichen Hauptrolle ist. Katrina Murphy singt ‚die andere Frau‘ im Stück, das Mädchen Gretl. Sie tut das charmant, aber für ihre große Nummer „Primrose“ fehlt ihr der hörbare Spaß, den man mit diesem Stück haben kann. (Ebenfalls nachzuhören auch diversen älteren Aufnahmen.)

Es tut mir persönlich wirklich leid, dass ich zu dieser Aufnahme wenig Positiveres schreiben kann, denn ich hätte mir gewünscht, dass diese neue Einspielung vor allem in Deutschland und Österreich Hörer davon überzeugt hätte, The Dancing Years endlich zur Kenntnis zu nehmen und vielleicht auf die Bühne zu bringen – in der Wiener Volksoper zum Beispiel. Die Jay-Records-Aufnahme wird das wohl kaum anstoßen.

Übrigens: Ivor Novello tritt als historische Figur in dem Hollywoodfilm Gosford Park auf, dort gespielt von Jeremy Northam. Der singt im Film auch das Lied „My Dearest Dear“ auf eine Weise, die zeigt, wie man heute mit Novello umgehen und damit maximalen emotionalen Effekt erzielen kann. Es ist schade, dass Mr. Northam in dieser Aufnahme nicht die Rolle von Rudi Kleber übernommen hat; es hätte super gepasst. Denn das Stück braucht Star Quality, und das Stück hatte bei der Uraufführung die entsprechende Star Quality. Kevin Clarke