Jaja, das Landleben…

Wo die Lerche singt: Ja, wo singt sie denn? Franz Lehàrs Lerche singt in Ungarn. Denn dort spielt seine Operette, die am 1. Februar 1918 in Budapest uraufgeführt wurde. Da war der Erste Weltkrieg noch nicht vorbei. Dieser Krieg war übrigens der Grund dafür, warum die Operette nicht in Russland spielt, wie ursprünglich vorgesehen. Lehár hatte die Arbeit daran noch vor dem Krieg begonnen. Mit dessen Ausbruch aber wurde Russland zum Feind und schickte sich nicht mehr als Handlungsort für eine ehr idyllisch Geschichte, wie sie dem Komponisten vorschwebte. Mit der Zeit ist aber auch der ungarische Lack ab, seit von der Donau ein scharfer Wind von rechts herauf weht mitten ins alte Europa hinein. Puszta, Piroschka und Paprika sind etwas in Verruf geraten als Versatzstücke für gute Unterhaltung, die diese Operette bietet. Sie beschört das gesunde Landleben, wo man „fast in jeder Viertelstund’“ zunimmt „ein halbes Pfund“. Das kam angeblich  gut an im Krieg, der eine fürchterliche Hungersnot über die Menschen brachte. Zynisch ist es auch.

Margit, die „Lerche“ und Enkelin des alten Bauern Török, der nach eigenem Bekunden so zugelegt hat, kehrt nach allerlei Irrungen und Wirrungen in der sündigen Großstadt Budapest, wo sie zeitweise mit dem Maler Sandor zusammenlebt, an die Stätte ihrer Unschuld zurück – aufs Land, wo die Lerche singt. Martha Eggerth sitzt in dem gleichnamigen Spielfilm, der 1936 gedreht wurde, blond, versonnen und fröhlich im Gras, kein anderer Mensch unter der Sonne konnte glücklicher sein. Das blieb nicht der einzige Spielfilm. 1956 schlüpfte Renate Holm, ebenfalls blond, in die Rolle der hübschen Bauernenkelin. In der Kunst ist die Lerche als solche auch sehr umtriebig. Sie kommt in allen abendländischen Sprachen vor. Bei den Brüdern Grimm heißt sie – wie im Niederdeutschen – noch Löweneckerchen. In den Lustigen Weibern von Windsor lauscht ihr Fenton im Hain. Opitz, Uhland und Lessing haben sie besungen. „Nachträumend in den Duft“ steigen gleich zwei Lerchen in den „Vier letzten Liedern“ von Strauss. Der beliebte Vogel, der in ganz Europa heimisch ist, flattert durch alle möglichen Schlager und Lieder. Bei Shakespeare aber ist es die Nachtigall „und nicht die Lerche“. Ornithologen haben herausgefunden, dass Lerchen nur dann singen, wenn sie sich nach oben erheben. Deshalb gelten sie als Sinnbild für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Ob schwere oder leichte Gedanken, bei Lehár kommt einem manches in den Sinn. Nicht alles will man zu Ende denken.

Die neueste Aufnahme der Operette Wo die Lerche singt ist jetzt bei cpo erschienen, dem Label, dass sich um diesen Komponisten, den auch Puccini hoch verehrte, besonders stark verschrieben hat (777 816-2). Der Katalog ist voll von Lehàr, nicht nur mit Operetten. Es wurden auch Lieder und viele Orchesterwerke eingespielt – erstaunlich, wie vielseitig und fleißig dieser Lehár gewesen ist. Die „Lerchen“-Produktion stammt vom Lehár Festival Bad Ischl im Salzkammergut. Lehár besaß in der exklusiven kaiserlichen Sommerfrische eine prachtvolle Villa, in der er 1948 auch starb. Im fernen Berlin fällt es mir nicht leicht, an Hand des akustisch gelungenen Mitschnitts mit gesprochenen Dialogen, die neu bearbeitet wurden, einen Zugang zu dem Stück zu finden. Es fehlt mir die Bühne. Ein buntes Foto der gut gelaunten Mitwirkenden auf der Rückseite des Booklet ist zu wenig. Wenn denn wenigsten noch der Text abgedruckt worden wäre. Der Soundtrack allein gibt nicht genug her, zumal sich die sängerischen Leistungen durchaus in Grenzen halten.

Für die Bühne war die Produktion gewiss ereignisreich und überaus unterhaltsam, für die CD hätte es etwas mehr sein dürfen – und müssen. Aber das ist nicht nur das Problem dieser Aufnahme, die auf jeden Fall dokumentarischen Wert besitzt für jede Franz-Lehár-Sammlung. Sieglinde Feldhofer singt die Margit, Jevgenij Tauntsov den Maler. Der wohl genährte alter Bauer Török Pál ist Gerhard Ernst. Der Chor des Festivals wurde von Georg Smola einstudiert, am Pult des flott aufspielenden Franz-Lehár-Orchesters steht Marius Burkert.

Rüdiger Winter

 

  1. Kevin

    Schade, dass CPO immerfort auf Aufnahmen zurückgreifen muss – oder will – die so unendlich langweilig sind. Da höre ich persönlich lieber die alte Einspielung aus Nazi Zeiten, die der ORF neu herausgegeben hat. Wenigstens bekommt man ein das Gefühl für die Bedeutung und Wirksamkeit und Schönheit des Stücks, wenn man sich schon damit auseinandersetzen will. Sänger vom Kaliber der Eggerth gibt es bestimmt heute auch irgendwo, aber sie werden nicht in Ischl engagiert. Und sind dann nicht bei CPO zu hören. Schade, eigentlich.

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