Archiv für den Autor: Rüdiger Winter

Sanfte Töne in der alten Scheune

 

Es ist dringend geraten, erst einen tiefen Blick in das Booklet zu werfen, bevor die CD in den Player geschoben wird. Für eine Neuerscheinung hat das das englische Label Chandos nämlich etwas Besonderes ausgedacht, was sich – wie ich finde – auf Anhieb nicht von selbst erschließt, sondern der Erklärung bedarf. Ludwig van Beethovens An die ferne Geliebte und Franz Schuberts Schwanengesang wurden nämlich auf unterschiedliche Weise aufgenommen bzw. abgemischt (CHAN 20126). Wer sich also nicht vorher informiert, wird sich womöglich wundern. Es singt der Bariton Roderick Williams. Für das Booklet hat er einen bemerkenswert offenen und sehr aufschlussreichen Text beigesteuert, in dem er einräumt, dass sein Respekt vor diesen Komponisten so groß gewesen sei, dass er sich zunächst gefürchtet habe, deren Lieder zu interpretieren. Schließlich ist der Engländer Williams selbst als Komponist hervorgetreten. Er wolle gar nicht erst versuchen, den einen so wie den anderen zu singen. Beethoven sei noch der Klang der späten Klassik eigen“, während Schubert „bereits die Dunkelheit der frühen Romantik“ erkunde. „Daher entschieden wir uns, die beiden Werke in leicht unterschiedlichen Klangeigenschaften einzuspielen.“ So sei bei Beethoven – am auffälligsten bei dem den Zyklus abschließenden Lied „Nimm sie hin denn, diese Lieder“ die Stimme mitunter „etwas weiter entfernt platziert, um dem Klavier gebührende Prominenz einzuräumen“. Es klinge fast, als sänge er, Williams, über die Schulter seines Pianisten Iain Burnside, mit dem er künstlerisch hervorragend harmoniert. Wenn man es also weiß, ist die Wirkung groß und überzeugend.

Dagegen wurde Schwanengesang „auf traditionelle Art und Weise aufgenommen“. Bei diesen „höchst außergewöhnlichen und fortschrittlichen Liedern wird die Gesangslinie in gleichwertiger Partnerschaft von Klavier unterstützt“, so Williams. Er bedient sich einer transponierten Fassung. Sie wurde von der Edition Peters für tiefe Stimme herausgegeben, ist aus dem Booklet zu erfahren. Produziert wurde die mit gut fünfundsechzig Minuten nicht überstrapazierte CD im April und Mai 2019 in der Potton Hall, einer umgebauten ehemaligen alten Scheune mit Holzboden und Gewölbedecke in der stimmungsvollen Landschaft von Suffolk, von der sich der Komponist Benjamin Britten inspirieren ließ. Die für die kleine Form offenkundig ideale Akustik fließt in die Aufnahme als sehr weicher, gar milder Klang ein. Als würden die Töne schweben. Es sind keine Härten und kein Widerhall zu vernehmen. Unter solchen Bedingungen kann sich Roderick Williams mit seinem ausgesprochen lyrischen Bariton besten verwirklichen. „Der Atlas“ und „Der Doppelgänger“, hochdramatisch wie sie sind, verführen ihn nicht dazu, die Stimme unnötig zu strapazieren. Es bleibt beim Schöngesang. Obwohl Mitte fünfzig, kommt er deutlich jünger herüber. Sänger und Pianist nehmen sich viel Zeit. Sie haben überhaupt keine Eile und hetzen sich nicht gegenseitig. Die Lieder können sich also in Text und Musik so entfalten, dass alles gut zu verstehen ist. Rüdiger Winter

Schwan am Spiess

 

Am Ende der Einspielung seiner Carmina Burana im Oktober 1967 in Berlin bedankt sich Carl Orff in seiner unverwechselbaren Art bei den Mitwirkenden für die Zusammenarbeit. Er hatte die Aufnahme mit Chor und Orchester der Deutschen Oper sowie den Schöneberger Sängerknaben unter der Leitung von Eugen Jochum durch seine Anwesenheit und seinen Rat autorisiert. So ist es auch auf dem Cover ausdrücklich vermerkt. Diese besonderen Umstände machten es also möglich, ein Werk genau so für die Ewigkeit festzuhalten, wie es dem Komponisten vorgeschwebt hat. Orff erzählt unter viel Räuspern, wie erst das Medium Schallplatte zur Verbreitung des Stückes beitrug. 1952 sei ebenfalls gemeinsam mit Jochum die erste Aufnahme gemacht worden, die über den Rundfunk auch in die USA gelangte. Dort hätten zwar längst die Noten vorgelegen. Sie seien aber unbeachtet geblieben, Erst diese Platte habe eine Flut von Aufführungen und weiteren Einspielungen zur Folge gehabt. Die Carmina Burana, die bei der Uraufführung 1937 in Frankfurt am Main wegen ihres teils deftigen Inhalts gespaltene Aufmerksamkeit fand, entpuppte sich als eines der erfolgreichsten musikalischen Schöpfungen obwohl die Texte aus dem 11. und 12. Jahrhundert in mittellateinischer und mittelhochdeutscher Sprache überliefert sind – Sprachen, die nur Gelehrte verstehen. Orff sieht darin aber einen Vorteil. Man könne das Stück überall aufführen und brauche keine Übersetzung. Jeder und keine verstehe es. Obwohl dem Chor die größten Aufgaben zukommen, haben auch die drei Solisten gut zu tun. In gefürchtete schwindelerregende Höhen steigt Gundula Janowitz auf, wenn sie sich stimmlich dem unbekannten Süßesten ganz hingibt. Herzzerreißend brät Gerhard Stolze als Schwan am Spieß. Dietrich Fischer-Dieskau, der am häufigsten gefordert ist, agiert gespalten. Er muss in ein Wechselbad der Gefühle steigen, besingt die Liebe in höchsten Tönen, verspricht sich von einem Kuss, dass er ihn ins Leben zurück bringt und muss sich auch mit wildem Grimm und voll Bitterkeit an die Brust schlagen.

Die Produktion – einschließlich der Ansprache von Orff – eröffnet eine neue Edition der Deutschen Grammophon anlässlich der 125. Geburtstages des Komponisten, der am 10. Juli 1895 in München auf die Welt gekommen ist (00289 483 8639). Angeboten hätte sich auch die erwähnte erste Einspielung, die ebenfalls mit dem Gelblabel erschien und in der Elfride Trötschel, Hans Braun und Paul Kuen mitwirkten. Obwohl historisch bedeutsam, kann sie klanglich mit der späteren Einspielung nicht mithalten. Die Carmina schreit – wie alle Kompositionen des Visionärs Orffs – nach Stereo, damit die rasanten und kühnen Effekte wirkungsmächtig zum Klingen gebracht werden. Aber es geht auch nicht ganz ohne Mono in so einer Sammlung, mit der Rezeptionsgeschichte betrieben werden soll. Von 1949 haben sich einige Nummern aus der Carmina Burana mit Kammerchor und Symphonie-Orchester des RIAS unter der Leitung von Ferenc Fricsay erhalten. Als Solisten treten Anny Schlemm und ebenfalls Fischer-Dieskau in Erscheinung. Sie sind Teil der Bonus-CD, die auch die zwei Ohrwürmer aus der Oper Die Kluge „Ach hätt’ ich meiner Tochter nur geglaubt“ und „Als die Treue ward geboren“ – enthält, die bereits 1944 in Dresden mit Lorenz Fehenberger, Hans Löbel, Gottlob Frick und Kurt Böhme eingespielt wurden. Da die Grammophon keine eigenen Gesamteinspielung im Katalog hat, ist die populäre Oper wenigstens bruchstückhaft berücksichtigt. Das Lamento d‘Arianna nach Monteverdi und die freie Transkriptionen Entrata nach The Bells von William Byrd, der eine Zeitgenosse Shakespeares war, zeugen davon, wie stark sich der Komponist von alter Musik, mit der alles begann, inspirieren ließ. Das Lamento wird bewegend von Elisabeth Höngen vorgetragen, während für Entrata eine der seltenen Aufnahme des Stückes mit Hermann Scherchen und dem Orchester der Wiener Staatsoper gewählt wurde. Gleichfalls von Jochum betreut wurden die Kantaten Catulli Carmina und Trionfo di Afrodite, die Orff erst nachträglich mit der Carmina Burana zum Tryptichon Trionfi verband.

Wenn ich nichts übersehen habe, existierte die Szenenfolge aus Die Bernauerin mit Chor und Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks, die von Ferdinand Leitner dirigiert werden, bislang nur als Schallplatte. Nun liegt dieser Mono-Querschnitt von 1957 auch als CD vor. Orff, der auch den Text schrieb, war direkt an der Produktion beteiligt, was ihr Authentizität verleiht. Dargestellt werden die wichtigsten Ereignisse der letzten Jahre im Leben von Agnes Bernauer (1410-1435). Sie stammte aus dem Volk und war die Geliebte und vermeintliche Ehefrau des bayerischen Herzogs Albrecht III. Dessen Vater hintertrieb die nicht standesgemäße Verbindung, indem er Agnes in der Donau ertränken ließ. Ihrem Andenken sind noch immer Festspiele im Innenhof des Straubinger Herzogschlosses gewidmet, die alle vier Jahre von Laienschauspielern veranstaltet werden. Orff betrieb für seine Version, die 1947 in Stuttgart uraufgeführt wurde, intensive Studien, um – wie es bei Wikipedia heißt – „sein Stück in einer Sprache auf die Bühne zu bringen, die seiner Meinung nach im 15. Jahrhundert in Bayern gesprochen wurde. Dieser Umstand erschwert aber auch den Zugang zu dem Werk für Menschen außerhalb des süddeutschen Sprachraums“. Das Werk steht sich quasi selbst im Wege, weil es nur in seiner originalen Form erfahrbar – und nicht zu übersetzen ist. Man muss sich tief hineinhören, um es zu verstehen. Wem das gelingt, dem ist ein packendes hochdramatisches Erlebnis sicher. Überwiegend hat die Musik jedoch nur untermalenden Charakter. Die Chöre sind Sprechgesängen, die handelnden Personen werden bis auf zwei Ausnahmen von Schauspielern dargestellt. Ihren Rang bekommt diese Produktion auch durch die Mitwirkung von Käthe Gold (Agnes) und Fred Liewehr (Albrecht).

