10 Jahre an der Komischen

Kann es einen Moment geben, in dem die Beschäftigung mit dem Buch über die zehn Jahre Wirkens von Andreas Homoki (nun an der Oper Zürich) an der Komischen Oper Berlin eher inopportun ist? Ja, und zwar wenn man aufgewühlt, gerührt, glücklich über das Erleben künstlerischer Vollkommenheit aus der Deutschen Oper gekommen ist, wo man gerade Die Walküre erlebt hat. Da erscheint einem das zumindest von Autoren der einzelnen Artikel unterstellte Bestreben des Hauses in der Behrenstraße, die Menschen „zum Nachdenken über die Bedingungen ihrer eigenen gesellschaftspolitischen Existenz zu bewegen“ (Jürgen Otten über Homoki), eines Hauses, in dem erst der „Regisseur zum Konstrukteur“ der Werke wird, Regie „ den ungezügelten Ausbruch der Kreativität“ braucht, wo nicht „werktreu, sondern werkgerecht“ inszeniert wird als Anmaßung gegenüber dem Komponisten und dem mündigen Zuschauer. Aristoteles zugunsten von Brecht zu verwerfen, mutet für die auf Musik gegründete Gattung Oper wahrlich seltsam an. Und die angebliche Rettung Wagners und Strauss‘ aus ihrer „bleiernen Rezeption“ durch die Inszenierung von Meistersingern und Rosenkavalier durch Homoki dürfte manchen gar nicht bleiernen Regisseur vor ihm einfach übergehen. Sorge erfasst den Leser, wenn er vernimmt, dass Regie „alles aufs Spiel setzt, auch den Sänger selbst“, der, so steht es anderswo, nur durch extreme psychische Forderung authentisch sein kann.

Der mit vielen Farbfotos, auch und gerade von dem Gebäude ausgestattete Band, der von Thomas Flierl, Ex-Kultursenator der Linken, herausgegeben wurde, setzt an die erste Stelle einen Artikel desselben, in dem der Intendant und Regisseur Homoki gefeiert, besonders aber auch Thomas Flierl als Retter der Berliner Opernvielfalt herausgestrichen wird, indem in seiner Amtszeit der Bestand aller drei Häuser festgeschrieben wurde. Er setzt auch den Schlusspunkt mit einem Artikel über die wechselvolle Geschichte des Bauwerks, nicht frei von DDR-Nostalgie und dem Zwang verpflichtet, DDR-Architektur als gleichwertig im Verhältnis zur westlichen zu sehen.

Es schließt sich ein freundliches Grußwort von Sir Peter Jonas an, in dem die Gattung Oper als höchst gefährdet durch rechte wie linke Machenschaften gesehen wird und Andreas Homoki als einer ihrer Ritter und Retter hochstilisiert wird. Erfreulich sachlich und trotzdem freundlich äußert sich der Vorsitzende des Freundeskreises des Hauses, Rolf-E. Breuer.

Otten lobt die Vielseitigkeit Homokis beim Engagement unterschiedlichster Regisseure, denen allerdings gemeinsam war, dass sie dadurch provozierten, dass sie das jeweilige Werk zum Spiegelbild eigener Probleme, Empfindlichkeiten und politischen Ansichten machten. Davon hoben sich die Regiearbeiten Homokis angenehm ab. Das Scheitern einiger Gastregisseure wird Harry Kupfer und für die DOB Götz Friedrich angelastet, seltsam nur, wie die Erfolge z.B. Günther Krämers an der DOB zustande kamen. Und wenn „kulinarisch“ und „ehrlich“ als Gegensätze empfunden werden, ist das schon beinahe ein Affront gegenüber dem jetzigen Intendanten, dem Genuss ohne Agitprop nicht verwerflich erscheint, der nicht wie Otten nur die Gegensätze „Amüsiertempel“, der zu verdammen, und „Labor“, das anzustreben ist, kennt.

Aber ein dankbarer und anerkennender Rückblick auf einen Schaffensabschnitt sollte den Blick auf das Geschaffene lenken, und den Regiearbeiten Homokis wird denn auch die gebührende Aufmerksamkeit zuteil. In einem Gespräch mit seinem ihm auch nach Zürich gefolgten Chefdramaturgen Werner Hintze offenbart der Intendant und Regisseur sein künstlerisches Credo, im weiteren Verlauf gibt es zu den einzelnen Inszenierungen auch Unterhaltungen mit anderen Partnern. Ein weiterer Abschnitt ist den Gastregisseuren und ihren Arbeiten gewidmet, von Baumgarten über Konwitschny, Bieito, Neuenfels, Decker bis zu Kosky. Fehlentscheidungen wie die Verkaufte Braut als Währungsunions-Drama werden nicht verschwiegen. Die Anfeindungen von Teilen des Publikums und der Presse werden nicht ausgespart. Reiches Fotomaterial dient der Veranschaulichung. Von der Musik ist wenig die Rede, und die Dirigenten kommen nicht selbst zu Wort, sondern ihner wird nur auf wenigen wenige Seiten gedacht.

Interessant nicht zuletzt wegen der Konkretheit der Aussagen ist der „Gespräch auf der Brücke“ betitelte Artikel über Kontinuität und Veränderungen, die mit dem Intendantenwechsel von Homoki zu Kosky verbunden sind und in dem sich beide Herren sehr offen äußern. Umso unverdaulicher zeigt sich der folgende Aufsatz von Albert Nikolai Herbst mit dem Titel „Rausch und Erkenntnis“, polemisch Popmusik als Ästhetik des Kapitalismus verdammend  und die KOB als Gegenteil desselben lobend. Da hört man die marxistisch angehauchte Nachtigall durch die Opernlandschaft trapsen.

Die Komische Oper selbst hat sich bereits viel weiter entwickelt, als es der eine oder andere Autor des Buches wahr haben will. Ein würdiges Denkmal für zehn Jahre Homoki an der Komischen Oper ist es, nicht zuletzt auch durch den präzisen Anhang, trotzdem. Man kann gespannt sein, wie sich Andreas Homoki im ganz und gar andersartigen Zürich schlägt, und ist froh, dass es in Berlin noch zwei Opernhäuser mit etwas anderer Ausrichtung gibt.

Lothar Herbst

 

Andreas Homoki: Ein Jahrzehnt Musiktheater an der Komischen Oper Berlin, Theater der Zeit, Berlin 2012, ISBN 978-3-942449-34-2

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