Prätenziös

 

Im Nachwort zu ihrem Buch mit dem anspruchsvollen Titel L’Arte del Canto bekennt Gabriella Pittnerova, dass sie sich ans Werk dazu machte, „um Interessenten ihre fundierten Kenntnisse und Erfahrungen der Gesangskunst weiterzugeben“. Wie es um ihre „Erfahrungen“ als Sängerin bestellt ist, kann man dem Anhang von Fotos entnehmen, der die Künstlerin in einigen Partien am Opernhaus von Bratislava zeigt, dazu bei Konzerten wie im Kurhaus Bad Dürrheim oder im Kulturforum Uhlbach-Stuttgart, beides mit Klavierbegleitung. Außerdem gibt es eine Liste von Studenten, die mit ihr gearbeitet haben, wobei, soweit es sich um solche mit klassischer Gesangsausbildung handelt, kein bekannter Name erscheint. Das mag man mit einem Schmunzeln hinnehmen, nicht aber, was die „Kenntnisse“ betrifft, die zum Teil haarsträubend, voller Fehler und auch ohne dieselben zu einem großen Teil ohne jeden Nutzen für den werdenden Sänger sind. Dem Buch hinzugefügt ist eine CD mit Übungen für Studierende, über deren Wert sich die Rezensentin kein Urteil erlauben kann und will.

Das erste Manko des Buchs ist die einfache, aber nicht unbedeutende Tatsache, dass es voller sachlicher Fehler steckt, aber sogar auch ganz schlichter Grammatikirrtümer wie „des Bariton“, „mit jedem Student“, „gesunde Stimmvolumen“. Komisch wird es, wenn man von Delacroix‘ Die Freiheit für das Volk liest, von Das Männchen aus dem Goldenen Westen, von L’esir d’amore, Linda di Chamoix, Péleas, Il Pagliaccio, es eine Martina in Boris Godunov gibt und einen Berlios oder Wendungen  wie „Interessant zu betrachten ist die Tatsache, dass…“ oder Vergleiche von Musik und Malerei, bei denen Bach und Rubens einander gleichgesetzt werden. Wenn über das Ideal der Epoche Klassik die Meinung vertreten wird, es bestehe aus „Mühe für die Vollkommenheit“, ist das mehr als dürftig, und um zu erfahren, dass Beethoven „ein deutscher Komponist“ sei, muss man auch kein Buch studieren. Ihm wird übrigens ein gewisser A. Reicha an die Seite gestellt und Rossini unter die Repräsentanten der romantischen Musik versetzt.

Zum eigentlichen Thema wird nur wenig gesagt, vieles, wie Abbildungen der Stimmorgane, gibt es in vielen anderen Büchern, ganz bestimmt sucht der ratsuchende Student nicht nach langen Ausführungen über die europäische Musikgeschichte, über Gattungen wie Schauspiel und Ballett und fühlt sich sicherlich auch nicht bereichert durch die Feststellung, dass man auf der Bühne auf vielerlei unterschiedliche Arten zu Tode kommen kann. Es gibt lange Listen von Opernhäusern, Sängern, Stimmtypen und ihnen zuzuordnende Partien, wobei erstaunt, dass Tonio aus der Regimentstochter dem gleichen Fach angehört wie der Siegfried aus der Götterdämmerung und Nabucco und Rigoletto zu den Kavaliersbaritonen gerechnet werden.

Wird es mal praktisch, dann wird es auch unfreiwillig komisch, so wenn hohen Stimmen der Verzehr von Champignons, tiefen der von Linsen empfohlen wird, ohne die angeblichen Wirkstoffe zu benennen, die das Wunder vollbringen sollen. Dafür wird aber, gleich mit Adresse wie auch die von Hals-Nasen-Ohren-Ärzten aus dem Raum Stuttgart, der Erfinder des Wundermittels Sängeröl gelobt.

Dass der Belcanto in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts  die Opernbühnen beherrschte, mutet seltsam an, da doch der im Buch genannte Verfechter dieser Gesangskunst erst in der zweiten Hälfte desselben geboren wurde. Und dass Garcia mit hundert Jahren den Kehlkopfspiegel erfand, ist nicht weniger erstaunlich.

Das Wissen um lange Listen der italienischen Musikterminologie, ein Kapitel über Spektralfarben und das Hörvermögen von Delphinen dürften die Karriere junger Sänger kaum günstig beeinflussen, wenig nützlich sind auch  die Aufzählung von Gattungen in U- und E-Musik mit endlosen Werklisten. Da wird man den Eindruck nicht los, dass große Teile des Buchs aus anderen Büchern oder dem Internet abgeschrieben wurden und dabei ein großes Durcheinander entstand.

Ein Beispiel dafür ist, auf einer halben Seite vereint: 1. Absatz: Der Sänger braucht Rückhalt in einer Familie, 2. Absatz darüber, „dass nur Sänger, die wahrhaftig ihrer Bestimmung gerecht werden, Erfolge erzielen und gleichzeitig Fortuna anziehen können“, 3. Absatz: Aufzählung erfolgreicher Popsänger.

Ob es sich bei dem Lehrplan für 6 Studienjahre um einen von der Verfasserin entworfenen oder um den einer Musikschule handelt, wird leider nicht klar, sonnenklar aber ist, dass es Unsinn ist, einen Katalog von Eigenschaften aufzustellen, die mit einem Sängerberuf nicht vereinbar sind, und dann zu behaupten, wenn man weniger als die Hälfte derselben auf sich beziehen müsse, sei der Erfolg als Sänger gesichert. Da kann man also undiszipliniert sein, ungern vor Leuten auftreten und lieber zu Hause als auf Reisen  sein und hat damit nur 3 von 19 möglichen Minuspunkten und ist somit geradezu prädestiniert für eine glanzvolle Karriere. Aber auch der mit allen Minuspunkten Geschlagene kann hoffen, er ist nur noch nicht reif dafür: kann ja noch werden (Königshausen & Neumann, 165 Seiten, ISBN 978 3 8260 6447 0). Ingrid Wanja