Musikszene / Festivals

Auf der Couch

  (…) Was Alvis Hermanis mit dem neuen Parsifal auf die Bühne stellte war nicht nur vom Zugang her falsch, sondern auch handwerklich nahezu unbewältigt. Interessant in diesem Zusammenhang was Hermanis in der ORF-Sendung „Kulturmontag“ (ORF 2, 27.3.2017) sagte:“Als ich gefragt wurde, ob ich in Wien „Parsifal“ machen würde, habe ich zunächst im Internet nachgesehen, wer […]

Nimm dich in acht vor blonden Frau‘n

  Die Fischer in Santa Lucia sind bestens informiert. „Wie das Sprichwort sagt: Neapel sehen und sterben“, wissen sie frohgelaunt. Die Händler bieten Austern an, Straßenhändler ihre Waren, junge Frauen singen ein Liebeslied. Ein Stimmengewirr, das dem in Süden Siziliens geborenen Pierantonio Tasca offenbar so vertraut war, dass er es bequem auf Neapel übertragen konnte. […]

Nur ein Traum von Liebe

  Adriana Lecouvreur ist in den stärksten Momenten eine Oper zum Dahinschmelzen. Sänger schwelgen schokoladig in Schönklang, etwas bittersüß Genußvolles, lieblich und liebend, aber vergeblich und vergänglich, erklingt in den Melodien. Die Oper von Francesco Cilea wurde am 6. November 1902 in Mailand uraufgeführt und gilt als Paradestück für Primadonnen und bedeutende Tenöre, Enrico Caruso […]

One more day to Revolution?

  Wohl selten in der Geschichte der Kunstform Oper dürften soviele Menschen in einem Raum – noch dazu einem so großen wie dem Münchner Nationaltheater – in einem Moment exakt dasselbe gedacht haben; „Auf geht’s beim Schichtl“ nämlich. Nicht-Einwohnern der Landeshauptstadt muss man das vielleicht erklären: der Schichtl ist eine traditionelle Attraktion auf dem Oktoberfest, […]

Prachtvoll

  Die französische Rarität der Saison ist an der Opéra Royal de Wallonie in Liège diesmal Jerusalém von Verdi, die Umarbeitung seiner Lombardi alla prima crociata für Paris. Angesichts der Menge an neuer Musik und der Veränderungen im Libretto sollte Jérusalem zweifellos als eigene Oper angesehen werden (mindestens so berechtigterweise wie im Falle von Aroldo […]

Neue Meister

  Kaspar Holten nimmt in seiner Regie der Meistersinger von Nürnberg in Covent Garden Wagner wörtlich. Es geht um Kunst, um deren Erneuerung, ohne das Alte, die Basis auszulöschen. Holten verschafft sich damit zu seinem Abschied als Direktor der Londoner Royal Opera einen Triumph. Im vortrefflichen Ensemble um Bryn Terfel reüssiert am 13. März 2017 […]

Auf dem Scheiterhaufen von Karthago

    Eine kleine Sensation: Die erste moderne Wiedergabe von Didone abbandonata, komponiert 1726 von Leonardo Vinci auf das Libretto von Metastasio in  Pisa, 26. März 2017. Es war Vergil im Vierten Buch der Äneis, der die unglückliche Liebe zwischen Dido und Äneas unsterblich machte. Auf der Spur des lateinischen Dichters – ohne die historische Wahrheit […]

Liebestod in Tirol

  Gleich zwei krankheitsbedingte Umbesetzungen gab es bei der Premiere von Alfredo Catalanis Bergoper La Wally an der Volksoper Wien (25. März 2017). Anstelle von Endrik Wottrich sang Vincent Schirrmacher den Giuseppe Hagenbach, und für Martin Winkler sprang Bernd Valentin als Vincenzo Gellner ein. Was sich als schlechtes Omen hätte erweisen können, entpuppte sich dann […]

Troja am Main

  Berlioz´ grandioses opus summum, Les Troyens an der Oper Frankfurt – zum zweiten Male möchte man sagen, hat man doch noch die kontroverse Produktion von Ruth Berghaus im Kopf. Unter dem eminenten Berlioz-Dirigenten John Nelson (dessen Genfer und Londoner Leitung des Werkes legendär ist) wagte sich das Opernhaus nun in der Regie von Eva–Maria Höckmayr erneut an die […]

Geräuschkulisse

  Die Arbeit des flämischen Regisseurs Guy Cassiers ist durch eine enge Beziehung zur Literatur gekennzeichnet. Es liebt es, sich mit großen literarischen Fresken auseinanderzusetzen, die er für die Bühne adaptiert: Tolstoï, Proust, Musil oder Littell, um nur einige zu nennen. Für Trompe-la-Mort (Der Unsterbliche) an der Pariser Oper nun führt er, ausgehend von der Idee, dass […]

Für Nachgeborene

  Das diesjährige Frühlingsfestival an der Opéra National de Lyon stand unter dem Motto „Mémoires“ und zeigte epochale Inszenierungen der letzten Jahrzehnte, zur Wiederbesichtigung für einen Teil des Publikums, zum nachträglichen Kennenlernen für andere wie etwa den Rezensenten – Ruth Berghaus‘ Elektra hatte ihre ursprüngliche Premiere 1986 in Dresden, fünf Jahre vor meinem allerersten Opernbesuch, und war auch als […]

Tod eines Pädophilen?

  Aschenbach ist schon tot, bevor die Handlung überhaupt einsetzt. Vor einem Hintergrund, der die optischen Anleihen bei einer Trauerhalle nicht verleugnet, versammeln sich Teile des Personals. An einer Seite riesige violette Blumen, die fatal an Rotkohlköpfe erinnern, zu einem Berg getürmt, der später auch als Handlungsebene für die jugendlichen Akteure herangezogen wird. Aus dieser […]

Satirische Weltflucht

  Seit Generalintendant Joachim Klement und Operndirektor Philipp Kochheim beim Staatstheater das Sagen haben, gab und gibt es in Braunschweig immer wieder Ausgrabungen unbekannter und fast vergessener Opern, wie neben der kleinen Reihe amerikanischen Musiktheaters (Hexenjagd von Robert Ward, Mansfield Park von Jonathan Dove, Argentos Reise des Edgar Allan Poe u.a.) Falena von Antonio Smareglia, […]

Vokaler Glanz in szenischer Öde

  Eine Königin, die in Komplizenschaft mit einem notorischen Erzschurken ihren Gemahl ermordet, um selbst den Thron zu besteigen, eine ob der Freveltat aus den Fugen geratene gesellschaftliche Ordnung, beherrscht von Schuld, Angst und Gewalt, und ein ersehnter Rächer in in Gestalt des überlebenden Sohnes, auf dessen Erscheinen alle warten… Ja klar, hatten wir doch […]