Suche nach dem Unbekannten

 

Orfeo ist mit der Lied-Edition für Dietrich Fischer-Dieskau bei Vol. 3 angekommen und damit im zwanzigsten Jahrhundert (C994205). Während viele Kollegen seiner Generation gern einen großen Bogen um die Moderne machten, Fischer-Dieskau hat sich ihr gestellt. Das war einerseits mutig, andererseits stellt dieser Schritt die folgerichtige Konsequenz aus seiner intensiven Auseinandersetzung mit den Epochen davor dar. Beethoven, Schubert, Schumann, Mendelssohn, Brahms, Loewe, Tschaikowski, Cornelius, Liszt, Mahler, Wolf, Strauss, Pfitzner, Reger. Der Sänger hatte nichts ausgelassen, Lieder und Zyklen einiger Komponisten teils mehrfach eingespielt. Die neue Folge der Edition reicht bis in die Gegenwart. Aribert Reimann, der nicht nur als Komponist sondern auch Pianist und Musikwissenschaftler wirkt, wurde 1936 geboren. Er und der Sänger, beide gebürtige Berliner, waren künstlerisch eng verbunden. Die Anregung für die Lear-Oper soll von Fischer-Dieskau ausgegangen sein, der bei der Uraufführung 1978 in München auch die Titelrolle verkörperte. Reimanns Name taucht auf vier von fünf CDs der Sammlung auf. Aus eigener Feder stammen die Zyklen Unrevealed nach Lord Byron mit Streichquintett (Cherubini Quartett) – für den Sänger komponiert – und Shine and Dark nach James Joyce mit Klavierbegleitung für die linke Hand, die der Komponist selbst übernahm. Begleiter ist er auch bei den Liedern von Hermann Reutter, Wolfgang Fortner und Paul Hindemith, während bei ausgewählten Liedern von Maurice Ravel Hartmut Höll am Flügel sitzt.

Dietrich Fischer-Dieskau ist nicht der alleinige Solist in diesem Teil der ihm gewidmeten Edition. Die Mezzosopranistin Doris Soffel ist mit dreizehn Liedern von Reutter zu hören, der als Pianist selbst viele Liederabende mit bedeutenden Sängern bestritt. Für sich genommen sind die literarischen Vorlagen höchst anspruchsvoll: Die Jahreszeiten (Friedrich Hölderlin), Vier Lieder (Nelly Sachs) und Fünf Lieder (Marie Luise Kaschnitz). Es erweist sich als Gewinn, dass eine erfahrene Opernsängerin gewonnen wurde, der es gelingt, dramatische mit lyrischen Elementen zu verbinden. Großen Eindruck hinterlässt auch die früh verstorbene griechische Sängerin Stella Doufexis mit Fortners Farewell, während der Bariton Ralf Lukas und der aus Canberra stammende Tenor Christopher Lincoln Shakespeare-Sonette in der Originalsprache vortragen. Fischer-Dieskau ist schließlich mit den Terzinen von Hugo von Hofmannsthal, die mit zwei Zwischenspielen für Soloklavier unterbrochen sind, wieder am Zuge – und ganz in seinem gestalterischen Element. Allesamt fallen die Aufnahmen in die Spätzeit seiner Karriere. Während sich das typische Timbre, das ihn von allen Kollegen unterscheidet, erhalten hatte, verlor die Stimme vornehmlich beim dramatischen Anstieg an Halt und Glanz. Es stellt sich Frage, wie einige dieser Lieder denn in seinen jüngeren Jahren geklungen hätten, als er noch über seine schier unbegrenzten Mittel verfügte?

 

Eines muss Dietrich Fischer-Dieskau besonders zu Gute gehalten werden. Er ist im Laufe seiner langen Karriere immer neugierig geblieben. Der Erfolg hat ihn nie zur Routine verführt. Vornehmlich als Liedersänger baute er sein enormes Repertoire immer weiter aus. Er war ein Suchender. Ein Forscher gar, schrieb Bücher zum Thema und sammelte Texte deutscher Lieder und gab sie gedruckt heraus. Fünfmal wurde ihm die Ehrendoktorwürde altehrwürdiger Universitäten verliehen. Wer sich mit Liedern beschäftigt, kommt an diesem Sänger nicht vorbei. Auch mehr als acht Jahre nach seinem Tode nicht. Orfeo hat diverse Einspielungen, die zunächst einzeln zu haben waren, in einer neuen Edition versammelt wieder aufgelegt. Die vier CDs Vol. 2 (C993204) sind nach der Herkunft ihrer Textvorlagen geordnet. Sie und gehen auf Studioproduktionen und Konzertmitschnitte zurück. Daraus erklärt es sich, dass der Klang nicht ganz einheitlich ist.

