Immer noch verkannt

 

Siegfried Kracauer war Exilant in Paris wie Jacques Offenbach. Zurecht schreibt Alexander Flores schon im ersten Satz seines klugen Buches „Jacques Offenbach und sein Werk werden immer noch verkannt.“ Er war mehr als nur Entertainer und Spötter, Zirkusmann und zugleich Zensor der Belle Époque, mehr als nur der „Spaßmacher des Zweiten Kaiserreichs“. Auch wenn nach seiner Verdrängung im Dritten Reich Max Reinhardt und Otto Klemperer dem Vergessen und der eklatanten Fehleinschätzung, ja der Verniedlichung entgegenarbeiteten, für Alexander Flores (Alexander Flores: Jacques Offenbach und sein Werk bei Siegfried Kracauer und darüber hinaus; 2021) bleibt ein Unbehagen am verkannten Offenbach, ein Unbehagen auch an Siegfried Kracauers Versuch, Offenbach auf einen Sockel zu heben und zu rehabilitieren mit dem wegweisenden Buch „Jacques Offenbach und das Paris einer Zeit“, das 1937 erstmals in Paris erschien. Ein eminent wichtiges Buch zweifellos, aber es sei eben nicht „der ganze Offenbach“ gewesen, den Kracauer “in die gesellschaftliche Realität seiner Zeit „eingebettet habe. Flores Ziel ist es, Kracauers Buch genau zu erfassen, seinen Inhalt zu referieren, seine Vorgeschichte in Kracauers Leben zu erzählen, seine Entstehung nachzuzeichnen und das Echo zu registrieren, das sein erstes Erscheinen ausgelöst hat“. Das hat bisher noch niemand unternommen. Aber der Autor will mehr, will ein „vollständigeres Bild von Offenbach und seinem Werk …zeichnen, als es Kracauer geliefert hat.“

Es ist vor allem das Offenbachbild der 30er Jahre, das Kracauer prägte. Seine Kernthese war schon in dem Satz enthalten „Die Operette konnte entstehen, weil die Gesellschaft, in der sie entstand, operettenhaft war.“ Schon das im Grunde ein Irrtum, denn es verbietet sich bei Offenbach von „Operette“ zu reden.

Schon Egon Friedell hat in seiner geistreichen “Kulturgeschichte der Neuzeit“ von 1927 den Werken Offen­bachs bescheinigt, dass sie beißende, salzige, stechende „Persi­flagen der Antike, des Mit­tel­alters, der Gegenwart“ seien, „aber eigentlich immer nur Gegenwart und im Gegensatz zur Wiener Operette, die erst eine Generation später ihre Herrschaft antrat, gänzlich un­kitschig, amoralisch, unsentimental, ohne alle kleinbürger­liche Melodramatik, vielmehr von einer rasanten Skepsis und exhibitionistischen Sensua­lität, ja geradezu nihilistisch.“

Offenbachs genuin eigene und neue Gattung war die „systemimmanente utopische Satire in der Form des Musiktheaters“ (Peter Hawig), die seit Karl Kraus „Offenbachiade“ genannt wird. Nun hat Offenbach keineswegs nur Offenbachiaden geschrieben, sondern auch romantische Opern, große revuehafte Opern mit ausladenden Balletten (der Gattung Opéra féerie) und Werke der Opéra comique. Nur ein kleiner Teil seines Oeuvres, die einaktigen ´Stücke, nannte er „Operettes“, aber auch den gehorchten anderen Gesetzen als die Operetten Wiener oder Berliner Typs, den Offenbachschen Gesetzen der Opéra bouffe nämlich.

Flores zitiert Siegfried Dörffeldt, der die Offenbachiade folgendermaßen definiert: ,,Inhaltlich eine Parodie des Göttermythos, der Heldensage, der mittelalterlichen Romantik, der italienischen Renaissance, der deutschen Kleinstaaterei, vereinigt die Offenbachiade in ganz unbeschreiblicher und unnachahmlicher Weise allgemeine Gesellschaftssatire, Spiegelung der Sitten der Zeit, Verspottung aller scheinbaren Größe und angemaßten Autorität, Verhöhnung des Hoflebens und Verherrlichung der ‘fete impériale’, alles gehüllt in einen ‘Zustand der übermütigsten Bouffonerie“.

