Joseph, ach Joseph …

Zugegeben, an diese Madame Pompadour bin ich mit negativen Vorurteilen rangegangen. Denn nur selten erreichen moderne Operettenproduktionen den Charme älterer Einspielungen. Und wer sollte es mit Fritzi Massary aufnehmen, der Leo Fall 1922 die Rolle der mannstollen Mätresse Ludwig XV. auf den Leib geschrieben hatte? Jede Nachfolgerin hat es schwer, gegen die Erinnerung anzusingen und wird an der großen Diva gemessen. Doch nun dies. Die erste musikalisch vollständige Gesamtaufnahme von Falls letzter Operette, die auf einer Aufführungsserie 2012 an der Wiener Volksoper basiert, ist ein Treffer. Auch oder gerade wegen Annette Dasch, die sich überraschend gut in dieser Partie schlägt. Sie macht wirklich viel aus der Figur, bringt Witz, kabaretthafte Lockerheit, Sinnlichkeit und viele Zwischentöne mit, kurzum sie hat jenes Etwas, was eine gute Interpretin der leichten Muse ausmacht. Das einzige Manko ist stimmlicher Natur – die Höhen klingen manchmal grell und angestrengt.

Als große Begabung im Operettenfach erweist sich Mirko Roschkowski, der dem feschen Soldaten René einen ebensolchen Tenor schenkt. Ob er elegant seine Serenade vorträgt oder stürmisch im Duett die Pompadour umgarnt, beides hat Klasse und Charme. Als Calicot bringt Boris Pfeiffer seine Qualitäten als gewiefter Musicaldarsteller mit ein, beispielsweise in dem berühmten Duett „Joseph, ach Joseph, was bist du so keusch“, aus dem er gemeinsam mit der Dasch viele komische Funken schlägt. Die Minirolle des Königs ist mit Heinz Zednik prominent besetzt. Er hat allerdings nur wenig Gelegenheit zu zeigen, was stimmlich noch immer in ihm steckt.

Am Pult des Orchesters der Wiener Volksoper steht Andreas Schüller, seit dieser Saison Chefdirigent der Dresdner Staatsoperette. Eine ausgezeichnete Wahl, denn wie er sich mit tänzerischem Esprit, Schwung und pointiertem Rhythmusgefühl den üppigen, mit Ohrwürmern nur so gespickten Melodienstrauß Falls vornimmt, zeigt ein rechtes Gespür für das Genre. Der Mitschnitt verzichtet auf die Zwischentexte, was insofern von Vorteil ist, dass nur eine CD gebraucht wird. Um die technische Qualität der Aufnahme allerdings steht es nicht zum Besten – der Klang ist dumpf und wenig transparent. Insgesamt eine unterhaltsame, hörenswerte Einspielung, die viel Spaß macht.

Karin Coper

Leo Fall: Madame Pompadour mit Annette Dasch (Madame Pompadour), Heinz Zednik (Der König), Mirko Roschkowski (René), Elvira Soukop (Madeleine), Beate Ritter (Belotte), Boris Pfeifer (Joseph Calicot), Gerhard Ernst (Maurepas), Wolfgang Gratschmeier (Poulard); Orchester und Chor der Volksoper Wien, Leitung: Andreas Schüller; cpo 777795-2