Als großes Theater geben sich auch Antigonae und Oedipus der Tyrann. Beide Stereo-Produktionen haben legendären Status im Katalog der Deutschen Grammophon. Zuerst war Antigonae mit Inge Borkh in der Titelrolle auf CD gelangt und mehrfach neu aufgelegt worden. Außerdem mit dabei: Claudia Hellmann (Ismene), Carlos Alexander (Kreon), Gerhard Stolze (Wächter), Fritz Uhl (Hämon), Ernst Haefliger (Tiresias), Kim Borg (Bote), Hetty Plümacher (Eurydike) und Kieth Engen (Chorführer). Wieder liegt die musikalische Leitung in den Händen von Ferdinand Leitner, der viel für Orff getan hat. Hingegen fristete Oedipus für lange Zeit in einer in Leinen gebundene Schallplattenkassette ein luxuriöses Dasein. In meinem Regal sticht sie allein durch ihr eigenwilliges Orange hervor. Dort wird sie zumindest ehrenhalber bleiben, weil die Aufnahme in der neue Edition schon deshalb kein vollwertiger Ersatz ist, da es überhaupt keine Libretti gibt. Nicht alles lässt sich im Netz so einfach beschaffen. Umso mehr ist man auf sein Gehör angewiesen und muss auch auf zwei klugen Essays von Erich Emigholz und Karl Schumann sowie wunderbare Fotos der Solisten verzichten, die da wären: Gerhard Stolze (Oedipus), Astrid Varnay (Jokaste), Karl Christian Kohn (Priester), Kieth Engen (Kreon), Hans Günter Nöcker (1. Chorführer), Rolf Boysen (2. Chorführer), James Harper (Tiresias) und Hubert Buchta (Bote aus Korinth). Musikalisch betreut wurde die Aufnahme in Anwesenheit des Komponisten von Rafael Kubelik. Für beide Einspielungen gilt, dass sich durchweg namhafte Sänger leidenschaftlich und hochprofessionell zur Verfügung stellten, um den sperrigen Werken zum Durchbruch zu verhelfen. Dies trifft auch auf die jüngste Aufnahme in dieser Edition zu: De temporum fine comoedia (Das Spiel vom Ende der Zeiten). Sie entstand im Juli 1973 parallel zur Uraufführung bei den Salzburger Festspielen. Es gab drei Vorstellungen und keine Reprisen in den Folgejahren. Kein Geringerer als Herbert von Karajan hatte sich als Dirigent zur Verfügung gestellt und mit ihm Colette Lorand, Jane Marsh, Kay Griffel, Gwendolyn Killebrew, Kari Lövaas, Anna Tomowa-Sintow, Heljä Angervo, Sylvia Anderson, Glenys Loulis als Sybillen, die das Ende der Zeit verkünden. Zudem wirkten Christa Ludwig, Peter Schreier, Josef Greindl, Hans Helm, Wolfgang Anheisser und der Schauspieler Rolf Boysen als Lucifer mit. Für die Tomowa-Sintow war es der erste Auftritt bei den Salzburger Festspielen, bei denen sie über mehr als zehn Jahre in vielen großen Partien gefeiert wurde. Beim Publikum kam das letzte große Werk von Orff gut an, die Kritik gab sich zurückhaltend.  Rüdiger Winter

Das Herz verlangt nach Ruh‘

 

Eigentlich sollte der Komponist Gustav Jenner im Sommer 2020 auf der Insel Sylt mit einem Festival geehrt werden. Er stammt aus Keitum, wo er am 3. Dezember 1865 als Sohn eines Arztes in behüteten Verhältnissen zur Welt kam. Gestorben ist er am 29. August 1920 in Marburg. Aufgrund der Corona-Krise mussten Veranstaltungen zum 100. Todestag abgesagt werden. Nach Auskunft des Initiators und künstlerischen Leiters des Festivals, Carl-Martin Buttgereit, soll es in ähnlicher Form nun in der Zeit vom 25. April bis 2. Mai 2021 stattfinden. Zugesagt hatte bereits Ulf Bästlein. Wer mit Jenner und seinem noch weitgehend unerschlossenen Werk nähere Bekanntschaft schließen will, geht auch ohne die Veranstaltungen auf Deutschlands beliebtester Ferieninsel nicht leer aus. Der Bariton hat nämlich bei Naxos eine CD mit Liedern vorgelegt (8.551422).

Durch ihre Textvorlagen von Theodor Storm und Klaus Groth, der neben Fritz Reuter als Begründer der neueren niederdeutschen Literatur gilt, ergibt sich ganz von selbst der Bezug zur Herkunft des Komponisten, die ihn stark prägte. Da wird „einsam“ gewandert (Groth), sich „verirrt“ (Storm) und das wunde „Herz verlangt nach milder Ruh‘“ (Groth). Groth ist in seinen hochdeutschen Versen oft viel konkreter und unmittelbarer als der meisterhafte Storm, der lyrisch viel stärker abstrahieren kann. Wie Bästlein im Booklet schreibt, trat Jenner 1884 mit einem Chorlied von Groth erstmals öffentlich als Komponist in Erscheinung und vertonte noch wenige Monate vor seinem Tod mit „Wir können auch die Trompete blasen“ Verse von Storm. Zweiundzwanzig Lieder seines Schaffens gehen auf Storm, siebzehn auf Groth zurück. Sie sind komplett auf der CD versammelt, „größtenteils als Weltersteinspielungen“, wie er nicht ohne Stolz herausstellt. „Jenners Werke haben nie etwas Monumentales, sie zeichnen sich vielmehr durch klangliche Transparenz aus“, so Bästlein weiter. Er sei kein Komponist der großen musikalischen Formen gewesen, habe nur das Fragment einer Sinfonie hinterlassen und sei nie über Opern-Pläne hinausgekommen. „Mehr als zwei Drittel seines Werkes bestehen aus Vokalkompositionen, der Schwerpunkt seines Schaffens blieb das Lied.“ Der Sänger kennt sich also aus. Seinem Text folgt noch eine ausführliche Betrachtung des Musikwissenschaftlers Johannes Behr. Er vertieft das Thema feinsinnig mit einer Fülle von Material über Leben und Werk Jenners, der übrigens der einzige Schüler von Johannes Brahms gewesen ist und sich dessen Stil verpflichtet fühlte.

Ulf Bästlein erkennt diesen Bezug auch in seinem Vortrag an, legt aber zugleich größten Wert darauf, Jenner nicht als Brahms-Epigonen erscheinen zu lassen, der er auch nicht gewesen ist. Er ahmte Brahms nicht nach, er ließ sich von ihm inspirieren. Der Sänger hat hörbare Freude an seinem Programm. Dadurch kann er überzeugender vermitteln und nachdrücklicher für diese Lieder werben. Sie haben es verdient, dem Vergessen entrissen zu werden. Mitunter klingt seine Stimme etwas herb, wodurch einige Titel noch authentischer wirken. Begleitet wird der Sänger von Charles Spencer, der einen Flügel aus dem Jahr 1928 spielt. „Seine lange nachschwingenden, singenden Töne“ würden Interpreten beim Versuch, „der atmosphärisch verdichteten Intimität der Lieder Gustav Janners, gerecht zu werden, immer wieder inspiriert“, ist im Booklet über das Instrument aus der vormals Leipziger Firma Julius Feurich zu lesen. Rüdiger Winter

Suche nach dem Unbekannten

 

Eines muss Dietrich Fischer-Dieskau besonders zu Gute gehalten werden. Er ist im Laufe seiner langen Karriere immer neugierig geblieben. Der Erfolg hat ihn nie zur Routine verführt. Vornehmlich als Liedersänger baute er sein enormes Repertoire immer weiter aus. Er war ein Suchender. Ein Forscher gar, schrieb Bücher zum Thema und sammelte Texte deutscher Lieder und gab sie gedruckt heraus. Fünfmal wurde ihm die Ehrendoktorwürde altehrwürdiger Universitäten verliehen. Wer sich mit Liedern beschäftigt, kommt an diesem Sänger nicht vorbei. Auch mehr als acht Jahre nach seinem Tode nicht. Orfeo hat diverse Einspielungen, die zunächst einzeln zu haben waren, in einer neuen Edition versammelt wieder aufgelegt. Jetzt ist Vol. 2 erschienen (C993204). Die vier CDs sind nach der Herkunft ihrer Textvorlagen geordnet. Sie und gehen auf Studioproduktionen und Konzertmitschnitte zurück. Daraus erklärt es sich, dass der Klang nicht ganz einheitlich ist.

Den Auftakt bilden Lieder nach Gedichten von Johann Wolfgang Goethe, die 1970 bei einem Konzert in Stockholm aufgezeichnet wurden. Sie stammen aus dem Archiv des Sängers, der von Karl Engel begleitet wird. Mit „Auf dem Land und in der Stadt“ wird Anna Amalia von Sachsen-Weimar die Referenz erwiesen. Sie war regierende Herzogin, die Mutter des mit Goethe eng befreundeten Karl August, beförderte das literarische Leben der Stadt, das als Weimarer Klassik in die Kulturgeschichte einging. Ihr Witwensitz, das Wittumspalais, war bis zu ihrem Tod 1807 Zentrum des literarischen und gesellschaftlichen Lebens. Sie komponierte auch. Ihr Strophenlied ist musikalisch sehr einfallsreich. Das am ehesten an Mozart erinnernde Hauptthema hat Ohrwurmcharakter. Einmal gehört, vergisst es sich nicht. Johann Friedrich Reichardt und Carl Friedrich Zelter sind in einem Goethe-Programm Pflicht, weil sie bei ihrer Kompositionen besonders häufig auf den Dichter zurückgriffen. Zelter war sogar einer der wenigen Duzfreunde Goethes. Fischer-Dieskau spannt den Bogen weit, mutet sich und seinem schwedischen Publikum einen teils extremen Wechsel zwischen den Stilen zu und stößt kühn bis in die Moderne vor. Auf die beiden vom Dichter geschätzten Komponisten folgen Beethoven, Schumann, Brahms, Strauss, Schoeck, Reger, Busoni und schließlich Hugo Wolf.

