Törichte Berichte aus der Provinz

 

Vielleicht ist dieses Buch etwas für an Geschichte Interessierte, vielleicht etwas für Leser, die gern das Rezept für Saumagen hätten, auch wer mehr über die Wendezeit erfahren möchte oder sich gern architektonisch interessante Gebäude ansieht, wird etwas für seinen Geschmack finden. Enttäuscht aber ist auf jeden Fall der Opernliebhaber, denn obwohl das Buch von Ralph Bollmann den viel versprechenden Titel „Walküre in Detmold“ trägt und das Titelbild eine solche an einer ländlichen Bushaltestelle zeigt, erfährt man über Oper fast gar nichts, und wenn, dann muss es nicht den Tatsachen entsprechen. Als Berliner beginnt man natürlich mit dem Kapitel über die hiesigen Opernhäuser und entdeckt im Verfasser einen Hasser insbesondere der Deutschen Oper, deren Ring er zwar nie gesehen hat, aber als „verstaubt“ abtut und die seiner Meinung nach eine Sonnambula aus Leipzig importieren musste, weil sie selbst keine guten Produktionen zustande bringt. Der Verfasser hat in den zwanzig Wendejahren alle ca. 80 deutschen Opernhäuser, die 50 Prozent des Weltbestands ausmachen, besucht, die Berichte über deren Aufführungen aber nehmen nur etwa 1 Prozent ein, manchmal erfährt man überhaupt nichts über die Qualität einer Aufführung wie beim Besuch von Görlitz, einmal, dass die Inszenierung von Fidelio gut war, weil man aus Bierdosen trank, einmal wird behauptet, ein Tristan sei gelungen, weil das Licht am Ende sacht verlöscht, während sich normalerweise Isolde zum Liebestod am Boden wälzt. Seltsam nur dass die Rezensentin trotz häufiger Tristan-Besuche ein solches Erlebnis noch nie hatte. Auch die Bemerkung, an kleinen Theatern spiele man besseren Wagner als an großen, weil hier „bewegliche Stimmen statt stundenlangen Gebrülls“ zu vernehmen seien, spricht nicht von besonderer Kenntnis. Soll man es einem Theater übel nehmen, wenn seinem Don Pasquale „Tiefgang“ fehlt? Soll man eine Inszenierung von Mefistofele gut finden, weil der Osterspaziergang als Nordic Walking absolviert wird? Soll man glauben, dass Cavaradossi durch die Naivität Toscas „ans Messer geliefert“ wird? Frönten die Nazis einem „orgiastischen“ Lebensstil, der den Triebverzicht während der Adenauerzeit zur Folge hatte? Und was haben die Kolonialpolitik Leopolds von Belgien, die Begegnung Goethes mit Napoleon, die Hochzeit Viktorias mit einem Deutschen mit dem Opernleben in der Bundesrepublik zu tun? Es macht dann einen Sinn, sich hier mit historischen Fakten zu befassen, wenn sie einen Einfluss auf das Thema des Buches haben, so die Konkurrenz zwischen Weimar und Erfurt, die zwischen Nationaltheatern und Hofopern, aber darauf beschränkt sich der Autor nicht, sondern schreibt in unschöner Ausführlichkeit alles nieder, was ihm auf seinen Reisen begegnet bis hin zur Beschaffenheit der Betten in Hotels oder der Speisekarte von Imbissbuden. Peinlich berührt ist man, wenn er das Dresdner Bürgertum dafür tadelt, dass es keinen Widerstand innerhalb der DDR leistete, sondern sich in das kulturelle Leben flüchtete. Dass er kurz nacheinander in einem Karlsruher Attila Aldi-Plastiktaschen und in einem Freiburger Rheingold solche ohne Aufdruck zu sehen bekommt, ist ihm keinerlei kritische Betrachtung wert. Da wird man zwangsläufig „noch stutziger“. Hamburg hatte für ihn seine große Zeit, als „ein Skandal den anderen jagte“. Am meisten ärgern den Leser die pauschalen und weniger als knappen Urteile, die aus Vokabeln wie „achtbar“, „ordentlich“, vorzeigbar“, „beachtlich“, „nicht schlecht gemacht“ und sonst absolut nichts bestehen. Ein Foto sagt dem Verfasser, welch politischen Geistes Kind das Publikum ist, die Frequenz von bei Rot über die Straße Eilenden, wie tolerant die Bevölkerung einer Stadt ist. Hat er noch nichts von den Drei Tenören gehört, von Villazón, Flórez, Kaufmann, wenn er meint, Sänger stünden stets im Schatten ihrer Kolleginnen? Menschen „mit nichtdeutschem Migrationshintergrund“ sollten mehr Führungspositionen in Opernhäusern einnehmen! Aber was wird dann aus den Migranten mit
deutschem Migrationshintergrund? Was meint der Verfasser mit Elisabeth, „die Tannhäuser in Wagners gleichnamiger Oper mit seiner platonischen Liebe behelligt“? Entweder weiß er nicht, was „platonisch“ ist, oder er kennt die Oper nicht, und Der Freischütz ist für ihn ein „öder Dauerbrenner“, der Ahrweiler Atombunker und eine Reise nach Pommern sind lange Ausführungen ohne jeden Bezug zum Thema wert. War er jemals in einer Aufführung mit Maestro Zedda oder einer Lucia mit Edita Gruberova (von vielen anderen ganz zu schweigen), wenn er behauptet, der Belcanto hätte nördlich von Wien und München keine Chance beim Publikum? Einem solchen Autor mag man dann auch nicht mehr glauben, wenn er selbstsicher schreibt: “Tristan und Isolde ist Wagners beste Oper“. Mit seinem selbstgefälligen Nichtwissen über Musik hat er sich längst, bevor man zum Ende des Buches gelangt ist, jedes Interesse an demselben und jedes Vertrauen in seine Urteilsfähigkeit verscherzt.