Auch Friedrich Nietzsche hatte Offenbachs musiksatirischem Werk, er nannte den Komponisten bewundernd „Sankt Offenbach“, bescheinigt, „französische Musik mit einem Voltaireschen Geist“ zu sein, „frei, übermütig, mit einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell, geistreich bis zur Banalität (er schminkt nicht) und ohne die Ge­ziert­heit krankhafter oder blond-wienerischer Sinnlichkeit.“

Flores bringt es auf den Punkt: „Der Impetus zur Satire kam Offenbach aus seinem Ungenügen an der Welt, wie sie war – mit all ihrem Elend, ihrem Unrecht, ihrer Dummheit, usw. Auf diese Widerwärtigkeit Welt kann man als Künstler mit Abkapselung und dem Aufbau einer schönen Scheinwelt reagieren, aber als fühlender und denkender Künstler wohl angemessener durch die Auseinandersetzung mit der Welt, wie sie nun einmal ist. Das ist die Methode Offenbachs und seiner Librettisten. Es gibt bei ihnen viel spöttisch-kritische Reibung an allem, was an der Welt schief, nicht in Ordnung, befremdend, widerwärtig ist. Sie haben sowohl eine Vorliebe für die satirische, parodistische, karikierende Darstellung der Welt und der Gesellschaft wie auch eine besondere Befähigung dazu. Die Mittel sind Wortwitz, Brechung von Situationen und kalkulierte Inkongruenz zwischen Situation, Wort und Musik, und das mit großer Meisterschaft. Das alles vollzieht sich aber vor einer ganz anderen Folie, die immer wieder durchscheint: Sehnsucht, Utopie, Nostalgie, Suche nach dem aus der Kindheit herüberklingenden Glück.“ Diese Einsicht kommt bei Kracauer zu kurz. Schon, weil er nur einen Bruchteil des Werks Offenbachs berücksichtigt.

Zur Zeit seiner Entstehung war das umfangreiche Oeuvre Offenbachs, darauf weist Flores hin, äußerst populär; „zeitweise wurde Offenbach an vier Pariser Bühnen gleichzeitig gespielt; sehr schnell eroberte er auch die Bühnen der französischen Provinz und vieler anderer Lander. Dann schwand das Interesse. Soweit es bestehen blieb, wurde das Werk, mit Ausnahme von Hofmanns Erzählungen, in die Kategorie ‘seichte Unterhaltung‘ eingeordnet – und allzu oft auch entsprechend dargeboten. Von Zeit zu Zeit wurde es von Kundigen auch noch angemessen gewürdigt, aber das konnte sein Bild beim breiten Publikum nicht verändern. Offenbach galt eben als Operettenkomponist, und die Operette wurde als ein Gebilde irgendwo zwischen Zeller und Lehar wahrgenommen. Was noch irgend an Nischen für ein tieferes Verständnis Offenbachs da war, dem gaben die Nazis den Rest, indem sie ihn in ihrem Machtbereich verboten. Nach dem Dritten Reich wurde er ‘rehabilitiert‘, aber diese Rehabilitation bestand darin, dass die Offenbach-Pflege in die alten Bahnen einschwenkte, womöglich noch einen Tick provinzieller wurde. Dann dauerte es noch einmal ziemlich lang, bis die Offenbach-Rezeption durch angemessene Aufnahmen, die ,,Offenbach Edition Keck“, das ,,Bad Emser Jacques-Offenbach-Journal“, den ,,Jaques Offenbach Society Newsletter“, die Offenbach-Reihe der ,,Bad Emser Hete“ und viele andere Publikationen auf etwas solidere Füße gestellt wurde. Man kann heute auf viel mehr zuverlässiges Notenmaterial, Aufnahmen und Studien zu Offenbach zugreifen, als das je der Fall war; die Wissenschaftliche, sogar die musikwissenschaftliche Beschäftigung mit Offenbach wird reger.“

Flores, der Kracauers angriffslustiges Offenbach-Buch beinahe als „antifaschistische Kampfschrift“ deutet, die „eigentlich das nationalsozia­listische Regime seiner Zeit im Blick gehabt habe, ist einer der besten Kenner Offenbachs und der Offenbachliteratur, die er präzise benennt und charakterisiert,  von Anton Henseler über Thomas Schipperges, Jean-Claude Yon, Ralf-Olivier Schwarz, Peter Hawig, Elisabeth Schmierer, Rainer Franke, über Lawrence Senelik bis hin zu Anatol Stefan Riehmer, Peter Ackermann und Alexander Grün.

Das mit sorgsamem Zitaten- und Literaturverzeichnis ausgestattete Buch von Alexander Flores schlägt einen großen Bogen, es rückt Kracauers Offenbach­buch ins rechte Licht und zieht Bilanz der Offenbachforschung (Alexander Flores: Jacques Offenbach und sein Werk bei Siegfried Kracauer und darüber hinaus; 2021; 178 Seiten; Westfälisches Dampfboot ISBN 978-3-89691-061-5.Dieter David Scholz

  1. Uwe Aisenpreis

    Die Behauptung, dass man bei Offenbachs Werken nicht von Operetten sprechen kann, wird durch ständige Wiederholung nicht richtiger. Die Wiener Operette, die 5 Jahre nach Offenbachs erster (und nicht erst eine Generation später) begründet wurde, entstand aus der Nachahmung Offenbachs, musste allerdings aus regional gegebenen Umständen verharmlost werden. Die Wiener Presse, weniger die Autoren, bezeichnete die so entstandenen Werke ebenso wie die von Offenbach als Operette. „Dio schöne Galathée“ von Suppé nannte sich beispielsweise „komische mythologische Oper“.

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