Den Auftakt bilden Lieder nach Gedichten von Johann Wolfgang Goethe, die 1970 bei einem Konzert in Stockholm aufgezeichnet wurden. Sie stammen aus dem Archiv des Sängers, der von Karl Engel begleitet wird. Mit „Auf dem Land und in der Stadt“ wird Anna Amalia von Sachsen-Weimar die Referenz erwiesen. Sie war regierende Herzogin, die Mutter des mit Goethe eng befreundeten Karl August, beförderte das literarische Leben der Stadt, das als Weimarer Klassik in die Kulturgeschichte einging. Ihr Witwensitz, das Wittumspalais, war bis zu ihrem Tod 1807 Zentrum des literarischen und gesellschaftlichen Lebens. Sie komponierte auch. Ihr Strophenlied ist musikalisch sehr einfallsreich. Das am ehesten an Mozart erinnernde Hauptthema hat Ohrwurmcharakter. Einmal gehört, vergisst es sich nicht. Johann Friedrich Reichardt und Carl Friedrich Zelter sind in einem Goethe-Programm Pflicht, weil sie bei ihrer Kompositionen besonders häufig auf den Dichter zurückgriffen. Zelter war sogar einer der wenigen Duzfreunde Goethes. Fischer-Dieskau spannt den Bogen weit, mutet sich und seinem schwedischen Publikum einen teils extremen Wechsel zwischen den Stilen zu und stößt kühn bis in die Moderne vor. Auf die beiden vom Dichter geschätzten Komponisten folgen Beethoven, Schumann, Brahms, Strauss, Schoeck, Reger, Busoni und schließlich Hugo Wolf.

Bei CD 2 handelt es sich um Liederabend im Kleinen Festspielhaus in Salzburg am 4. August 1975, bei dem Wolfgang Sawallisch am Flügel sitzt. Alle siebenundzwanzig Lieder haben diesmal den Dichter Joseph von Eichendorff gemeinsam. Um die fünftausend Vertonungen sollen auf ihn zurückgehen. Damit gilt er als der am häufigsten in Töne gesetzte Autor. Es scheint, als wohne seiner Sprache ein musikalischer Duktus inne. Fischer-Dieskau ist stets darum bemüht, dass das Wort nicht zu kurz kommt, die Musik sich nicht darüber erhebt, sich nicht verselbständigt. Sawallisch unterstützt ihn dabei auch mit der Erfahrung des umsichtigen Opernkapellmeisters, der sein Hauptjob gewesen ist. In den Solopassagen aber nimmt er sich weniger zurück und lebt seine pianistische Neigung leidenschaftlich aus. Da Fischer-Dieskau so großen Wert auf die Texte legt, braucht es auch seine Fähigkeiten, verständlich zu singen. Exemplarisch gelingt das bei Schumann, der mit dem „Einsiedler“ und vier Nummern aus dem berühmten Liederkreis op. 39 vertreten ist: „In der Fremde“, „Schöne Fremde“, „Zwielicht“, „Im Walde“. Indessen hat sich dieser Zyklus in seiner inneren Geschlossenheit und Vollendung derart in Konzert und Studio etabliert, dass es irritiert, nur Bruchstücke daraus zu hören. Zumindest versucht der Sänger, die Lieder eigenständig und in sich abgeschlossen vorzutragen, so dass der Verzicht auf das Ganze nicht zu auffällig wird. Ein bevorzugter Dichter war Eichendorff für den grüblerischen Hans Pfitzner, der mit Von deutscher Seele auch eine nach ihm benannte Kantate für Solisten, Chor und Orchester schrieb. Der 1985 in Berlin gestorbene Reinhard Schwarz-Schilling ist noch immer eine nahezu Unbekannter. Fischer-Dieskau wusste um seine Bedeutung, hatte gemeinsam mit Aribert Reimann für die EMI Lieder von ihm eingespielt und drei Titel – „Kurze Fahrt“, „Marienlied“ und „Bist du manchmal auch verstimmt“ – ins Salzburger Programm gehoben. Dass auch der Dirigent Bruno Walter komponierte, wird mit den Liedern „Der Soldat“ und „Der junge Ehemann“ belegt, die neugierig auf mehr machen, denn sie entstammen einem Zyklus auf insgesamt sechs Nummern. Krönender Abschluss dieses Eichendorff-CD-Liederabends ist Wolf.