Bei CD 2 handelt es sich um Liederabend im Kleinen Festspielhaus in Salzburg am 4. August 1975, bei dem Wolfgang Sawallisch am Flügel sitzt. Alle siebenundzwanzig Lieder haben diesmal den Dichter Joseph von Eichendorff gemeinsam. Um die fünftausend Vertonungen sollen auf ihn zurückgehen. Damit gilt er als der am häufigsten in Töne gesetzte Autor. Es scheint, als wohne seiner Sprache ein musikalischer Duktus inne. Fischer-Dieskau ist stets darum bemüht, dass das Wort nicht zu kurz kommt, die Musik sich nicht darüber erhebt, sich nicht verselbständigt. Sawallisch unterstützt ihn dabei auch mit der Erfahrung des umsichtigen Opernkapellmeisters, der sein Hauptjob gewesen ist. In den Solopassagen aber nimmt er sich weniger zurück und lebt seine pianistische Neigung leidenschaftlich aus. Da Fischer-Dieskau so großen Wert auf die Texte legt, braucht es auch seine Fähigkeiten, verständlich zu singen. Exemplarisch gelingt das bei Schumann, der mit dem „Einsiedler“ und vier Nummern aus dem berühmten Liederkreis op. 39 vertreten ist: „In der Fremde“, „Schöne Fremde“, „Zwielicht“, „Im Walde“. Indessen hat sich dieser Zyklus in seiner inneren Geschlossenheit und Vollendung derart in Konzert und Studio etabliert, dass es irritiert, nur Bruchstücke daraus zu hören. Zumindest versucht der Sänger, die Lieder eigenständig und in sich abgeschlossen vorzutragen, so dass der Verzicht auf das Ganze nicht zu auffällig wird. Ein bevorzugter Dichter war Eichendorff für den grüblerischen Hans Pfitzner, der mit Von deutscher Seele auch eine nach ihm benannte Kantate für Solisten, Chor und Orchester schrieb. Der 1985 in Berlin gestorbene Reinhard Schwarz-Schilling ist noch immer eine nahezu Unbekannter. Fischer-Dieskau wusste um seine Bedeutung, hatte gemeinsam mit Aribert Reimann für die EMI Lieder von ihm eingespielt und drei Titel – „Kurze Fahrt“, „Marienlied“ und „Bist du manchmal auch verstimmt“ – ins Salzburger Programm gehoben. Dass auch der Dirigent Bruno Walter komponierte, wird mit den Liedern „Der Soldat“ und „Der junge Ehemann“ belegt, die neugierig auf mehr machen, denn sie entstammen einem Zyklus auf insgesamt sechs Nummern. Krönender Abschluss dieses Eichendorff-CD-Liederabends ist Wolf.

Richard Dehmel, dem die dritte CD zugedacht ist, galt in den ersten beiden Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts als bedeutendster lebender deutscher Lyriker. Er war 1863 geboren worden und starb 1920 an den Folgen einer Verletzung, die er sich im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte. Dehmel war freiwillig Soldat geworden und rief seine Landsleute noch 1918 zum Durchhalten auf. Als Dichter griff er die unterschiedlichen Strömungen seiner Zeit auf und schreckte nicht vor drastischen Darstellungen sozialkritischer Themen zurück. Fischer-Dieskau und Reimann nahmen die Lieder, die auf seinen Versen beruhen, 1984 als Beitrag zur Ausstellung „Berlin um 1900“ beim Sender Freies Berlin auf. Wieder sind Strauss, Reger und Pfitzner mit dabei. Ganz neue Töne schlagen Anton Webern und Karol Szymanowski an und kommen Dehmel besonders nahe. Als Komponisten bringen sich die primär als Pianisten wirkenden Artur Schnabel und Conrad Ansorge, ein Schüler von Liszt, in Erinnerung. Schnabels Notturno „So müd hin schwand es in der Nacht“ ist das umfänglichste Werk und sprengt mit mehr als zwanzig Minuten den Rahmes eines Liedprogramms. Es braucht schon einen Sänger wie Fischer-Dieskau, um die Spannung über einen so langen Zeitraum zu halten. Mit CD 5 runden Lieder der Romantik die neue Folge der Edition ab. Begleitet von Hartmut Höll wurden sie 1983 in München eingespielt. Ihre Einzigartigkeit bezieht diese Zusammenstellung aus den Namen der Komponisten, darunter Conradin Kreutzer, Gaetano Donizetti, Hector Berlioz, Charles Gounod, Gottfried Herrmann, Lorenz Kraussold, Carl Gottlieb Reissiger, Sigismund von Neukomm und Emil Sjögren.

Es braucht keinen Taschenrechner, um herauszufinden, welcher Sängerin die meisten Lied-Aufnahmen hinterlassen hat. Für mich besteht kein Zweifel. Es ist Dietrich Fischer-Dieskau. Ein Blick ins Regal genügt. Er beansprucht den meisten Platz. Auch auf Listen, ob digital oder auf Papier, nimmt die Spalte mit seinem Namen kein Ende. Lieder sind die treuesten Begleiter auf seinem langen künstlerischen Lebensweg. Schon 1948 begann er damit, Lieder aufzunehmen. Darunter das Schwergewicht Wolf. Sie werden mitunter mehr geschätzt als seine späten Deutungen. Dieser Sänger war stets auf der Suche nach Vollkommenheit und Vollendung. Obwohl er mindestens achtmal mit der Winterreise von Schubert – um nur dieses Beispiel zu nennen – dokumentiert ist – näherte er sich wie kein anderer auch jenen Komponisten, die abseits stehen. Seine eigene Berühmtheit nützte dabei. Was er sang, musste gut sein.

 

Vol. 1 der neuen Edition von Orfeo besteht aus fünf CDs. Eingebettet zwischen Studioproduktionen das Italienische Liederbuch von Hugo Wolf als einziger Livemitschnitt von den Salzburger Festspielen 1958. Fischer-Dieskau hat das Festival nach dem Krieg entscheiden mitgeprägt. Erstmals ist er noch unter Wilhelm Furtwängler 1951 mit den Liedern eines fahrenden Gesellen von Mahler aufgetreten, letztmalig 2005 als Dirigent bei einer Mozart-Matinee. Zahlreiche Auftritte sind auf Tonträgern dokumentiert. Seine Partnerin bei Liederbuch ist Irmgard Seefried, am Flügel sitzt Erik Werba. Mit den kleinen Dingen, die auch entzücken können, eröffnet die Seefried den Zyklus entschlossen und etwas resch. Sie muss erst ihr lyrisches Gleichgewicht finden. Ein scharfes Husten aus dem Publikum ist dabei nicht förderlich. Hat sie sich eingesungen, klingt sie hinreißend. Auch wenn nicht zu überhören ist, dass die Stimme immer leicht belegt wirkt. Beide harmonieren gut, werfen sich die Bälle zu und formen aus den sechsundvierzig Liedern ein kleines Drama aus unverstellter Leidenschaft. Sind die Fetzen geflogen wie in einem italienischen Film, folgt die Versöhnung, wie sie nur Musik zustande bringen kann. Fischer-Dieskau betet seine Partnerin mit Tönen regelrecht an, während die Seefried gern mal die Hosen anzieht und auch im Liederbuch mit „Ich hab‘ in Penna einen Liebsten wohnen“ das letzte Wort hat. Ihre größte Stärke ist die Natürlichkeit, während Fischer-Dieskau den versonnen Träumer gibt. Das passt.

Mit seiner Frau Julia Varady ist der Sänger 1984 ins Studio gegangen, um zwei Werkgruppen von Louis Spohr aufzunehmen. Es handelt sich um jeweils Sechs Lieder für Bariton, Violine (Dmitry Sitkovetsky) und Klavier (Hartmut Höll) op. 154 sowie Sechs Lieder für Sopran, Klarinette (Hans Schöneberger) und Klavier op. 103. Obwohl dieser Komponist sehr viele Lieder hinterlassen hat, haben sie auf dem Musikmarkt und im Konzertbetrieb Seltenheitswert. Von seinem Ruhm, den er zu Lebzeiten vor allem als Geiger genossen hat, ist nicht sehr viel geblieben. Dabei entfaltet er gerade in den Liedern mit der aparten Begleitung eine enorme Meisterschaft. Auch Carl Friedrich Zelter, von dem Goethe stark eingenommen war, ist durch diese Freundschaft, die in Briefen dokumentiert wird, mehr in Erinnerung geblieben als durch sein kompositorisches Schaffen. Nach seinen Liedern auf Tonträgern muss man mit der Lupe suchen. Einige Titel finden sich bei Hermann Prey. Mit neunzehn Liedern hat Fischer-Dieskau regelrecht geklotzt und die stilistische Vielfalt eingefangen. Begleitet wird er von Aribert Reimann, der bei der langen Einleitung zu „Der Sänger der Vorwelt“ nach Schiller als Pianist an einem Hammerklavier von 1838 gut zu tun hat und viel hermacht. Dass allein vierzehn Lieder auf Texte von Goethe zurückgehen, wundert nicht. Darunter ist auch eine gefällige Vertonung von „Wandrers Nachtlied“, das bei Zelter „Ruhe“ heißt.

Auf Zelter folgt sein Zeitgenosse Johann Friedrich Reichardt. Bei seinen zwanzig Liedern wird der Sänger von Maria Graf an der Harfe begleitet. Auch er unterhielt Kontakte zu Goethe und bediente sich bei ihm. Durch die Harfte geraten die Lieder oft in Singspielnähe, wodurch sie zum reinsten Hörvergnügen werden. Eine von Fischer-Dieskaus Stärken ist, dem Wort die ihm zustehende Bedeutung zu geben. Er ist gut zu verstehen. Ausgewählte Lieder von Hans Pfitzner, bei denen wieder Höll die Begleitung übernommen hatte, bilden den Abschluss der Sammlung. An diesem Komponisten lag dem Sänger. Er hat sich ihm mehrfach zugewandt die Schwermut dieser Gesänge ausgelotet und auch den bedrohlichen Kardinal Borromeo in der Palestrina-Produktion unter Kubelik bei Deutsche Grammophon übernommen. Rüdiger Winter

Kühner Ritt durch kalte Nacht

 

Lenore fährt aus dem Schlaf empor. „Bist untreu Wilhelm oder tot?“ Preußen und Österreich haben ihre verlustreiche Schlacht um Prag beendet. Doch der Verlobte kehrt nicht zurück. Er ist gefallen. Die verzweifelte Braut hadert. „Bei Gott ist kein Erbarmen“, ruft sie aus. Was half das Beten? „Kein Sakrament mag Leben den Toten wiedergeben.“ Bei den Worten der Tochter ergreift die Mutter angstvolles Schauern. Sie weiß, dass Gotteslästerung in die Hölle führt. Und Wilhelm? Der erscheint schließlich als Toter, zerrt Lenore auf seinen Rappen und reitet mit ihr durch die gespenstische Nacht direkt in sein Grab. Die Prager Schlacht – die zweite im Siebenjährigen Krieg – fand am 6. Mai 1757 statt. Die Ballade Lenore von Christoph August Bürger, die sich direkt darauf bezieht, entstand allerdings erst 1773. Ungeachtet dessen kann getrost von einem Stück zeitgenössischer Gegenwartsliteratur gesprochen werden, das noch lange nach seinem Entstehen enormes Aufsehen erregte. Blasphemie ist bis in die Gegenwart ein heißes Eisen geblieben und kann unter bestimmten Umständen noch immer auch juristische Folgen haben. Lenore wird mit dem Tode bestraft. Nicht durch ein irdisches Gericht. Schlimmer noch. Ohne Gottes Segen sinkt sie in die Erde.

