Erotik weichgespült

In Paris stand 1876 die Weltausstellung ins Haus und damit ein gewaltiger Besucheransturm aus aller Herren Länder. Jacques Offenbach und seine Librettisten Henri Mailhac & Ludovic Halévy griffen das Thema auf. Ihre Opera buffa Pariser Leben ging bereits 31. Oktober 1866 im Théâtre du Palais-Royal über die Bühne – mit rauschendem Erfolg. Nur ein Jahr später folgte die Erstaufführung in deutscher Sprache in Wien. Was den Autoren als Satire auf den aufkommenden Tourismus vorgeschwebt hatte, gerät in der Einspielung der Electrola, jetzt als Cologne Collection bei Warner Classics (825646289233), zum glatten Gegenteil. Paris, die Stadt der Verruchtheit und des Abenteuers. Paris als Projektionsfläche für die geheimsten Sehnsüchte nach frivolen Abenteuern aller Art. Wie klang das noch bei Caterina Valente? „Ganz Paris träumt von der Liebe!“ Genau. So klingt es auch aus der Aufnahme, die aufbietet, was 1982 in Sachen Operette unterwegs war. Noch immer die unverwüstliche Anneliese Rothenberger als schwedische Baronin Christiane, die seit den sechziger Jahren ihre Hand auf dem Fach hatte. Sie singt schön wie immer. Ihren Gatten Baron von Gondemark gibt Marco Bakker, in seiner holländischen Heimat auch als Fernsehstar bekannt geworden.

Mit Adolf Dallapozza als Raoul kommt die jüngere Generation ins Spiel, während Willi Brokmeier als Bobinet eher zum Urgestein zählt. Die umtriebige Renate Holm ist als Metella mit von der Partie. Klaus Hirte kann man sich als steinreichen Brasilianer Pompa di Matadores, auf dessen Fest sich am Schluss alle Irrungen und Wirrungen auflösen, nicht so richtig vorstellen. Es wird geseufzt, gegurrt, geschnalzt – wie kein Mensch im wirklichen Leben je geseufzt, gegurrt, geschnalzt hat, ganz gewiss auch nicht in 19. Jahrhundert in Paris. Klamauk, Klamotte, Klischees. So gut gemeint derlei Einspielungen auch waren, sie tun dem Genre im Allgemeinen und Offenbach im Besonderen keinen Gefallen, weil das Stück letztlich zum urgemütlichen Schwank wird. Und dieses Werk soll einst skandalträchtig gewesen sein? Kaum vorstellbar. Die Erotik ist weichgespült, wenn nicht ganz rausgewaschen. Dennoch besitzt die Aufnahme viel Schwung, der aufs Konto von Willy Mattes mit dem Münchner Rundfunkorchester geht.

1-CD Paganini (EMI)Bei der Cologne Collection wird bei der Gestaltung der Cover auf die originale Aufmachung der alten Schallplattenkassetten zurückgegriffen. Im Falle von Franz Lehárs Paganini (825646289249) ist das nicht die glücklichste Lösung. Mit Rex-Gildo-Mähne im Stil der Sechziger und Violine in der Hand wird selbst Nicolai Gedda nicht automatisch zu dem sagenumwobenen Virtuosen. Stimmlich kann er vieles wettmachen, den Teufelsgeier nimmt man ihm genau so wenig ab wie der Rothenberger die Fürstin Anna Elisa. Beide haben ein Darstellungsproblem. Sie sind immer sie selbst, kommen aus der eigenen Berühmtheit, die ihnen eine glaubhafte Rollengestaltung verstellt, nicht mehr heraus. Es könnte alles sein, was sie singen – ganz hervorragend singen.

Die sprachlich aufgefrischten Dialoge, von den Sängern selbst gesprochen, wollen pointiert sein, bleiben stattdessen aber in Betulichkeit stecken und verstärken dieses Dilemma noch. Willi Boskovsky, selbst ein berühmter Geiger und etliche Jahre Leiter der Wiener Neujahrskonzerte, pflegt am Pult des Bayerischen Symphonie-Orchesters ähnlich seinen Solisten, wozu noch Olivera Miljakovic (Bella Giretti) und Heinz Zednik (Marchese Pimpinelli) gehören, einen gemütlich-betulichen Lehár. Die Solovioline spielt sehr einschmeichelnd Ulf Hoelscher.

Rüdiger Winter

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