Landser im Fummel

 

Das neue Buch „Soldier Studies“ von Martin Damman im Hatje Cantz Verlag (2018, 118 S., ISBN 978-3-7757-4483-6) beschäftigt sich mit Crossdressing in der deutschen Wehrmacht. Parallel hat das Theatermuseum Meiningen die Ausstellung „Mein Kamerad – die Diva“ neu aufgelegt. Im Jahr 2014, im Zusammenhang mit den Erinnerungsveranstaltungen an den Beginn des Ersten Weltkriegs hundert Jahre zuvor, zeigte das Schwule Museum Berlin die Ausstellung „Mein Kamerad – die Diva“. Es ging um Theateraufführungen in Kriegsgefangenenlagern und an der Front: alle mit reinen Männerbesetzungen und in Frauenkleidern. operalounge.de hatte darüber ausführlich berichtet.

Dabei wurden viele Operetten gespielt, die damals mein besonderes Interesse erregten, zum Beispiel Gilbert & Sullivans „The Gondoliers“ in einer Aufführung britischer Offiziere zu Weihnachten 1917 im Lager Ruhleben bei Berlin oder Walter Kollos „Der Juxbaron“. Jetzt ist diese Ausstellung im Theatermuseum Meiningen neu aufgelegt wurden, parallel zum Gedenken an das Ende des Kriegs 1918. Und parallel zur Veröffentlichung eines neuen Buchs von Martin Dammann zur Situation im Zweiten Weltkrieg, Titel „Soldier Studies. Cross-Dressing in der Wehrmacht“.

Austellung für Meiningen neu zusammengestellt: Die Ausstellung „Mein Kamerad – die Diva“ vier Jahre später nochmal zu sehen, ist eine faszinierende Erfahrung. Besonders, weil die Räumlichkeiten völlig anders sind: die Objekte werden jetzt im Meininger Schloss gezeigt mit seinen grandiosen historischen Gängen, die dem Ganzen viel mehr Raum zum Atmen geben.

Soldaten im Fummel – aus dem Kapitel „Front“: historische Fotografie in Martin Dammanns Buch „Soldier Studies“ (Bild: Sammlung Martin Dammann)

Kuratorin Anke Vetter hat die Schau für Meiningen neu zusammengestellt. Die unzähligen Fotos sind nach wie vor atemberaubend: sie zeigen sorgenfreie Momente inmitten des größten Kriegshorrors, der für ein paar Stunden weggewischt wird mit Musik und Over-the-top Damendarstellern.

Wenn man die britischen Offiziere in Ruhleben sieht, in ihren venezianischen Kostümen in den „Gondoliers“, dann fragt man sich zudem, wieso es danach fast hundert Jahre gedauert hat, bis Theatermacher wie Sasha Regan in Großbritannien neuerlich auf die Idee kamen, G&S mit reinen Männerbesetzungen anzubieten.

Was war denn da in der Zwischenzeit los? Es ist ja nicht so, als wären die Crossdressing-Aufführungen damals ein Geheimnis gewesen oder unbekannt. Trotzdem wurden sie nach 1918 weitgehend ignoriert. Ganz sicherlich wurden sie von typischen verborten Operettenfans ignoriert, die von „Tradition“ schwafelten, aber solch relevante „Traditionen“ aus dem Krieg unter den Teppich zu kehren versuchten. Erfolgreich.

Sexuelle Verwirrung in der Truppe: Was die Ausstellung zeigt, wieder und immer wieder, ist welche sexuelle Verwirrung die soldatischen Damendarsteller bei den übrigen Soldaten auslösten. Auch diese Verwirrung der Gefühle wurde nach 1918 totgeschwiegen. Der zurzeit vergriffene Ausstellungskatalog zitiert erhaltene Liebesbriefe, in denen Soldaten ihre Leidenschaft für wunderschöne Kameraden-als-Frau ausdrücken. Teils werden sogar sexuelle Träume im Detail geschildert („Ich wünscht ich hätte mit dir mitkommen können, um mir deine Briefmarkensammlung anzuschauen, die du XY gezeigt hast, aber nicht mir“).

Kuratorin Anke Vetter beschreibt wiederholt, dass einige Verfasser solcher Briefe und Postkarten sich nach der Rückkehr in den Familienalltag für solche Texte schämten. Geschrieben haben sie sie dennoch. Und anscheinend  hat auch jemand die Texte aufbewahrt.

Manche entschieden sich auch für einen anderen Weg, nicht zurück in die vermeintliche „Normalität“ mit Verlobter und Ehefrau. Sie wagten den Versuch eines schwulen Lebens, das in den Weimarer Jahren erblühte, obwohl der Paragraf 175 nach wie vor über allem schwebte. Er wurde bekanntlich erst 1969 entschärft.