Antonin Reicha hat die Ballade zur Kantate für drei Solisten – das sind Lenore, die Mutter, Wilhelm – einen Erzähler, Chor und Orchester verarbeitet. Sie besteht aus zwei Teilen und wird mit einer großen Ouvertüre eingeleitet, die an die zehn Minuten beansprucht und mehr sinfonische Dichtung denn Vorspiel ist. Darin offenbaren sich das Können Reichas, sein Einfallsreichtum und seine Kompositionstechnik. Eine Aufnahme, die 2001 in Prag entstand, wurde jetzt von Orfeo erneut aufgelegt (MP1903). Dafür gibt es einen gewichtigen Anlass. Am 26. Februar 1770 wurde Reicha in Prag geboren. Damit ist er neben Ludwig van Beethoven der zweite Komponist, dessen 250. Geburtstages in diesem Jahr gedacht wird. Im Gegensatz zu jenem wurde um Reicha bisher kaum Aufhebens gemacht. Lediglich aus Brno ist eine Aufführung der Kantate bekannt worden. In Reichas Biographie gibt es sogar einen sehr direkten Bezug zu Beethoven. Beide kannten sich gut und hielten Freundschaft. 1785 war Reicha nach Bonn gekommen und spielte in der Kurfürstlichen Hofkapelle die zweite Flöte, während Beethoven Bratschist gewesen ist. Nachdem das Orchester aufgelöst wurde, ließ sich Reicha als Musiklehrer in Hamburg, später in Wien nieder und übersiedelte schließlich 1808 nach Paris. Dort fand er bereits nach einem Jahr eine dauerhafte Anstellung am Konservatorium und trat 1818 die Nachfolge von Étienne Nicolas Méhul als Professor für Komposition an. Namhafte Komponisten gingen durch seine Schule, darunter Franz Liszt, Hector Berlioz, Charles Gounod, César Franck und Friedrich von Flotow. Reicha selbst hinterließ ein reiches eigenes Werk aus Sinfonien, Konzerte und Messen. Zahlenmäßig den größten Posten bildet die Kammermusik. Sie ist auch am häufigsten auf Tonträgern anzutreffen. Viele Produktionen sind tschechischer Herkunft. Für die Tschechen ist Reicha einer der Ihren, was sich auch in der Namensnennung niederschlägt. Bei ihnen wird er Antonín Rejcha geschrieben, während er im deutschsprachigen Raum Anton und in Frankreich Antoine-Joseph Reicha heißt. Bei der Suche nach Schallplatten, CDs und Literatur sollte dies in Betracht gezogen werden. Zurück zu seiner Lenore.

Antonin Reicha wurde mm 26. Februar 1770 in Prag geboren. Damit ist er neben Beethoven der zweite Komponist, dessen 250. Geburtstages in diesem Jahr gedacht wird. 1825 entstand dieses Porträt. Foto: Wikipedia

Im Booklet schreibt Rainer Aschemeier: „Zu Reichas Zeit war Bürgers Ballade ein literarischer ,Smash Hit‘ – in ganz Europa, teils als Raubdruck auf Flugblättern weit verbreitet. Sie galt noch bis ins 20. Jh. als eines der bekanntesten epischen Gedichte deutscher Sprache, gerät heute leider aber zunehmend in Vergessenheit.“ In seiner Darstellung durch Bürger scheint ihr Thema trotz bemerkenswerter Erzählperspektive obsolet. Die Ballade ist kein historisierendes Werk. Im Mittelpunkt stehen nicht die herrschenden Majestäten und ihre politischen Ambitionen. Dargestellt finden sich die Folgen des Krieges für Lenore, das Mädchen aus dem Volke, das den Verlust des Mannes, dem sie versprochen ist, nicht als Helentod für das Vaterland empfinden kann. Ihr Leben hat ohne ihn keinen Sinn mehr. Mit der Eins-zu-eins-Vertonung konnte die Ballade offenbar auch nicht auf Dauer gerettet werden, wenngleich Reicha musikalische Akzente setzt, die über die Intentionen des Dichters hinausgehen. Es würde sich also durchaus lohnen, der Kantate mehr Aufmerksamkeit zu widmet, sie wenigstens hin und wieder öffentlich zu geben.

Die auch von HR2 Kultur als Europakonzert übertragene Aufführung im Februar in Brno wurde vom Tschechischen Philharmonischer Chor und dem Philharmonischen Orchester der Stadt unter der Leitung von Dennis Russell Davies bestritten. Dramatisch wirkungsvoll aufgeladen, litt die rasante Darbietung nach meinem Eindruck für die deutschsprachigen Hörer unter der eingeschränkten Wortverständlichkeit. Wer gnädig darüber hinweghörte und seine Bürger-Ausgabe mit den Text zur Hand hatte, machte die Bekanntschaft mit einem gewaltigen Werk, das kühn den Rahmen der traditionellen Kantate sprengt und rasante opernhafte Züge annimmt. Im Vergleich dazu geht Frieder Bernius, der Dirigent der Orfeo-Einspielung das Werk diskreter, teils gar sanfter an. Er kommt von der Kirchenmusik und fühlt sich der historischen Aufführungspraxis verpflichtet. Als Orchester stehen im die Virtuosi di Praga zur Verfügung, die gleich dem ebenfalls mitwirkenden Prague Chamber Choir erst 1990 und damit gut zehn Jahre vor der Aufnahme geründet wurden. Beides sind keine traditionellen sinfonischen Ensembles wie die Klangkörper in Brno, was den Intentionen von Bernius entgegen kommt. Für mich besteht kein Zweifel, dass Lenore bei Reicha an der Seite ihres Wilhelms doch noch Ruhe und Frieden findet. Eindeutig und unmissverständlich ist die Musik bei dem Paar, wenngleich die Geister bis zum Schluss wild und drohend mahnen: „Mit Gott im Himmel hadre nicht!“ Die Grablegung wird zum Requiem.

Obwohl keine Muttersprachler unter den Mitwirklenden sind, kommt der deutsche Balladentext sehr gut zur Geltung und macht Lust, sich ihn wieder genauer zuzuwenden. Die wichtige Aufgabe des Erzählers, der quasi durch die Handlung führt, wurde dem amerikanischen Tenor Corby Welch übertragen, der seinerzeit noch lyrischen Partien sang, inzwischen vornehmlich im Wagner-Fach unterwegs ist. Camilla Nylund bringt für die furchtlose und selbstbewusste Lenore alle Voraussetzungen mit, während die Mutter von Pavia Vykopalova in ihren Mahnungen, Vorhaltungen und düsteren Ahnungen dunkler und besorgter klingen und sich stimmlich deutlicher absetzten könnte. Noch bevor Orfeo die Lenore einspielte, entstand 1986 eine Aufnahme beim tschechischen Label Supraphon. Mit Magdalena Hajossyova als Lenore und Venceslava Hruba-Freiberger als Mutter wirken zwei Sängerinnen mit, die auch in Deutschland, vornehmlich in der DDR sehr bekannt und geschätzt waren. Der Tschechischer Philharmonischer Chor und das Prager Kammerorchester wurden von Lubomir Matl geleitet. Zuletzt ist diese Lenore 2000 aufgelegt worden und zumindest antiquarisch noch immer zu haben.

Der Dichter Gottfried August Bürger auf einem Gemälde von Johann Heinrich Tischbein dem Jüngeren, das 1771 entstanden ist. Foto: Wikipedia

Von dem literarischen Stoff fühlten sich auch andere Komponisten angezogen. Franz Liszt schrieb 1857 sein erstes Melodram nach der Ballade von August Bürger, das bei Hyperion herausgekommen ist, wobei der Pianist Leslie Howard den Schauspieler Wolf Kahler begleitet. Wie nicht anders zu erwarten, hat auch Dietrich Fischer-Dieskau eine Einspielung mit Burkhard Kehring bei der Deutschen Grammophon hinterlassen, die von seinem bemerkenswerten Können als Vortragskünstler zeugt. Ich kann mich nicht satt daran hören. Vollständige vertont wurde die Dichtung von Johann Friedrich Reichardt. Eine Aufnahme findet sich bei YouTube mit der Altistin Käthe Röscke, einer renommierten Oratoriensängerin, die mir in ganz jungen Jahren Johann Sebastian Bach bei Konzerten in der Jenaer Stadtkirche nahe brachte. Aufgenommen das an die achtzehn Minuten lange Stück 1972 im Händelhaus Halle. Joachim Raff setzte sich 1872 musikalisch in seiner 5. Sinfonie mit der Geschichte auseinander und Henri Duparc komponierte 1875 die sinfonische Dichtung Lénore. Den italienischen Komponisten Antonio Smareglia inspirierte die Ballade im Jahre 1876 zu dem Opus Leonora, sinfonia descrittiva. Carl Loewe berichtet in seiner autobiographischen Skizze davon, dass die Ballade in seinem Elternhaus in Löbejün geschätzt und regelmäßig laut gelesen wurde. Vertont hat er sie allerdings nicht, was ich als sehr schade empfinde. Gewiss hätte er ein Meisterwerk zustande gebracht. Das für die Beschäftigung mit dem Liedgesang so unerlässliche wie unerschöpfliche The LiederNet Archive im Internet listet noch viel mehr Komponisten auf, darunter Johann André (1741-1799), Friedrich Ludwig Emelius Kunzen (1761-1817), die Österreicherin Maria Theresia von Paradis (1759-1824), die in Wien enge Kontakte zu Joseph Haydn und Mozart unterschielt. Von Kindheit an blind trat sie bei Gastspielreisen vor dem französischen König Ludwig XVI. und seiner Gemahlin Marie Antoinette sowie vor König Georg III. in London auf. Nebenbei widmete sie sich der Komposition von Liedern, Kantaten, Opern und Orchesterstücken. Der aus Böhmen stammende Vaclav Krtitel Tomasek (1774-1850) hörte Beethoven als Pianist in Prag und besuchte ihn später auch in Wien. Auch sein Nachlass umfasst alle Genres, einschließlich einer Lenore. Johann Rudolf Zumsteeg war ein Jugendfreund von Friedrich Schiller, den er auch der Karlsschule kennengelernt hatte. Sein Lebensmittelpunkt war Stuttgart. Außer Opern hinterließ er vor allem Balladen. In der Literatur findet sich Lenore bei Edgar Allen Poe. Ihren Namen gab er der toten Geliebten in seinem Gedicht „Der Rabe“. Auch den bildenden Künstlern hat Bürger mit seiner Lenore ein packendes Thema beschert. Wie bei Wikipedia zu erfahren ist, versuchten sich achtzig 80 Künstler – Maler wie Bildhauer – an dem Stoff. Rüdiger Winter

 

Vorausgeschickt wird auf der CD die Leonoren-Ouvertüre Nr. 2, ungestüm wie die Egmont-Musik und das Florestan-Thema fein auskostend gespielt vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Gerd AlbrechtDie Egmont-Tragödie aus Hollands finsterster Zeit beginnt zwar wie ein Trauermarsch, endet aber mit einer mitreißenden Steigerung wie der vorweggenommene endgültige Triumph des tapferen Geusenvolks, den sein Anführer nicht mehr erleben durfte. Klärchen ist in der Aufnahme Ruth Ziesak mit zartem Sopran, der voll kindlichen Übermuts das Volksliedhafte von „Die Trommel gerührt“ betont. „Freudvoll und leidvoll“ wird sehr innig, sich in einen Taumel hineinsteigernd gesungen. Noch an der guten alten Sprachkultur orientiert ist Ulrich Tukur, der die Texte spricht. Wundervoll intensiv zeichnen die Zwischenaktmusiken die Stimmung des jeweiligen Abschnitts der Tragödie nach, die 4. mit einer schaudern machenden Ahnung des bevorstehenden Todes. Nicht nur, weil auf dem Markt wenig vertreten, verdienen es die Werke, besonders in dieser Ausführung, wieder dem Publikum vorgestellt zu werden (Orfeo MP 1903). Ingrid Wanja  

Das große Bild oben ist ein Ausschnitt aus einer Illustration der Historienmalers und Grafikers Franz Kirchbach von 1896 zur Ballade „Lenore“ von August Bürger. Foto: Wikipedia

(Weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.)

