Gelsen in der Lagune

 

Der italienische Adel ist auch nicht mehr das, was er war: Der Herzog von Urbino paradiert mit seiner schmucken Ausgehuniform längst nicht mehr in den Gassen des kleinen Weltkulturerbe-Städtchens, sondern musste sich als Kapitän auf dem gleichnamigen Kreuzfahrschiff verdingen. Immerhin gelangt er auch auf diese Weise regelmäßig nach Venedig, wo die unguten Auswirkungen der Kreuzfahrschiffe auf das Gleichgewicht der Lagune ebenso gefürchtet sind wie sein lockeres Liebesleben. Die verlässliche Operetten-Bastion am Neusiedler See, wo Harald Serafin, der Vater der beeindruckenden Sopranistin Martina Serafin, über Jahrzehnte sein Reich wie ein Operettenfürst regierte, will sich unter seiner seit 2013 amtierenden Nachfolgerin Dagmar Schellenberger modernisieren. Vorsichtig.

Das braucht den Hörer dieses Eine Nacht in VenedigMitschnitts von den Seefestspielen Mörbisch vom letzten Sommer nicht beirren, wenngleich die Fotos von der Aufführung so gut aussehen, dass auch eine DVD Sinn machen könnte. Nun also auf der CD (Oehms Classics OC 450, mit sehr schmalem Beiheft) in sechzig Minuten durch Venedig – gegenüber 80 Minuten auf der modellhaften Ackermann-Aufnahme, deren Referenzcharakter unangetastet bleibt.

Am berüchtigten Libretto von Camillo Walzel und Richard Genée, das am anfänglichen Misserfolg der Operette schuld war, wurde so lange herumgeflickt, bis sich Erich Wolfgang Korngold des Werkes annahm, dessen Spuren bis heute in der Operette zu finden sind – so in „Sei mir gegrüßt, du holdes Venezia“, das für den stilkundig und eloquent singenden Kapitän Herbert Lippert, der sich länger schon einem schwereren Fach zugewandt hat, trotz aller feinen Interpretationskunst ein Paar Jahre zu spät kommt. In Mörbisch hat Regisseur Karl Abseger eine Textfassung erstellt. Auf die Musik hat das keine Auswirkungen. Andreas Schüller zeigt, dass er seinen Job an der Wiener Volksoper und der Dresdner Staatsoperette perfektioniert hat, legt ein hurtiges Tempo vor und breitet einen lustvollen Klang aus, manchmal klingt das steif gediegen, sicherlich den Aufführungsmöglichkeiten geschuldet, ist trotzdem voll Laune und Schwung. Da wird das Ensemble unweigerlich mitgerissen: Alle Sänger sind ansprechend, mancher, wie Otto Jaus als Barbaras jugendlicher Galan Enrico, mit dünnem Stimmchen in „Komm, oh komm in meine Arme“ aus Cagliostro, waren möglicherweise eher Hingucker. Prinzipalin Schellenberger ist als Barbara – auch im Schwipslied „Mir ist auf einmal so eigen zumute“ – von unaufdringlicher Präsenz. Annika Gerhards singt die Annina mit gut sitzendem, glockigem Ton, Richard Samek ist ein wohlgefällig klingender Caramello („Komm in die Gondel“), und als Delacqua steuert ein Könner wie Heinz Zednik einige Phrasen bei. Ein Mitbringsel für alle, die in diesem Jahr zu Viktoria und ihr Husar nach Mörbisch fahren. Rolf Fath