Richard Dehmel, dem die dritte CD zugedacht ist, galt in den ersten beiden Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts als bedeutendster lebender deutscher Lyriker. Er war 1863 geboren worden und starb 1920 an den Folgen einer Verletzung, die er sich im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte. Dehmel war freiwillig Soldat geworden und rief seine Landsleute noch 1918 zum Durchhalten auf. Als Dichter griff er die unterschiedlichen Strömungen seiner Zeit auf und schreckte nicht vor drastischen Darstellungen sozialkritischer Themen zurück. Fischer-Dieskau und Reimann nahmen die Lieder, die auf seinen Versen beruhen, 1984 als Beitrag zur Ausstellung „Berlin um 1900“ beim Sender Freies Berlin auf. Wieder sind Strauss, Reger und Pfitzner mit dabei. Ganz neue Töne schlagen Anton Webern und Karol Szymanowski an und kommen Dehmel besonders nahe. Als Komponisten bringen sich die primär als Pianisten wirkenden Artur Schnabel und Conrad Ansorge, ein Schüler von Liszt, in Erinnerung. Schnabels Notturno „So müd hin schwand es in der Nacht“ ist das umfänglichste Werk und sprengt mit mehr als zwanzig Minuten den Rahmes eines Liedprogramms. Es braucht schon einen Sänger wie Fischer-Dieskau, um die Spannung über einen so langen Zeitraum zu halten. Mit CD 5 runden Lieder der Romantik die neue Folge der Edition ab. Begleitet von Hartmut Höll wurden sie 1983 in München eingespielt. Ihre Einzigartigkeit bezieht diese Zusammenstellung aus den Namen der Komponisten, darunter Conradin Kreutzer, Gaetano Donizetti, Hector Berlioz, Charles Gounod, Gottfried Herrmann, Lorenz Kraussold, Carl Gottlieb Reissiger, Sigismund von Neukomm und Emil Sjögren.

Es braucht keinen Taschenrechner, um herauszufinden, welcher Sängerin die meisten Lied-Aufnahmen hinterlassen hat. Für mich besteht kein Zweifel. Es ist Dietrich Fischer-Dieskau. Ein Blick ins Regal genügt. Er beansprucht den meisten Platz. Auch auf Listen, ob digital oder auf Papier, nimmt die Spalte mit seinem Namen kein Ende. Lieder sind die treuesten Begleiter auf seinem langen künstlerischen Lebensweg. Schon 1948 begann er damit, Lieder aufzunehmen. Darunter das Schwergewicht Wolf. Sie werden mitunter mehr geschätzt als seine späten Deutungen. Dieser Sänger war stets auf der Suche nach Vollkommenheit und Vollendung. Obwohl er mindestens achtmal mit der Winterreise von Schubert – um nur dieses Beispiel zu nennen – dokumentiert ist – näherte er sich wie kein anderer auch jenen Komponisten, die abseits stehen. Seine eigene Berühmtheit nützte dabei. Was er sang, musste gut sein.