Musik für kreatives Schaffen

 

Benjamin Appl, der im Mai 2016 einen langfristigen Exklusivertrag mit Sony Classical eingegangen ist, hat seine neueste CD bei Hänssler Classic vorgelegt (HC19081). Warum nun das? Ein Hinweis auf der Rückseite lässt erkennen, dass es sich offenbar um eine geförderte Produktion handelt: „Wir danken Frau Prof. Dr. med. Dr. h.c. Birgit Arabin (Berlin) und der Clara Angela Foundation für die Unterstützung zur Realisierung dieses Aufnahmeprojektes.“ Die Professorin ist eine hochspezialisierte Medizinerin, die Fundation ist inhaltlich breit aufgestellt. So will sie beispielsweise in einem neuen Kreativ-Projekt am Standort Berlin gemeinsam mit werdenden Müttern in Erfahrung bringen, „wie sich kreatives Schaffen positiv auf“  Mutter und ihr Kind auswirken. Dabei dürfte also auch Musik eine Rolle spielen. Ein Zusammenhang mit der Neuerscheinung wäre also gegeben, wenngleich ich mir einige nährende Einblicke in die gegenseitigen Intentionen gewünscht hätte.

Appl singt diesmal Cantatas of the Bach Family. Drei einschlägige Werke werden um zwei Sinfonien ergänzt, die weit mehr als Pausenfüller darstellen. Ein Stück, die Sinfonie in F-Dur für Streicher & Basso Continuo stammt von einem „Mons. Bach de Berlin“, die Carl Philipp Emanuel, dem zweitältesten der Söhne von Johann Sebastian Bach, die überlebt haben, zugeschrieben wird. Er wird auf Grund seiner Wirkungsstätten auch der Berliner oder Hamburger Bach genannt und war in seiner Zeit berühmter als sein Vater. Dieses Werk ist laut Booklet ebenso eine Weltersteinspielung wie die Sinfonie B-Dur Falck 71/CS für Streicher & Basso Continuo von dessen ältesten Bruder Wilhelm Friedemann. Es spielen die Berliner Barock Solisten unter der Leitung von Reinhard Goebel, der – wie er im Booklet zitiert wird – „die Zukunft der Orchestermusik des Barock in den Händen moderner Ensembles“ sieht. Der Fetisch „Originalinstrument“ habe ausgedient, „nicht aber der profund gebildete Fachmann, der ein Orchester in die Tiefendimensionen der Kompositionen führt“. Denn nicht das Instrument mache die Musik, sondern der Kopf. Goebel ist Chef des Solisten-Ensembles. Sein Interpretationsansatz kommt deutlich und nachvollziehbar zum Ausdruck.

Appl beginnt mit der Kantate „Ich bin vergnügt mit meinem Stande“ von Carl Philipp Emanuel Bach, die erst vor wenigen Jahren in einem Kircharchiv wiedergefunden wurde. Wer die Karriere des jungen Baritons verfolgt, wird ihn sofort erkennen. Sein Timbre ist einer seiner Vorzüge, wenngleich Koloraturen  nicht seine Stärke sind. Der Umgang damit ist gelegentlich ziemlich frei und verwaschen. Besonders in der zweiten, das Werk abschließende Arie „Lieber Gott, es ist das Deine“ kommt der Sänger an deutliche Grenzen und kann die musikalische Linie nicht in dem Maße halten, wie es nötig wäre. Dafür hat er in der weltlichen Kantate Pygmalion von Johann Christoph Friedrich Bach wesentlich mehr und besseres zu bieten. „Abgöttin meiner Seele!“: In seiner dramatischen Überspitzung gelingt schon der Beginn wirkungsvoll. Hier ist Appl mit perfekter Wortverständlichkeit ganz der charmante junge Mann als den er sich auch auf seinen offiziellen Fotos gibt. Die Stimme blüht regelrecht auf, ist freier und entwickelt unverhoffte theatralischen Facetten und Talente.

Und es stellt sich wieder die Frage, warum sich dieser Sänger auf der Opernbühne so rar macht, wo er nach meiner Überzeugung am Ende viel besser aufgehoben wäre als vornehmlich auf dem strengen Konzertpodium. Auch in Operetten oder Musicals kann ich ihn mir sehr gut vorstellen. Die Stimme dafür hat er. Nach dieser gedanklichen Abschweifung mahnt das CD-Programm die Rückkehr zu Stenge und Ernst an:Ich habe genug“. Diese Kantate des alten Bach wird in der Leipziger Fassung von ca. 1747 dargeboten. Rüdiger Winter

Beethoven und kein Ende

 

Mehr noch als im vergangenen Berlioz-Gedenkjahr wirft 2020 der Klassik-Gigant Ludwig von Beethoven (getauft 17. Dezember 1770 in Bonn, Kurköln, gestorben am 26. März 1827 in Wien, Kaisertum Österreich) seinen gewaltigen Schatten über uns. Und wir werden uns nun der Neuaufnahmen und Wiederauflagen oder Gesamtausgaben nicht erwehren können. Wir richten also ähnlich wie für den Kollegen Berlioz eine Sammelseite für Beethoven ein, auf der wir nach Eingang die von operalounge.de besprochenen Einspielungen vorstellen (die Sinfonien und die Gesamtausgaben-Boxen behandeln wir gesondert): Die Auswahl ist eklektisch, je nach Vorliebe der Redaktion und der Rezensenten. Und gar nicht vollständig, aber das kennen unsere Leser ja. Auf also zum Kampf durch die Fülle. G. H.

 

Der Hype um Teodor Currentzis, den griechisch-russischen Dirigenten-Popstar, ist seit Jahren ungebrochen. Dafür sorgt nicht nur dessen ihm ureigene Exzentrik, sondern freilich auch Sony, sein Hauslabel. Dass die nun veröffentlichte Einspielung von Beethovens fünfter Sinfonie (Sony 19075884972) im Design des legendären Duftes Chanel Nº 5 daherkommt, ist sicherlich kein Zufall. Exklusivität ist das Credo, das auch notwendig ist, will man den potentiell Kaufwilligen, der noch kein Jünger des Maestros ist, dazu animieren, 15 Euro für 30 Minuten Musik auszugeben. Mehr ist tatsächlich nicht auf dieser Compact Disc enthalten. In einer Vorankündigung hieß es, die siebente Sinfonie werde zeitnah nachgereicht – Dekadenz pur, die man sich nicht einmal in der CD-Frühzeit in dieser extremen Ausprägung erlaubt hätte. Zugegeben: Die Cover-Gestaltung bei Currentzis-Aufnahmen ist in den meisten Fällen wirklich ausgefallen. Und auch der Inhalt wusste in der Vergangenheit überwiegend zu überzeugen – ob nun jetzt wegen oder doch eher trotz Currentzis. Freilich: Mitnichten alles liegt ihm, doch für welchen Dirigenten gälte diese Einschränkung nicht. Eigentlich ging ich ernüchtert an diese Neuerscheinung heran, war mir doch ein Live-Mitschnitt desselben Werkes unter diesem Dirigenten von den BBC Proms vom Juli 2018 in unguter Erinnerung. Dass die Sony-Produktion zwischen 31. Juli und 4. August desselben Jahres im Wiener Konzerthaus eingespielt wurde, legte auf dem Papier nahe, dass das nicht viel besser sein würde. Weit gefehlt. Dass man hier, ganz altmodisch, auf eine echte Einspielung im alten Sinne setzte, hat sich eindeutig gelohnt. Ist Currentzis am Ende vielleicht, entgegen des Klischees, gar nicht unbedingt der Live-Klangmagier, sondern erzielt er seine besten Ergebnisse im  klassischen Aufnahmestudio, wo alles bis ins kleinste Detail ausgetüftelt ist und man den Wünschen des Meisters minutiös nachkommen kann? Zumindest haben mich bisher seine offiziellen Platteneinspielungen mehr überzeugt als die gar nicht so wenigen Mitschnitte aus dem Rundfunk und Fernsehen. Klanglich hat Sony hier wirklich Maßstäbliches geleistet. Kein Vergleich mit der ungünstigen Akustik, die bei der BBC damals im Radio herüberkam.

 Ohne Frage: Das Geschäftsmodell, dass Sony hier abzieht, ist unverschämt. Andererseits ist diese Aufnahme auch unverschämt gut. Gewiss nicht die definitive Lesart, wie könnte sie es auch sein. Doch hat der Dirigent etwas mitzuteilen. Die Radikalität seines Ansatzes, frappierend exekutiert von seinem auf ihn eingespielten und bestens aufspielenden Orchester MusicAeterna, ruft, bald ein halbes Jahrhundert nach den ersten HIP-Versuchen, bestimmt keine neue Ära in Sachen Beethoven-Interpretation aus, doch fließt die Musik bei Currentzis in einer Sogwirkung dahin, wirkt alles organisch und nicht zwecks bloßer Effekthascherei aufgesetzt. Genau das werfen seine schärfsten Kritiker Currentzis häufig vor, wagnerisch ausgedrückt: „Effekt ohne Ursache“. Mir stellt sich dieser Eindruck hier nicht ein. Eigentlich exerziert der Dirigent genau das, was Nikolaus Harnoncourt bereits vor Jahren proklamiert hat: Die Beethoven’sche Fünfte als Programmmusik der Französischen Revolution. Harnoncourts hoch umstrittene Werkanalyse, die der Fünften gar als einziger Beethoven-Sinfonie ein solches Programm unterstellte, passt ausgezeichnet auf Currentzis‘ Interpretation: Im Kopfsatz die Darstellung eines unterdrückerischen Regimes, das jeden Aufruhr im Keim erstickt; im langsamen Satz innere Einkehr der Freiheitsliebenden im Sinne eines Gebetes; im Scherzo sodann der erst kaum merkliche, dann aber unaufhaltsam werdende Übergang zum (diesmal erfolgreichen) Aufbegehren; im Finale schließlich der Sieg  der Freiheit über die Tyrannei. Ein zeitloses Plädoyer, das einem Beethoven durchaus zuzutrauen gewesen wäre. Selbst wenn Harnoncourt geirrt haben sollte, so stellt gerade Currentzis diese Hypothese ungemein überzeugend dar – und verzichtet, anders als seinerzeit der greise Altmeister (übrigens auch bei Sony), sogar auf sehr eigenwillige Manierismen.

