200 Jahre „Stille Nacht, heilige Nacht“

 

Weihnachten verbindet sich in diesem Jahr mit einem besonderen Jubiläum. 1818 – also vor nunmehr zweihundert Jahren – ist „Stille Nacht, heilige Nacht“ der Überlieferung nach erstmals bei einer Christmette in Oberndorf bei Salzburg erklungen. Es sollte einer der bekanntesten, wenn nicht gar das bekannteste, international am weitesten verbreiteten Weihnachtslied werden. Als seine Schöpfer gelten der Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber und der Hilfspfarrer Joseph Mohr. Es gibt Übersetzungen in mehr als fünfzig Sprachen. Bücher wurden darüber geschrieben, die Werbeindustrie erkannte es frühzeitig für sich. Es gibt Bearbeitungen ohne Ende, mit und ohne Gesang. Die Unesco hat das Lied als immaterielles Kulturgut in Österreich anerkannt. Darunter werden im Gegensatz zu Gebäuden oder Landschaften menschliche Ausdrucksformen verstanden, die eine Generation an die andere weitergibt.

Nicht unerheblich zur Verbreitung des Liedes in den zurückliegenden einhundert Jahren hat die Musikindustrie beigetragen. Die Zahl der Plattenaufnahmen ist Legende. Kein Chor, der es nicht im Programm hatte und hat. Prominente und auf Tonträgern nachweisbare Interpreten unter Opernsängern sind Ernestine Schumann-Heink, Richard Tauber, Olive Fremstad, Kirsten Flagstad, Lotte Lehmann, Elisabeth Schwarzkopf, Ingeborg Hallstein, Erika Köth, Anneliese Rothenberger, Maria Stader, Erich Kunz, Renata Tebaldi, Leontyne Price, Risë Stevens, Carlo Bergonzi, Fritz Wunderlich, Hermann Prey, Rudolf Schock, Siegfried Jerusalem, Eileen Farrell, Montserrat Caballé, Doris Soffel, Plácido Domingo, José Carreras, Luciano Pavarotti, René Kollo, Brigitte Eisenfeld, Jochen Kowalski, Juan Diego Flórez. Es fragt sich, wer das Lied nicht gesungen hat. Erst kürzlich überraschte Warner mit einer Aufnahme von Christa Ludwig, die bisher noch nie veröffentlicht worden sein soll. Sie ist in der anlässlich ihres 90. Geburtstages erschienen großen Box zu finden und stellt wirklich ein Highlight dar. Es begleiten ein Orchestra & Children’s Choir, die nicht näher bezeichnet sind. Den Angaben zufolge handelt es sich um eine Parlophone-Aufnahme in recht gefälligem Stil. Inzwischen gehört Parlophone als altes EMI-Label zu Warner.

 

„Stille Nacht, heilige Nacht“ hatte auch Peter Schreier im Repertoire. Er beherrschte es schon als Kind im Dresdner Kreuzchor aus dem Effeff und nahm es in seine Weihnachtsplatte auf, bei der ihn die Staatskapelle Dresden und der vom Thomanerchor unter seinem damaligen Kantor Hans-Joachim Rotzsch begleiten. Die Platte ist von der DDR-Firma Eterna produziert worden und jetzt von Berlin Classics erneut aufgelegt worden (0301169BC). Mit 1,4 Millionen verkauften Exemplaren gehörte sie zu den erfolgreichsten Schallplatten im sozialistischen Osten Deutschlands und hat die Wiedervereinigung erfolgreich überdauert. Dem Thomaskantor war das nicht vergönnt. Durch Rücktritt von seinem Amt 1991 soll Rotzsch nach Stasi-Vorwürfen seiner Entlassung zuvorgekommen sein. Ist das der Grund, warum man seinen Namen auf der CD mit der Lupe suchen muss und er lediglich als einfacher Dirigent erscheint? Offen bleibt das Produktionsjahr, das gewiss leicht zu ermitteln gewesen wäre. Gäbe es im Innern des Albums als grafisches Element nicht die Reproduktion des Eterna-Labels, das dem Kundigen den Ursprung der Platte offenbart, die Herkunft bliebe völlig im Dunkeln.

Mit Angaben zu einzelnen Titeln haben sich die Herausgeber auch nicht überschlagen. Nicht alle Angaben, die offenbar noch in der DDR recherchiert wurden, halten neuer Überprüfung stand. Mitwirkende Musiker werden ohne Hinweis auf ihr Instrument genannt. Mehrfach taucht der Name Hans Otto auf, ohne dass einem heutigen Publikum klar würde, wer das ist. Otto (1922 -1996) war ein in der DDR bekannter Organist, der zuletzt in Magdeburg wirkte. Schreier wartet mit zum Teil sehr angehübschten Bearbeitungen auf, musikalisch wie in Honig getaucht. Der schmalzige Sound macht die Aufnahmen noch älter, als sie ohnehin sind. Stilistisch fallen die Nummern auseinander. Beim Jubiläumslied aber reduziert sich im ersten Vers zunächst alles auf die schlichte Melodie, begleitet von einer Gitarre. Auch hier verweist der Name Monika Rost den informierten Käufer der CD auf die 1943 geborene klassische Gitarristin, Lautenspielerin und Musikwissenschaftlerin, die neben ihrer Konzerttätigkeit an der Musikhochschule „Franz Liszt“ in Weimar lehrte.

