Mozart, eine französische Leidenschaft

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Die Franzosen hätten allen Grund, Mozart böse zu sein. Gegenüber seinem Vater gab er nämlich im Juli 1778 unmissverständlich zu verstehen, was er von der Pariser Musikwelt und deren Protagonisten hielt: „die franzosen sind und bleiben halt Eseln, sie können nichts (…). Wenn ich eine opera zu machen bekomme, so werde ich genug verdruß bekommen – das würde ich aber nicht viell achten, denn ich bin es schon gewohnt, wenn nur die verfluchte französische sprache nicht so hündsfüttisch zur Musique wäre! Das ist was Elendes – die Teutsche ist noch göttlich dagegen“. Es lief offensichtlich nicht gut für den aufstrebenden Komponisten. Der Brief (der nämliche, in dem er Leopold den Tod der Mutter mitteilt) ist zweifelsohne auch Ausdruck seiner Frustration, denn die teure Reise in die ferne Metropole hatte sich als bittere Enttäuschung entpuppt. Die Franzosen nahmen Mozart und seine Musik jetzt nicht mehr an, nachdem sie das Wunderkind in den 1760er Jahren bejubelt hatten, und das traf ihn hart. Gab es also wirklich so etwas wie eine „französische Leidenschaft“ für Mozart, wie eine Schau in den Räumen des ehrwürdigen Palais Garnier betitelt ist?

„Mozart – une passion francaise“: Roger Chapelain-Midy, projet de décor pour La Reine de la Nuit dans La Flûte enchantée, 1954. BnF, Musique, Bibliothèque-musée de l’Opéra © ADAGP, Paris, 2017 / BnF

Die gab es, und die Kuratoren demonstrieren eindrücklich, wie sie sich entwickelte. Musikausstellungen sind oft eine öde Angelegenheit, denn Bilder und Partituren sprechen nicht jeden an. „Mozart, une passion française“ ist jedoch besonders gut gelungen. Seit dem 19. Jh. beherbergt Paris eine reiche Sammlung an Autographen. Am bekanntesten ist die Partitur des Don Giovanni, die Pauline Viardot 1854 erwarb und in einem eigens angefertigten Reliquiar (es ist das richtige Wort dafür) aufbewahrte, welches sie wie in einem religiösen Ritual für ausgesuchte Besucher aufmachte. Sie schenkte die Kiste und ihren Inhalt 1892 der Bibliothek des Conservatoire (heute Teil der Sammlungen der Nationalbibliothek). Neben diesem Schatz sind weitere Manuskripte zu bewundern, die aus der großen Sammlung des Charles Malherbe (1853-1911) stammen. Er war Archivar an der Opéra und vermachte die Mozartiana ebenfalls dem Conservatoire. Viardots und Mahlherbes Sammlertätigkeit beweist, dass sich Mozart im späten 19. Jh. an der Seine endgültig durchgesetzt hatte, doch erinnert die Ausstellung vor allem an die schwierigen Anfänge seiner Pflege in Paris. Der Bearbeitung der Zauberflöte, unter dem Titel Les mystères d’Isis, im Jahr 1801 kommt dabei eine besondere Rolle zu. Spätere Mozart-Verehrer (etwa Berlioz) schalten die Mystères ein abgeschmacktes Machwerk. Sie irrten sich doppelt: zum einen, weil das kuriose Werk das Urereignis in der Wiederentdeckung Mozarts auf französischen Boden war, zum anderen weil es gar nicht schlecht klingt, wie eine dankenswerte Veröffentlichung auf CD durch den Palazzetto Bru Zane beweist (Operalounge berichtete ausführlich über diese Ausgrabung). Die Ausstellung führt weitere, auch frühere Stationen des langen Weges zu einer konsolidierten Mozart-Rezeption vor Augen, über die man nur staunen kann.

„Mozart – une passion francaise“: Bühnenbild zu „Les Mystères d´Isis“/Gallica

Im Jahr 1793 startete man etwa den Versuch, die Nozze di Figaro mit dem vollständigen Originalstück zu verbinden, das die Rezitative ersetzte. Das bizarre Elaborat, an dem sich offenbar Beaumarchais höchstpersönlich beteiligte, nahm jedoch wagnersche Dimensionen an. Die französischen Kritiker, die traditionsgemäß der unterhaltenden Kürze einen hohen Wert beimaßen, stampften das nie enden wollende Monstrum in Grund und Boden. (Nicht nur die Bearbeitung ist ausgestellt, sondern auch das Autograph des Mariage de Figaro selbst. Wird sich je ein mutiges Theater dieser seltsamen Begegnung von Beaumarchais mit Mozart annehmen?).

„Mozart – une passion francaise“: Original-Autograph zu „Les Noces de Figaro“/ BNF

Die viel kürzeren Mystères d’Isis aber setzten sich fulminant durch (fast 130 Vorstellungen bis 1827). Das gilt nicht für andere Opern des Salzburgers, z.B. Don Giovanni. Als Don Juan auf Französisch wurde das Dramma giocoso in einer neuen, moralisierenden (und erfolglosen) Version gegeben, die in Neapel angesiedelt wurde und mit einem spektakulären Venuvausbruch endete. Das half alles nicht. Wenig Aufsehen erregte ebenfalls die Da Ponte-Trilogie in der Originalsprache, die seit 1807 das Théâtre-Italien ins Programm aufnahm. Aus dem Pariser Musikleben war Mozart seitdem immerhin nicht mehr wegzudenken. In der Ausstellung wird die Mozart-Verehrung seitens der Romantiker (Berlioz, Gautier) indes leider nur knapp behandelt.

Einen zweiten Schwerpunkt bilden dafür moderne Aufführungen in Paris wie die berühmten Nozze di Figaro in der Inszenierung von Giorgio Strehler (1973), aus der Entwürfe, Kostüme und Szenenbilder gezeigt werden. Man findet immer einen Vorwand, um Paris zu besuchen, und diese Schau wird jeden Musikliebhaber erfreuen, der sich zur Reise entschließt („Mozart – une passion francaise“ in der Pariser Bibliothèque Nationale  de France; bis zum 19. September 2017) . Michele C. Ferrari