Abschließend könnte man sagen: Frechheit siegt. Sonys Abzocke macht jetzt schon gespannt auf Currentzis‘ Darbietung der Siebenten. Immerhin: Diese wird dann wohl auch unter Currentzis die CD mit etwas mehr als bloß einem halben Stündlein füllen. Daniel Hauser

 

Michael Gielen/ Wikipedia

Keine Frage: Michael Gielen, der 2019 verstorbene große Doyen der neuen Sachlichkeit unter den Dirigenten, hatte in Sachen Beethoven etwas mitzuteilen. Sein bei Hänssler erschienener SWR-Zyklus der neun Sinfonien machte zum Zeitpunkt seines Erscheinens einige Furore. Nun legt Orfeo eine 1985 entstandene Aufnahme der Missa solemnis, produziert vom Österreichischen Rundfunk, erstmals auf CD vor (Orfeo C999201). Die Problematik, welche das Beethovens Schüler Erzherzog Rudolph anlässlich seiner Ernennung zum Bischof von Olmütz gewidmete Werk dem heutigen Publikum bereitet, liegt neben des ihm innewohnenden Bombastes nicht zuletzt in den hohen Anforderungen begründet. Dem wollte Gielen bewusst gegensteuern. Seine Tempi sind eher flott, tendenziell näher an der HIP-Einspielung von Gardiner (Archiv) als bei den Aufnahmen von Klemperer (EMI) oder Karajan (DG). Die einzelnen Sätze sind bei Orfeo übrigens nicht weiter unterteilt, wie in den meisten Einspielungen der Fall; man hat also vier, teils sehr lange Tracks vorliegen. Sehr hochkarätig auch das Solistenquartett, bestehend aus der Sopranistin Alison Hargan, der Mezzosopranistin Marjana Lipovsek, dem Tenor Thomas Moser sowie dem Bariton Matthias Hölle. Mitte der 80er Jahre nahe am Optimum. Welch gewichtiger Dirigent Gielen war, wird man auch daran ermessen können, dass er den Wiener Singverein, der bei dieser und jener Aufnahme als Manko in Kauf genommen werden muss – so auch unter Karajan –, hier auf demselben hohen Niveau erklingen lässt. Kongenial die Leistung des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien. An der Orgel begleitet Rudolf Scholz .(Weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.) Daniel Hauser

 

Mit Liedern von Ludwig van Beethoven lässt sich Ian Bostridge zum 250. Geburtstag des Komponisten vernehmen. Die CD ist im Oktober 2019 in London aufgenommen worden, damit sie rechtzeitig zum Jubiläum herauskommen konnte. Erschienen ist sie bei Warner (0190295276430). Bostridge hat aber auch schon früher Beethoven in Konzerten gesungen, so 2017 den Zyklus An die ferne Geliebte in der Hamburger Laeiszhalle, der im Zentrum der CD steht. Er versucht es erst gar nicht mit Schöngesang wie einst Nicolai Gedda, Hermann Prey oder Dietrich Fischer-Dieskau. Bostridge bohrt tief in den inhaltlichen Schichten, setzt teils grelle dramatische Akzente. Manchmal kommt es einem so vor, als liege der Vortragende als Ich-Erzähler auf der Couch eines Psychoanalytikers. Dabei gerät die musikalische Linie etwas unter die Räder. Bostridge hält sich gern bei Details auf und malt sie voller Zerknirschung und Schwermut aus. Seine Interpretation, an der man mit der Zeit durchaus Gefallen finden kann, wirkt sehr bildhaft. Sie könnte die Tonspur für einen Film sein. Im gleichen Interpretationsstil schließt sich das Lied „Adelaide“ fast nahtlos wie ein Bestandteil des Zyklus an.

Editorisch sehr verdienstvoll ist die Aufnahme aller vier Fassungen des Liedes „Sehnsucht“ nach einem Gedicht Goethes aus dem Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Beethoven hatte die unterschiedlichen Versionen auf dem Autograph damit begründet, dass es ihm an Zeit mangele, ein einziges gutes Lied hervorzubringen. Boistridge aber macht die Erklärung des Komponisten vergessen und formt aus jeder Version ein eigenes Meisterwerk. Ins Programm der CD aufgenommen wurden auch das „Flohlied“ aus Faust„Ich liebe dich“„Un questa tomba oscura“„Maigesang“„Andenken“ und „Resignation“. Auch sprachlich ganz in seinem Element ist Bostridge, dessen Deutsch nach wie vor problematisch ist und zu wünschen übrig lässt, in einer Auswahl aus der reichen Sammlung von Volksliedern, die teils auf Textvorlagen von Walter Scott beruhen. Zum Abschluss noch einmal eine Goethe-Vertonung: „Marmotte“ aus seinem Schwank Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern.

Als Begleiter kehrt Antonio Pappano, der jetzt hauptsächlich als Dirigent tätig ist, an die Ursprünge seines musikalischen Wirkens zurück. im Alter von einundzwanzig Jahren war er nach grünlicher Ausbildung als Probenpianist an der New York City Opera engagiert worden. Bei den Volksliedern kommen zusätzlich Vilde Frang (Violine) und Nicolas Altstaedt (Cello) zum Einsatz (Foto Simon Fowler/ Warner). Rüdiger Winter

 

Gut Ding will Weile haben. Lange Zeit nur schwer greifbar, liegen mittlerweile mindestens fünf CD-Ausgaben des Zyklus der neun Beethoven-Sinfonien unter André Cluytens – der ersten Gesamtaufnahme der Berliner Philharmoniker – vor. Die EMI-Einspielungen, entstanden zwischen 1957 und 1960, sämtlich bereits in Stereo, waren ursprünglich für den französischen Markt konzipiert und erschienen erstmals 1995, wiederum bei EMI France, auf CD. Es folgten Neuauflagen in den Jahren 2006 und 2013 (zuletzt unter dem Label Erato); zudem waren sie 2017 in der insgesamt 65 CDs umfassenden Mammutbox André Cluytens – The Complete Orchestral & Concerto Recordings inkludiert. Nun legt sie Erato – oder man sollte besser sagen Warner – unter dem Titel Beethoven: 9 Symphonies · Overtures abermals auf, zum ersten Male nicht in erster Linie für Frankreich bestimmt, sondern für den internationalen Markt (Erato 0190295381066). Begründet wird dies mit einem neuen Remastering in 24-bit/96kHz von den Originalbändern durch Studio Art & Son, Annecy, von 2017. Die ältere Erato-Ausgabe ist derzeit offenbar parallel nach wie vor erhältlich, allerdings sogar teurer als die Neuausgabe; die alte Produktion dürfte nach menschlichem Ermessen freilich im Auslaufen begriffen sein.

 

Mit einer neuen Gesamtausgabe auf 118 CDs und mehreren DVDs feiert die Deutsche Grammophon das Beethoven-Jahr. Die fünf Klavierkonzerte interpretiert der kanadische Pianist Jan Lisiecki. Er ist es auch, der Matthias Goerne (Foto oben/ DG/ Marie Staggat)auf seiner aktuellen CD mit Liedern des Komponisten begleitet (00289 483 8351). Der deutsche Bariton kehrt damit – nach mehreren Jahren der Bindung an harmonia  mundi – zum Universal-Konzern zurück, bei dem er die ersten Jahre seiner Karriere unter Vertrag stand. 2005 veröffentlichte die Decca einen Liederabend Goernes mit Alfred Brendel aus der Londoner Wigmore Hall von 2003, in welchem neben Schuberts Schwanengesang Beethovens An die ferne Geliebte auf dem Programm stand. Bislang war dies das einzige offiziell existierende Beethoven-Dokument mit dem Sänger auf CD. Der Zyklus findet sich nun auch auf der neuen Platte, die im Juli 2019 im Berliner Teldex Studio aufgenommen wurde. Der Vergleich nach 16 Jahren ist aufschlussreich. In der ersten Studio-Aufnahme klingt die Stimme jugendlicher und leichter, doch in der Gestaltung noch nicht so prägnant wie heute.

Eröffnet wird das Programm der CD mit den 6 Liedern op. 48 auf Gedichte von Christian Fürchtegott Gellert, die Goerne 2003 bei den Schwetzinger Festspielen interpretierte, wovon unter Sammlern ein privater Mitschnitt kursiert. Also auch hier derselbe zeitliche Abstand wie bei der Fernen Geliebten und vergleichbare Erkenntnisse. Das erste Lied („Bitten“)  erklingt in ganz schlichtem, verinnerlichtem Ton und suggeriert einen tief gläubigen Menschen. Voll energischer Strenge  dagegen das folgende „Die Liebe des Nächsten“, das Barmherzigkeit und Nächstenliebe preist. „Vom Tode“ handelt mit ernsten Tönen vom unausweichlichen Ende des Menschen und stellt den Klangreichtum der sonoren Stimme besonders heraus. Autoritären Nachdruck besitzen „Die Ehre Gottes“ und „Gotttes Macht und Vorsehung“. Den Zyklus beschließt das nachsinnende und sich zur Zuversicht wandelnde „Bußlied“.

Erstmals von Goerne zu hören sind elf Lieder, die zwischen den beiden Zyklen positioniert sind, von denen „Adelaide“ das bekannteste ist. Deren Beginn intoniert der Pianist wunderbar kantabel, der Sänger nimmt diese Vorgabe auf und formt zärtlich-weiche Töne von feinster Lyrik, die erst am Schluss einem drängenden Duktus weichen. Auch die einleitende „Resignation“ oder der später folgende „Maigesang“ sind gelegentlich zu hören, kaum dagegen „Der Liebende“ (nach Christian Ludwig Reissig) und „Klage“ (Ludwig Hölty). Hier hört man eine vielfältige Palette von Farben und Stimmungen: verhalten und zögerlich die „Resignation“, munter und hoffnungsvoll „Gesang aus der Ferne“, schlicht und volksliedhaft der „Maigesang“, erwartungsvoll bebend „Der Liebende“, resignierend wehmütig die „Klage“, lebhaft auftrumpfend „An die Hoffnung“, wehmütig die „Wonne der Wehmut“, sanft und tröstlich „Das Liedchen von der Ruhe“ . Den Abschluss dieser Gruppe bildet „An die Geliebte“ (Joseph Ludwig Stoll) – quasi als Einstimmung auf den danach folgenden berühmten Zyklus als Ende der Programmfolge.