„Mein Kamerad – die Diva“/ Katalog zur Ausstellung im Schwulen Museum Berlin 2014

Was Homosexualität in der Bundeswehr angeht, musste man noch sehr viel länger warten bis das eine Option wurde. (Das Militärhistorische Museum Dresden hat das 2018 in der fulminanten Ausstellung „Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden?“ thematisiert, dazu gibt es einen gleichfalls fulminanten Katalog in zwei Bänden, der ein „must have“ ist.)

Die queere Truppenaktivität war erwünscht: Bereits in den Zwanzigerjahren begann der Theaterhistoriker Hermann Pörzgen Material zu Crossdressed-Kriegstheater zu sammeln. Er veröffentlichte damit ein Buch mit dem Titel „Theater ohne Frau: Das Bühnenleben der kriegsgefangenen Deutschen 1914-1920“. Später vermachte er sein Material der theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität Köln im Schloss Wahn.

In Meiningen kommen jetzt viele der Exponate von dort, während die diversen historischen Filmaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg aus französischen Militärarchiven kommen. Man sieht dort hochrangige Offiziere, die offiziell Crossdress-Aufführungen beiwohnten, lachten und begeistert applaudierten. Offensichtlich befürworteten sie diese Art Theater und Truppenaktivität.

Wenn man die Ausstellung nun außerhalb des Schwulen Museums sieht, sind die homoerotischen Bezüge nicht sofort ersichtlich. Der Besucher stolpert erst darüber, wenn er anfängt, die Texttafeln zu lesen. Vielleicht ist das auch gut so. Denn als ein Repräsentant des Schwulen Museums zur Eröffnung eine Rede hielt und dabei das S-Wort mehrmals verwendete, konnte man beim lokalen Publikum Zuckungen beobachten bei jeder Erwähnung des „schlimmen“ Begriffs. (Das musste man wirklich live sehen, um es zu glauben. Ich staune immer noch darüber.)

 

Die Ausstellung „Mein Kamerad – Die Diva“ ist noch bis zum 31. März 2019 im Theatermuseum Meiningen zu sehen (Bild: Kevin Clarke)

Weitere Details zur homoerotischen Seite dieser Geschichte findet man im Katalog im Essay von Jason Crouthamel, er hat die Überschrift „Wir brauchen ganze Männer. Cross-Dressing, Kameradschaft und Homosexualität im deutschen Heer während des Ersten Weltkriegs.“

Während es im Katalog von „Mein Kamerad – die Diva“ ziemlich viel zu lesen gibt, ist der Textgehalt bei Martin Dammanns „Soldier Studies“ eher übersichtlich. In einer kurzen Einleitung erklärt Dammann, wo er die Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden hat, die er in seiner Publikation vorstellt. Und abschließend gibt es einen Essay von Harald Welzer mit dem Titel „The Normality of Military Life.“

Welzer stellt die schwierige Frage, wie es überhaupt möglich ist, dass wir hier solch sorgenfreie Momente des Soldatenlebens sehen, mit Männern, von denen wir wissen, dass viele von ihnen zeitgleich in die schrecklichsten Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts verwickelt waren.

In vielen Fällen wissen wir nicht, wer diese Soldaten sind. Man muss also raten, ob es sich um knallharte Nazi-Anhänger handelt, um Antisemiten, um Männer, die sich für Politik und Ideologie interessierten oder nicht, ob es Heteros, Bisexuelle oder Schwule sind, ob sie den Krieg gutheißen, ob sie davor Angst haben oder vielleicht völlig dagegen sind. Was wir auch nicht wissen ist, welche Stücke sie aufführen. Ganz im Gegensatz zu „Mein Kamerad – die Diva“, denn da haben wir Besetzungszettel und Stücktitel. Bei Dammann bleibt alles anonym und vage. Wenn man Glück hat, erfährt man etwas zum Jahr und Ort. Einige der Wehrmachtssoldaten scheinen Kopien der berühmten Wunschkonzerte aufzuführen, verkleidet als Rosita Serrano oder anderen Stars der Zeit.

Travestie unterm Hakenkreuz: Was die Aufführungen in „Soldier Studies“ von den offiziellen Aufführungen in Film und Theater unterscheidet ist die Tatsache, dass man Hakenkreuze und andere Symbole der NS-Ära überall sieht. Das ist im Widerspruch zur offiziellen Goebbels-Doktrin, dass die Unterhaltungsindustrie eine politikfreie Zone sein soll, die auch ein Schutz- und Entspannungsraum für kriegsmüde Deutsche sein sollte.