 

Aus gegebenem Anlass hat der Trompeter und Dirigent Ludwig Güttler seine ebenfalls bei Berlin Classics erschienene CD (0301165BC) „Stille Nacht, heilige Nacht“ betitelt. Diesmal wird einiges mehr an Informationen geboten. Solisten finden ebenso Erwähnung, wie die Stücke ihrer Herkunft nach zugeordnet sind. Güttler und sein Blechbläserensemble beginnen und enden ihr Programm über fast achtzig Minuten mit „Stille Nacht“ in eigener Einrichtung, allerdings ohne Gesang. Zunächst erklingen die ersten drei Verse, zum Schluss die verbleibenden drei. Jeder Vers ist individuell gestaltet. Wer genau hinhört, wird seine Freude haben an den feinen Unterschieden, Variationen und Verästelungen. In sich wirkt diese Bearbeitung sehr feierlich, begegnet dem Original mit großem Respekt und ist nicht auf äußere Effekte bedacht. Dazwischen wechseln die musikalischen Schauplätze – von Johann Sebastian Bach (1685-1750) zu Johann Georg Röllig (1710-1790), von Antonio Vivaldi (1678-1741), Joseph Haydn (1732-1809) zu Michael Praetorius (1571-1621). Mal ein Larghetto, mal ein Andante, dann wieder ein Siciliano, gespielt vom Ensemble Virtuosi Saxoniae, das Güttler selbst begründete. Als Entdeckung mit Ohrwurmpotenzial stellt sich alsbald die „Pastorale per la notte di natale“ von Johann David Heinichen (1683-1729) heraus. Die Sopranistin Antje Perscholka und der Altus Martin Wölfel stimmen etwas unvermittelt in dem weitestgehend instrumentalen Angebot „He shall feed his flock“ aus Georg Friedrich Händels (1685- 1759) Messias an. Was auf den ersten Blick in die Trackliste der neuen CD wie ein weihnachtliches Allerlei anmutet, ist wohlüberlegtes Kalkül. „Alles ist hinführende Musik. Der Hörer wird staunen, wie ähnlich die Dinge liegen“, wird Güttler im Booklet zitiert. Spekulieren wolle er nicht. „Es ist unerheblich, ob Franz Xaver Gruber diese Sachen konkret kannte. Ihn nährte die Welt seiner Zeit, die voller solcher Klänge war.“

 

Ein Zeitgenosse von Bach und nur ein Jahr jünger als dieser war der Italiener Nicola Porpora (1686-1768). Er wirkte für kurze Zeit in Dresden. Sony hat sein Christmas Oratorio Il Verbo in Carne (Das Fleisch gewordene Wort) vorgelegt (19075868452). Solisten des allegorischen Geschehens sind Roberta Invernizzi (Gerechtigkeit/Sopran), Terry Wey (Friede/Countertenor) und Martin Vanberg (Wahrheit/Bass). Es spielt das von Riccardo Minasi geleitete Kammerorchester Basel. Es handelt es sich um die Neuaufführung der Urfassung von 1747 aus Neapel. Sie fand am 5. Dezember 2016 in der Hamburger Laeizhalle statt. Dass es sich um einen Mitschnitt handelt, offenbart erst der Beifall am Schluss. Im Booklet präsentiert der italienische Musikwissenschaftler Giovanni Andrea Sechi die spannende Geschichte der Entstehung und Verortung des Oratoriums als leidenschaftliches Plädoyer für das Stück: „Die große Sanglichkeit und kunstvolle Virtuosität der Vokalpartien illustriert, mit welch unübertroffener Meisterschaft Porpora für die menschliche Stimme komponierte – die eigentliche Hautperson dieses Werkes.“ Der musikalische Schwung ist atemberaubend und erinnert in seiner Sinnlichkeit ehr an eine Oper denn an ein geistliches Werk. Die Geburt des Kindes wird in große Zusammenhänge gesetzt. Erst nachdem sich die allegorischen Figuren Gerechtigkeit und Friede ausführlich über die Perspektiven und das Schicksal der Menschheit ergangen haben, tritt die Wahrheit auf, um von der Geburt Christi zu berichten, an die sich dann große Hoffnungen knüpfen.