Schon dessen Beginn, „Auf dem Hügel sitz ich“, bestimmt die Atmosphäre dieser Strophenlieder zwischen Sehnsucht, Verlangen und Resignation. Dies setzt sich fort im träumerischen „Wo die Berge so blau“ bis zum „Nimm sie hin denn, diese Lieder“, wo das Klavier das Thema des ersten Liedes wieder aufnimmt.

Der Sänger ist bekannt dafür, mit renommierten Pianisten zusammenzuarbeiten, um sich gegenseitig zu befruchten und mit wechselseitigen Impulsen zu bereichern. Das beweist seine Schubert-Edition bei hm, wo ihm eine Elite von Liedbegleitern zur Seite steht. Stets ist es dem Sänger auch ein Anliegen, mit Künstlern der jungen Generation aufzutreten und aufzunehmen. Jan Lisiecki ist dafür (neben Daniil Trifonov) ein treffliches Beispiel. Den höchst anspruchsvollen Klavierpart absolviert der Kanadier meisterhaft, ist darüber hinaus dem Sänger ein einfühlsamer und inspirierender Partner. Bernd Hoppe 

 

Optisch deutlich unter Wert verkauft hat Naxos zwei bemerkenswerte neue Einspielungen von Werken Ludwig van Beethovens: König Stephan (8.574042) und Die Ruinen von Athen (8.574076). Das Label ist seinem Prinzip treu geblieben, auch exklusive Titel ohne viel Schnickschnack unter die Leute zu bringen. Neuerscheinungen bei Naxos wollen und müssen entdeckt werden. So war es immer. Großer Verbreitung auf Tonträgern und im Konzertsaal erfreuen sich die Ouvertüren zu diesen Schauspielen. Auch die einzelnen musikalischen Nummern – Chöre, Zwischenmusiken, Märsche, Arien, Duette – sind nicht nur einmal vollständig aufgenommen worden. König Stephan hielt mit dem Dirigenten Myung-Whun Chung als deutsch-italienische Koproduktion Einzug in eine Beethoven-Edition der Deutschen Grammophon. Bernhard Klee (Polydor), Karl Anton Rickenbacher (Koch Classics), Wilfried Böttcher (Bella Musica) und Hans Hubert Schoenzeler (Brilliant) nahmen sich der Ruinen von Athen an. Eine Einspielung und gemeinsame Veröffentlichung beider Stücke durch das ungarischen Label Hungaroton mit Margit Laszlo und Sandor Solyom Nagy als Gesangssolisten unter Geza Oberfrank führte nach Budapest und damit an den Ort des historischen Anlasses für die Entstehung beider Festspiele. Naxos legt erstmals die kompletten Werke vor, zur Musik auch den gesprochenen Text. Deshalb wäre es wünschenswert gewesen, dies gleich auf den CD-Covern herausgestellt zu sehen. So entsteht zunächst der flüchtige Eindruck, als sei wiederum nur die Musik bedacht worden. Einzig bei den Ruinen von Athen ist auf der Rückseite vermerkt, dass es sich um eine „World premiere recording of version with Narration“ handelt.

Das neue Theater in Pest während einer Überschwemmung der Stadt., 1889 bei einem Brand zerstört./ Wikipedia

Beethoven hatte die Bühnenmusiken für das neue Theater in Pest, das seinerzeit noch eine selbstständige Stadt war und erst 1873 mit den ebenfalls eigenständigen Buda zu Budapest zusammengelegt wurde, komponiert. Dazu brauchte er nur wenige Wochen. Die für Oktober 1811 in Aussicht genommene Eröffnung musste auf den 9. Februar 1812 verschoben werden. In dem Haus, das über dreitausend Plätze verfügt haben soll, wurde ausschließlich in deutscher Sprache gespielt – neben Schauspielen auch Opern und Operetten. Zwischenzeitlich nahm es bei einem Brand Schaden, wurde aber umgehend wieder aufgebaut. Mit der Revolution 1848/1849 kam der Betrieb zum Erliegen. 1889 brannte das Gebäude vollständig ab. Es existiert also nicht mehr.

Die Initiative zu dem Theaterneubau war 1804 ausgegangen von Franz II., (letztem) Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und Erzherzog von Österreich, der noch im selben Jahr als Franz I. das Kaisertum Österreich begründete. Damit sollte die Treue Ungarn zur österreichischen Monarchie symbolisiert werden. Dementsprechend musste auch die feierliche Einweihung mit König Stephan als „Vorspiel mit Chören“ und den Ruinen von Athen als „Nachspiel mit Chören und Gesängen“ vonstattengehen. Als Textdichter war der in hohem Ansehen stehende August von Kozebue gewonnen worden, für die Musik der auf dem Höhepunkt seines Schaffens stehende Beethoven. Dem Publikum der Uraufführung waren die Libretti gedruckt gereicht worden. Erhaltene Exemplare sind rar. Digitalisiert stehen sie bei der Library of Congress in Washington – der größten Bibliothek der Welt – kostenlos über das Netz zur Verfügung. Nicht in den Booklets, wohl aber auf der eigenen Internetseite bietet Naxos moderne Abschriften an.

Das originale Libretto der „Ruinen von Athen“ :  Naxos bietet den Text als Abschrift auf seiner Internetseite an/ Wiki

Revolutionäre Theaterstücke, die dem Freiheitsgedanken huldigen wie Fidelio oder die 9. Sinfonie, sind nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Dem Anlass gemäß werden Pathos und Heldenverehrung historisch verbrämt und mit antiker Garnierung gereicht. Auch das ist Beethoven. Er lebte von Aufträgen. In den Ruinen von Athen, die zuletzt herausgekommen sind, erwacht die Göttin Athene – hier als Minerva auftretend – nach tausenden von Jahren. Getrieben von der Sehnsucht, die ihr geweihte Stadt mit dem Parthenon wiederzusehen, findet sie sich in Ruinen wieder. Athen steht unter osmanischer Herrschaft, der legendäre Turm der Winde ist eine Moschee. Derwische huldigen ihrem großen Propheten und der Kaaba, was Minerva ihrerseits als „barbarisches Geschrei“ wahrnimmt. Ein türkischer Marsch, der zu den Zugnummern des Werkes gehört, verbreitet mehr eingängig-flotte Folklore als Schrecken. Nachdem die Göttin ein in Musik gesetztes Gespräch eines griechischen Mädchen und eines Griechen mit angehört hatte, bei dem diese Menschen aus dem Volke beklagen „ohne Verschulden Knechtschaft dulden“ zu müssen, entschließt sie sich zur Flucht. Sie begibt sich auf die Suche nach einer neuen Heimat, wo „Wissenschaft und Künste blühen“. Denn wo man die holden Musen feiere, da „steht gewiss auch mein Altar“. Von Merkur geleitet, gelangt sie nicht ganz zufällig nach Pest. Von einem Greis erfährt das mythologische Paar, bei einem Volk angelangt zu sein, dem „die alte Treue für seinen König nie erstarb“. Dieses Volk nun schickt sich an, das Theater, diesen neuen Tempel der Musen, in Besitz zu nehmen. Und Merkur ruft Minerva zu: „Vergiss dein Griechenland, es ist gewesen, das Alte schwand, das Neue begann.“ Die Musik- und Theatermusen Thalia und Melpomene werden enthusiastisch gefeiert. Und so schließt das Festspiel damit, dass sich Zeus, der Vater Minervas, dazu herablässt, ein Bildnis des Kaisers Franz auf dem Altar der Kunst zwischen die beiden Musen zu stellen. Mit dem Chor „Heil unserm König! Heil! Vernimm uns Gott. Dankend schwören wir aufs Neue alte ungarische Treue bis in den Tod!“ endet das Spiel.

Der Textdichter beider Werke: August von Kotzebue (1761-1819) Wikipedia

Ohne die Einbettung in das Gesamtwerk bleiben die musikalischen Nummern unverständlich. Andererseits ist es schwer vorstellbar, eine Schöpfung wie die Ruinen von Athen einem heutigen Publikum bei einer öffentlichen Aufführung zuzumuten. Das Wissen um die Mythologie und ihre Gestalten sowie sehr spezielle historische Ereignisse sind nicht mehr so verbreitet wie einst. Aspekte, die als islamfeindlich wahrgenommen werden könnten, ließen sich auch mit Mitteln des zeitgenössischen Theaters schwerlich relativieren. Umso verdienstvoller ist es, derartige Stücke komplett wenigstens als CD-Produktion zugänglich zu machen, zumal in einem Jubiläumsjahr, in dem solche Ausgrabungen mehr wiegen sollten als eine neue Einspielung aller Sinfonien. Zu danken ist die Ausgrabung dem finnischen Dirigenten Leif Sergerstam, dem Chorus Cathedralis Aboesis und dem Turku Philharmonic Orchestra. Es war eine glückliche Wahl, deutschsprachige Schauspieler zu verpflichten. Sie garantieren die Textverständlichkeit. Angela Eberlein spricht die Minerva, Claus Obalski den Merkur, Roland Astor unter anderen den Greis. Die drei Gesangspartien, das griechische Mädchen und der Grieche sowie der Hohepriester, der am Schluss in Erscheinung tritt, sind mit Reetta Haavisto und Juha Kotilainen besetzt. Gewiss kann die ambitionierte Neuerscheinung das Werk als Ganzen nicht retten. Es wird sein Nischendasein auch künftig führen und weiterhin vornehmlich als Gelegenheitsarbeit des Komponisten wahrgenommen werden.

