Lebensbilder

 

So viel ist bereits seit Beginn der Rossini-Renaissance seit dem hundertsten Todestag des Komponisten 1968 über Rossini geschrieben worden, dass man daran zweifelt, ein kleines und relativ schmales Bändchen könne noch Bedeutendes leisten, dazu noch mit dem anspruchsvollen Untertitel Künstler, Mensch und Mythos ausgestattet. Hinzu kommt als abschreckendes Moment das Cover: Ein dicker, nackter Mann mit Lorbeerkranz, dessen rechter Arm auf einem auslaufenden Fass ruht, sonnt sich unter einer Aureole aus Titeln von Opern des sogenannten Schwans von Pesaro. Paolo Fabbri, vor seiner Emeritierung Professor der Universität Ferrara und außer vielem anderen Vize-Direktor der Fondazione Rossini in Pesaro, aber ebenso vertraut mit Donizetti oder Bellini, hat das Wunder vollbracht, auf knappem Raum nicht nur einen ungeschönten Überblick über das wechselreiche Leben des Komponisten zu entwerfen, sondern auch eine Analyse der Musik der wichtigsten Opern Rossinis zu liefern und zudem den Weg zu weiterem Forschen durch eine an den Anfang des Buches gestellte Bibliographie frei zu machen. Die Übersetzung ins Deutsche stammt von Marcus Köhler und zeichnet sich, was nicht immer bei Übersetzungen aus dem Italienischen der Fall ist, durch eine den Fluss des Lesens eher unterstützende als hemmende Wirkung aus.

Eines jedoch kann auch dieses Buch nicht leisten: endgültig klären ob sich Gioacchino mit einem oder zwei C schreibt, die Taufurkunde hat zwei, der Text bietet durchgehend nur eines. Man wird also weiterhin im Ungewissen bleiben. Das erste Kapitel über die „Künstlerfamilie“ Rossini enthält nicht nur Persönliches, sondern auch zum Verständnis der verschlungenen Lebenswege der Familienmitglieder Historisches wie den ständigen Wechsel von päpstlicher und napoleonischer Herrschaft über Teile Italiens. Schon damals, aber viel stärker noch zum Schluss des Buches wird deutlich, wie stark Rossini sein Mäntelchen nach dem Wind hängte, schließlich erklärter Feind revolutionärer Bestrebungen war, nicht zuletzt, weil diese seine finanzielle Lage ungünstig beeinflussten.

Der Autor: der Musikwissenschaftler Paolo Fabbri/ Foto ilfattiquotidiano

Der Autor weist in diesem und den folgenden Kapiteln auf die vielseitige Begabung Rossinis hin, der auch Instrumentalist, Sänger, Dirigent, Lehrer war, gibt kurze, aber immer das Wesentliche berücksichtigende Darstellungen von Rossinis Opern, angefangen von Demetrio e Polibio 1811 bis hin zum Tell, gibt einen Einblick in das damalige Theaterwesen, auf das der Staat noch keinen Einfluss, abgesehen von der Zensur, nahm, erläutert dem Leser die unterschiedlichen Gattungen, so zum Beispiel den Aufbau einer Farsa. Viele Originaltexte, so Briefe oder Ausschnitte aus Werken von Stendhal alias Henri Beyle,, werden in deutscher Sprache übermittelt, manchmal geht der Übersetzer beinahe zu weit, wenn er durchgehend den Fachbegriff semi seria in „halb ernst“ umwandelt. Neben nur Rossini Betreffendem finden auch allgemeine Entwicklungen Erwähnung wie die zunehmende Tendenz, nicht nur Uraufführungen, sondern auch Wiederaufnahmen dem Publikum anzubieten.

Nicht alle Opern können die gleiche Aufmerksamkeit fordern, aber Tancredi mit seinen zwei Schlüssen, Barbiere mit seinem Konkurrenten von Paisiello, La Cenerentola mit Verzicht auf Märchenhaftes, La gazza ladra als Rettungsoper finden ganz besondere Beachtung. Nicht verschwiegen wird die Auswechselbarkeit mancher Stücke, so der Musik aus Il Viaggio a Reims in den Comte Ory.

Die chronologische Gliederung ist nicht nur eine nach Werken, sondern auch nach Schaffensorten, so Venedig, Bologna, Neapel, Florenz, zuletzt Paris. Dazu kommen die Reisen nach Wien oder nach London. Neu dürfte für manchen Leser sein, dass nicht Faulheit und Völlerei der Grund für das Verstummen des Komponisten in Paris waren, sondern der Rechtsstreit mit der französischen Regierung. Vielleicht hätte es also bei anderen politischen Verhältnissen doch noch einen Faust von Rossini gegeben.

Das zehnte von insgesamt zwölf Kapiteln rechnet mit dem „reichen Reaktionär“ ab, mit dem der Leser wegen der vielen gesundheitlichen Probleme ( Er kurt auch in Bad Wildbad.) doch auch wieder Mitleid hat, welches beim Lesen des Berichts von Eduard Hanslick über Rossini in Paris an Grenzen gerät und endlich durch das letzte Kapitel aus dem Buch durch die freudige Gewissheit abgelöst wird, dass das Werk Rossinis seit seinem 100. Todestag 1968 und dem Beginn der kritischen Neuausgaben u.a. durch Alberto Zedda, durch das Festival in Pesaro und durch Rossini-Aufführungen in aller Welt lebt (190 Seiten, Herausgegeben durch die Deutsche Rossini Gesellschaft 2019; ISBN 978 3 96023 279 7). Ingrid Wanja 29.10.2019