 

Vol. 1 der Orfeo-Edition besteht aus fünf CDs (C992205). Eingebettet zwischen Studioproduktionen das Italienische Liederbuch von Hugo Wolf als einziger Livemitschnitt von den Salzburger Festspielen 1958. Fischer-Dieskau hat das Festival nach dem Krieg entscheiden mitgeprägt. Erstmals ist er noch unter Wilhelm Furtwängler 1951 mit den Liedern eines fahrenden Gesellen von Mahler aufgetreten, letztmalig 2005 als Dirigent bei einer Mozart-Matinee. Zahlreiche Auftritte sind auf Tonträgern dokumentiert. Seine Partnerin bei Liederbuch ist Irmgard Seefried, am Flügel sitzt Erik Werba. Mit den kleinen Dingen, die auch entzücken können, eröffnet die Seefried den Zyklus entschlossen und etwas resch. Sie muss erst ihr lyrisches Gleichgewicht finden. Ein scharfes Husten aus dem Publikum ist dabei nicht förderlich. Hat sie sich eingesungen, klingt sie hinreißend. Auch wenn nicht zu überhören ist, dass die Stimme immer leicht belegt wirkt. Beide harmonieren gut, werfen sich die Bälle zu und formen aus den sechsundvierzig Liedern ein kleines Drama aus unverstellter Leidenschaft. Sind die Fetzen geflogen wie in einem italienischen Film, folgt die Versöhnung, wie sie nur Musik zustande bringen kann. Fischer-Dieskau betet seine Partnerin mit Tönen regelrecht an, während die Seefried gern mal die Hosen anzieht und auch im Liederbuch mit „Ich hab‘ in Penna einen Liebsten wohnen“ das letzte Wort hat. Ihre größte Stärke ist die Natürlichkeit, während Fischer-Dieskau den versonnen Träumer gibt. Das passt.

Mit seiner Frau Julia Varady ist der Sänger 1984 ins Studio gegangen, um zwei Werkgruppen von Louis Spohr aufzunehmen. Es handelt sich um jeweils Sechs Lieder für Bariton, Violine (Dmitry Sitkovetsky) und Klavier (Hartmut Höll) op. 154 sowie Sechs Lieder für Sopran, Klarinette (Hans Schöneberger) und Klavier op. 103. Obwohl dieser Komponist sehr viele Lieder hinterlassen hat, haben sie auf dem Musikmarkt und im Konzertbetrieb Seltenheitswert. Von seinem Ruhm, den er zu Lebzeiten vor allem als Geiger genossen hat, ist nicht sehr viel geblieben. Dabei entfaltet er gerade in den Liedern mit der aparten Begleitung eine enorme Meisterschaft. Auch Carl Friedrich Zelter, von dem Goethe stark eingenommen war, ist durch diese Freundschaft, die in Briefen dokumentiert wird, mehr in Erinnerung geblieben als durch sein kompositorisches Schaffen. Nach seinen Liedern auf Tonträgern muss man mit der Lupe suchen. Einige Titel finden sich bei Hermann Prey. Mit neunzehn Liedern hat Fischer-Dieskau regelrecht geklotzt und die stilistische Vielfalt eingefangen. Begleitet wird er von Aribert Reimann, der bei der langen Einleitung zu „Der Sänger der Vorwelt“ nach Schiller als Pianist an einem Hammerklavier von 1838 gut zu tun hat und viel hermacht. Dass allein vierzehn Lieder auf Texte von Goethe zurückgehen, wundert nicht. Darunter ist auch eine gefällige Vertonung von „Wandrers Nachtlied“, das bei Zelter „Ruhe“ heißt.

Auf Zelter folgt sein Zeitgenosse Johann Friedrich Reichardt. Bei seinen zwanzig Liedern wird der Sänger von Maria Graf an der Harfe begleitet. Auch er unterhielt Kontakte zu Goethe und bediente sich bei ihm. Durch die Harfte geraten die Lieder oft in Singspielnähe, wodurch sie zum reinsten Hörvergnügen werden. Eine von Fischer-Dieskaus Stärken ist, dem Wort die ihm zustehende Bedeutung zu geben. Er ist gut zu verstehen. Ausgewählte Lieder von Hans Pfitzner, bei denen wieder Höll die Begleitung übernommen hatte, bilden den Abschluss der Sammlung. An diesem Komponisten lag dem Sänger. Er hat sich ihm mehrfach zugewandt die Schwermut dieser Gesänge ausgelotet und auch den bedrohlichen Kardinal Borromeo in der Palestrina-Produktion unter Kubelik bei Deutsche Grammophon übernommen. Rüdiger Winter