 

Nun zu Carl Loewe und seiner Weihnachtsbotschaft. Sie vermittelt sich am eindrucksvollsten in der Legende „Des fremden Kindes heil’ger Christ“ nach einem Gedicht von Friedrich Rückert. Viele Jahre war sie nur durch eine 1937 entstandene Einspielung des Tenors Karl Erb in Umlauf. Inzwischen ist sie auf mehreren Tonträgern zu finden. Es ist die Geschichte vom fremden Kind, das am Abend vor Weihnachten frierend und einsam durch die Stadt irrt und nirgendwo eingelassen wird, bis es die Engel hinauf in lichte Höhen ziehen, wo Bescherungen warten, die die irdischen Güter schnell vergessen machen. So ähnlich könnte sie in ihrem realistischen Teil auch einem Roman von Charles Dickens entnommen worden sein. Mehr noch als durch Worte bezieht die Legende ihre Wirkung aus der schlichten und eingängige Melodie, die zum Schönsten gehört, was Loewe komponiert hat. Gesungen wird sie diesmal vom Bariton Günter Leykam. Am Klavier begleitet Werner Dörmann. Die von der Internationalen Carl Loewe Gesellschaft unterstützte CD erschien bei CB Concerto Bayreuth (16018) im Vorgriff auf den 150. Todestag von Loewe, der 2019 begangen wird. Die CD, die noch weitere Balladen und vier Chorstücke mit Bezug zum Weihnachtsfest: „In dulci jubilo“, „Puer natus in Bethlehem“, „Quem pastores laudavere“ und „Gloria in excelsis deo“. Nach dem lateinischen Einstieg folgen die Gesänge deutschen Textvorlagen. Es singen der Kammerchor des Markgräflichen Wilhelmine Gymnasiums und die Kantorei der evang. Kreuzkirche Bayreuth. Rüdiger Winter

 

Auf den Opernbühnen waltet er als Regisseur seines Amtes, in den Buchläden liegen seine schriftstellerischen Erzeugnisse aus, bei allerlei Veranstaltungen fungiert er als Moderator oder Laudator, und gerade wenn dieser Text entsteht, ist er im deutschen Fernsehen als Spezialist für Mozart tätig. Rolando Villazón kann trotzdem nicht von seiner eigentlichen Berufung lassen: zu singen und sei es nur auf CD und seien es „nur“ traditionelle Weihnachtslieder, die kaum jemanden zu harscher Kritik am Zustand der Stimme des Interpreten herausfordern. Bemängeln muss man da schon eher den Geschmack, mit dem die Arrangements eingerichtet wurden, den Einsatz des Chors und die eventuelle Unfähigkeit des Solisten, weihnachtliche Stimmung zu verbreiten. Natürlich dürfen deutsche Titel nicht fehlen, auf keinen Fall „Stille Nacht, heilige Nacht“, das zwar nicht ohne Akzent und Vokalverfärbungen dargeboten wird, aber in den ersten beiden Strophen ohne melodramatischen Schnickschnack erklingt, erst in der dritten Strophe gibt es Verzierungen und dezente Höhenflüge, wobei die ansonsten sehr dunkel, ja baritonal klingende Stimme hörbar farbloser wird. Eine Superfermate am Schluss sprengt ebenfalls den volksliedhaften Ton des Lieds. Ähnlich aufgebaut ist übrigens „What child is this“.

Aus dem deutschen Sprachraum gibt es noch einen sehr weichgespülten „Tannenbaum“, der ebenfalls in der dritten und damit letzten Strophen einige Abellimenti erfährt. Schlimm ergeht es „Leise rrrrieselt der Schnee“, in dem Villazón mit sich selbst als auch zweiter Stimme singt und akustisch alles an Kitsch, was die Ohren aufnehmen können, zu vernehmen ist. Den Schluss der CD bildet „Morgen Kinder wird’s was geben“, von dem man eigentlich nur die erste Strophe kennt, was auch gut ist, denn der Rest, der hier gnadenlos dargeboten wird, erfreut mit Zeilen wie „O gewiss, wer sie (die Eltern) nicht ehrt, ist der ganzen Lust nicht wert“. Aus dem anglikanischen Sprachraum darf natürlich „White Christmas“ nicht fehlen mit einem gewagten Intervallsprung, „A merry little Christmas“ bietet eine herb klingende Stimme zu einem üppigen Kitschorchester, dem Slovak National Symphony Orchestra unter Allan Wilson. Feliz Navidad, so auch der Titel der CD, erleidet ein ähnliches Schicksal mit einem Arrangement und einem Kinderchor, als wolle man das glückliche Ende eines Hollywood-Schinkens vergangener Zeit musikalisch begleiten. Schöner wird es, wenn nur die Gitarre begleitet wie bei „Los peces en el rio“, und Adams „Minuit, chrétiens“ wären selbst mit den Apollo Voices erträglich, wenn nicht der hohe Ton so gequält klingen würde. Ein Kinderstimmchen als Partner ist eine diskutable Idee in zwei weiteren Liedern, aber man kommt doch zu dem Schluss, dass die vertrauten Weihnachtslieder am meisten berühren, wenn sie ganz schlicht gesungen werden und wenn man selbst mitsingen kann. (DG 483 5809/ Abbildung oben wie gewohnt: Liebig Fleischextrakt 1885). Ingrid Wanja