Zumindest oberflächlich betrachtet, die ideologische Indoktrinierung geschah subtiler. Folge davon war, dass es in keinem einzigen NS-Operettenfilm und in keiner Theateraufführung Hitlergrüße oder sonstige visuelle Äußerungen von Parteiunterstützung gab. Es gab auch nirgends NS-Fahnen oder Symbole. Aber genau diese sieht man in „Soldier Studies“ zuhauf. Das macht die hier gesammelten Fotos selten und spannend. Sie erzählen eine Geschichte, die nicht von Goebbels geschönt wurde, eine Geschichte, dichter an der gelebten Realität.

Martin Dammann schreibt in seiner Einleitung, dass er solches Crossdressing-Fotomaterial regelmäßig in alten Alben auf Flohmärkten gefunden habe. Das heißt, diese Bilder waren niemals wirklich geheim oder versteckt. Das heißt auch, dass die Obrigkeit davon gewusst haben muss. Und wie es scheint, tolerierte sie solche Aufführungen, vielleicht weil sie die Soldaten ermuntern wollte, mit solchen Veranstaltungen geistig zu entspannen, damit sie später einsatzbereiter für den Kampf und die Vernichtung sind?

Man sieht auch Bilder von Männern, sie sich innig umarmen und küssen, und das zu einer Zeit, wo Hitler bereits das Gesetz unterschrieben hatte, das die sofortige Hinrichtung von Militärs und SS- und SA-Mitgliedern anordnete, sie sich homosexuellen Handlungen hingaben. Man kann dazu ausführlich etwas lesen in Dagmar Herzogs „Sexuality and German Fascism“.

70 Jahre Schweigen nach der Befreiung: In der Adenauer-Ära wollte sich niemand an solche Wehrmachtsmomente erinnern. Denn wie konnte sich die Nachkriegsgesellschaft der Schuldfrage am Holocaust und Vernichtungskrieg stellen, wenn gleichzeitig solche Party- und Performance-Bilder im Umlauf sind? Es dauerte mehr als 70 Jahre bis jemand das Schweigen durchbrach und diese Fotos nun veröffentlichte – und in diesem Kontext auch die offensichtlichen Fragen stellt. Es ist schade, dass die dazugehörigen Antworten ziemlich knapp ausfallen.

Übrigens: Eines der spannendsten Exponate in Meiningen ist kein historisches Foto oder Plakat, sondern ein ziemlich zeitgenössisches Video, in dem man Soldaten der US-Armee in Afghanistan sieht, die das Lied „Call Me Maybe“ aufführen. Sie tun das als Eins-zu-eins-Kopie bzw. Parodie der Version der Miami Dolphin Cheerleader. Das Video zeigt, dass die Geschichte von Militärs, die mit Gendernormen spielen und dabei populäre Musik benutzen, nicht vorbei ist. Und nach wie vor entstehen dabei verwirrende und teils auch irritierende Resultate.

Soldaten im Fummel: Dieses Foto aus der Ausstellung „Mein Kamerad – Die Diva“ in Meiningen zeigt russische, französische und britische Soldaten in einem deutschen Kriegsgefangenenlager während des Ersten Weltkriegs (Bild: Paul Tharan / Stadtarchiv Cottbus)

Der andere bemerkenswerte Themenabschnitt zur Jetztzeit betrifft Cross-Dressing in der Bundeswehr im Rahmen von weihnachtlichen Krippenspielen, mit dem Segen der Kirchen-Repräsentanten. Die wiederum gaben aber nicht den Segen dafür, dass die entsprechenden Fotos in der Ausstellung gezeigt werden dürfen. (Denn was würde das für ein Bild auf die Kirche werfen?). Stattdessen sieht man Bilder von Musikabenden im Kosovo und in Afghanistan mit Bundeswehrsoldaten, die gebannt einem Kameraden in Fummel lauschen: als Andrea-Berg-Double und als Uschi-Blum-Kopie. Mehr noch: Man sieht weitere Soldaten, die mit ihm/ihr im Tütü auftreten. Der Andrea-Berg-Darsteller heißt Oliver Z. und war damals schon gegenüber seinen Kameraden geoutet. Sie hatten kein Problem mit seiner sexuellen Orientierung, obwohl die Bundeswehr insgesamt noch eine Weile gebraucht hat, um damit ebenso entspannt umzugehen. Kevin Clarke

 

Der vorstehende Artikel zur Ausstellung im Theatermuseum Meiningen wurde uns von Kevin Clarke und von dem online-Magazin queer.de liebenswürdiger Weise überlassen, wo Kevin Clarkes Rezension erstmals erschien – Dank an beide.