Ingo Kern

 

Ralph Bollmann – Walküre in Deutschland. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz; Klett-Cotta, ISBN 978-3-608-04621-3

 

  1. Karlheinz Erklärbär

    1. Ich habe mich nicht gegen das Buch in Gänze ausgesprochen, sondern nur gegen die Betrachtung des Hesssischen Staatstheaters und die Vorurteile zur Landeshauptstadt Wiesbaden. Ich kenne das Haus seit meiner frühesten Kindheit („Peterchens Mondfahrt“) und seit meiner ersten Opernerfahrung (Holländer) mit13. Als Statist habe ich später unzählige Male Mario Cavaradossi erschossen und durfte bei der Uraufführung von Kirchners „Die Trauung“ mitwirken. 2. Was mich am Wiesbaden-Artikel in Bollmanns Buch so sehr geärgert hat ist, dass er alle Prinzipien, mit denen er an andere Städte herangeht, bei Wiesbaden außer acht läßt und nur den abgeschmackten (und z.T. längst überholten) Klischees hinterher hechelt. Wer Wiesbaden nur die 200 Meter von der Taunusstraße zum Theater begreift, verengt und verdrängt. Und das hat, bitteschön, nichts mit „freier Meinungsäußerung“ zu tun. Zurück zur Systematik des Buches, so wie ich sie verstanden habe. Zunächst gibt Bollmann einen Abriss über die Geschichte der Stadt und des ehemaligen Staates, in der die Stadt einmal Capitale war, die ja idR mitverantwortlich für die Gründung eines Theaters war. Dann geht er auf die musikgeschichtliche Tradition des Ortes ein und auf die Architektur und die Geschichte des zu beschreibenden Hauses. Die Vorstellungen, die er besuchte (in diesem Falle die HIlsdorf-Inszenierung von Verdis „Don Carlos“) werden jeweils nur gestreift. Die Musikgeschichte Wiesbadens läßt Bollmann vollkommen links liegen, ihr widmet er kein einziges Wort. Um nicht auszuufern hier nur Stichwörter: Wagner,Brahms, Reger, Schuricht, Klemperer, Henze, Nono/Caruso, Callas, Gedda, Moffo usw. Auch die Architektur der Stadt, die einige Bonmots zu liefern hätte (Paul Bonatz) läßt er links liegen.

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