Wer sich aber tiefer hineinhört, findet einen Einfallsreichtum, wie ihn nur ein Beethoven hervorbringen kann. Als ob sich die Musik über den abstrusen Inhalt erhebt. Dreimal gehört, und bestimmte Passagen gehen einem nicht mehr aus dem Kopf. So ist es vielleicht auch Richard Strauss ergangen, der eine tiefe Neigung zu antiken Stoffen hatte. Der benutze nämlich Beethovens Musik für seine neue Bearbeitung nach einem Schauspiel von Hugo von Hofmannsthal, das genauso in der Versenkung verschwunden ist wie das Original (Foto oben Winter). Rüdiger Winter

 

Wirklich große Komponisten zeichnen sich unter anderem auch dadurch aus, dass sie selbst zu eher mediokren Vorlagen grandiose Musik beisteuern können. Im Falle Ludwig van Beethovens, des heurigen Jubilars, trifft dies für einige bühnenmusikalische Gelegenheitswerke zu, von denen allenfalls noch die Ouvertüren im Konzertsaal erklingen. König Stephan, Ungarns erster Wohltäter ist solch ein Fall. Zusammen mit Die Ruinen von Athen erklang das Werk erstmals im Jahre 1812 anlässlich der Einweihung des neuen Theaters in Pest, dem heutigen Budapest. Die Texte steuerte mit August von Kotzebue eigentlich eine literarisch durchaus bedeutende Persönlichkeit bei, die freilich insbesondere durch die Umstände ihres gewaltsamen Todes in die Geschichte eingehen sollte. Das Sujet allerdings war insbesondere bei König Stephan dann eben doch die aus heutiger Sicht eher plump anmutende Verherrlichung der Habsburgermonarchie, die sich selbstredend als nahtlosen Erben des ersten christlichen Königs von Ungarn begriff. Dessen Ehe mit Gisela von Bayern, der Schwester des späteren Kaisers Heinrich II. (des Heiligen), mutet ein wenig an wie ein Blick in die damalige Zukunft, sollten doch sowohl der Widmungsträger der Komposition, Kaiser Franz I. von Österreich, als auch (ungleich berühmter) dessen Enkel Franz Joseph bayerische Prinzessinnen zur Gemahlin erwählen (in Franzens Falle übrigens erst in Ehe Nummer vier). Trotz reichlich viel überhöhtem Pathos kann doch zumindest die herrliche Ouvertüre bestehen, die so überhaupt nicht nach einem mittelalterlichen ungarischen König klingt und unter Kennern als Geheimtipp unter den Beethoven’schen Vorspielen gilt. In den übrigen 22 Nummern viele Chöre, Melodramen und ein paar Märsche, alles durchaus anhörbar, wenn auch schwerlich das sonstige Niveau Beethovens erreichend. Insgesamt vier Sprechrollen (Claus Obalski, Roland Astor, Ernst Oder und Angela Eberlein) sieht der Komponist hier vor. Verantwortlich zeichnet auch diesmal die finnische Dirigentenlegende  Leif Segerstam, der sich jetzt im Alter tatsächlich vermehrt der mitteleuropäischen Wiener Klassik zuzuwenden scheint. Zumindest hat er für Naxos in jüngster Zeit einiges von Beethoven eingespielt, darunter etliche Raritäten. Die größtenteils finnischen Kräfte wissen durchaus zu überzeugen, so besonders die beiden beteiligten Chöre, zum einen das Key Ensemble, einer der führenden Kammerchöre Finnlands, sowie der Chorus Cathedrals Aboensis. Es spielt, wie üblich, das Philharmonische Orchester Turku. Und auch die verhältnismäßig gut dokumentierte Ouvertüre zu König Stephan hat man schon bezwingender vernommen (Ferencsik, Szell und Klemperer). Alles in allem gleichwohl eine erfreuliche Neuproduktion, eine der wenigen Gesamtaufnahmen dieser Bühnenmusik überhaupt. Daniel Hauser

 

Würdiges Geburtstagsgeschenk. In die Schar der Gratulanten zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens reiht sich auch Chen Reiss, Sopran aus Israel und Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, ein. „Immortal beloved nennt sich ihre CD mit Arien vor allem noch des Bonners, begleitet wird der Sopran von der auf Originalinstrumenten spielenden Academy of ancient music unter der Leitung von Richard Egarr.

Vom ersten Ton an überrascht und erfreut die Unmittelbarkeit der Kommunikation mit dem Hörer ebenso wie die Frische der Stimme, ihre Jugendlichkeit und ihre Klarheit. Aus den ungefähr 600 Gesangsstücken, die Beethoven im Verlauf seines Lebens komponierte, hat Chen Reiss vor allem solche ausgewählt, die bereits in Bonn entstanden sind. Dazu gehört auch eines mit ziemlich schrecklichem Text auf die Krönung Erzherzogs Leopold zum Kaiser, eine wahre Bravourarie, der die Leichtigkeit der Acuti zu Gute kommt, die einer Blonde oder eines Ännchen würdig sind. Der Sopran hat aber  darüber hinaus weit mehr Substanz und einen beachtlichen Kern, die zu den sauberen Koloraturen kommen, so dass die hohl tönenden Worte eines gewissen Severin Anton Averdonk zur vernachlässigbaren Nebensächlichkeit werden.

Befreit von den Verschlimmbesserungen Salieris hat die Sängerin, die sich auch Gedanken über des Komponisten kompliziertes Liebesleben gemacht hat, den zweiten  und dritten Track, Scena ed Aria „No, non tubarti“, für die die Stimme einen schmerzlichen Klang annimmt. Trotz des lyrischen Zuschnitts zeigt sie eine enorme akustische Präsenz für „Ma tu tremi“. Über „Il primo amore“ hat sich das Booklet Gedanken gemacht, der Verfasser Andrew Stewart meint in ihm Erfahrungen Beethovens mit seiner ersten Liebe Jeanette d’Honrath verarbeitet zu sehen, zu hören ist eine Stimme mit unverwechselbarem Timbre und manchmal leichter, nie unangenehmer Schärfe. Recht dramatisch und besonders für die Orchesterbegleitung typisch beethovenisch wird es ab „non cognosce il vero amore“, ehe der Sopran zu einem gut tragendem Piano zurückkehrt, ein mehraktiges Drama aus dem Track macht mit einem „morte“ von dunkler Färbung und einem leuchtenden „piacer del ciel“.

„Soll ein Schuh nicht drücken“ lässt Ironiespritzer aufblitzen, ist von komischem Pathos und wird von einem sieghaften Spitzenton gekrönt. Das Auftrittslied der Marzelline zeigt weit mehr als eine Soubrette, stattdessen eine selbstbewusste junge Frau, deren Stimme in Vorahnung des Eheglück strahlen kann. Von frischem Übermut ist aus der Musik zu Goethes Egmont Klärchens „Die Trommel gerühret“, sehr beherzt und schwungvoll begleitet. Extrem ausgereizt werden die Kontraste in ihrem „Freudvoll und leidvoll“. Für eine andere jugendliche Heldin im Soldatenrock, für Eleonora Prohaska, ist die Romanze „Es blüht eine Blume“ bestimmt, die Chen Reiss, von sensiblen Harfenklängen begleitet, mit anmutiger Naivität erfüllt.

Die beiden letzten Tracks sind Scena ed aria „Ah! perfido“, sie zeigen noch einmal, wie substanzreich der Sopran bei aller lyrischen Gestimmtheit ist im Zusammenwirken von Reinheit und Klarheit mit schönem Ernst, so im „voglio morir per lui“, wie ebenmäßig der Fluss des Soprans ist, der schweben, aber auch eindrucksvoll wüten kann.  Man kann annehmen, dass sich Beethoven über diese Interpretation seiner Werke gefreut hätte (Onyx 4218). Ingrid Wanja

 

Das Jahr ist noch jung, der Überdruss aber schon groß: das Beethoven-Jubiläum droht zu einem öden Schauspiel zu werden. Das hängt zum einen für die CD-Produktion damit zusammen, dass die Majors viele ihrer Produkte schon Ende 2019 auf den Markt geworfen haben, um den Konkurrenten zuvorzukommen; da alle auf denselben Gedanken gekommen sind, ist der an sich gesättigte Markt schon vier Wochen nach Beginn des Gedenkjahres übersättigt von Boxen, die keiner will. Zum anderen gaukelt man im Konzertwesen Events vor, die keine sind. Typisch dafür sind etwa die Reenactments, in denen in Cardiff und Wien jene berühmte Beethoven-Akademie von 1808 nachgespielt wurde. Keine schlechte Idee an sich, aber da Beethoven damals das vierte Klavierkonzert, die Fünfte und die Pastorale ins Programm aufnahm, wurden letztendlich auch nur tausendmal gehörte Stücke zu Gehör gebracht. Das ist praktisch für denkfaule Solisten, Dirigenten und Impresari, aber der Musikliebhaber gähnt sich dabei zu Tode.

Der junge Hugo Wolf/ Foto Hugo Wolf Akademie

Dass es anders geht, zeigen intelligente Interpreten, die wirklich Neues wagen. Das Siemens Orchester in Erlangen hat sogar auf Ungehörtes gesetzt. Im Jahre 1876 nahm sich der damals 16jährige Konservatoriumsschüler Hugo Wolf Beethovens Sonate op. 27 Nr. 2, die sogenannte Mondscheinsonate, vor und orchestrierte sie. Die Annalen verzeichnen gelegentlich Versuche dieser Art. So machte der heute vergessene Münchner Komponist Heinrich Ludwig Spengel (1775-1865) hörenswerte Symphonien aus den Quartetten op. 18. Die durch Felix Weingartner 1925 für Orchester gesetzte Hammer-Klaviersonate mag Beethoven-Groupies anekeln, sie ist jedoch weit mehr als nur der bizarre Auswuchs einer fehlgeleiteten Beethoven-Verehrung. Gespielt werden diese Werke, die eine angenehme Alternative zu lustlos abgespulten Beethoven-Originalen bieten könnten, leider nicht mehr.

Umso dankbarer war man, die Mondscheinsonate in Wolfs Bearbeitung als Uraufführung fast 150 Jahren nach ihrer Entstehung hören zu dürfen. Es ist insgesamt zwar kein Meisterwerk, doch lässt der erste Satz aufhorchen: Wolf überträgt die Melodie der rechten Hand den Hörnern (hier exzellent gespielt von Kay Herold und Gaby Lorenz), die äußerst effektvoll über einem dunklen Klangteppich schweben. Weniger gelungen hingegen ist in der Tat der schülerhaft gesetzte zweite Satz, in dem ein einfältig anmutender Dialog zwischen Streichern und Bläser die falsche Naivität des Allegretto ins 18. Jahrhundert schleudert . Den dritten Satz ließ Wolf hingegen links liegen. Im Konzert gab es die seltene Möglichkeit, eine zweite überraschende Bearbeitung der Mondscheinsonate kennenzulernen: der nach c-moll transponierte erste Satz diente dem Dresdner Gottlob Benedict Bierey (1772-1840) als Grundlage für ein „Kyrie“ mit Chor, darin einer Praxis folgend, die ihren Höhepunkt im späten 18 Jahrhundert erreicht hatte (ich denke hier etwa an die Messen nach Themen aus Mozarts „Don Giovanni“, „Zauberflöte“ und sogar „Così fan tutte“). Man staunte, wie gut diese eigenartige Verkirchlichung über den Ursprung des Satzes täuschen konnte.

Das Siemens Orchester spielte diese und die anderen Stücke des Abends (darunter  die Violinromanze op. 50, die Konzertmeister Michael Sigler mit schlankem Ton zum Besten gab, und die durch einen kurzen, witzigen Text von Marec Béla Steffens angereicherten Ausschnitte aus  dem Ballet „Die Geschöpfe des Prometheus“) mit Aufmerksamkeit und Disziplin. Dirigent Lukas Meuli begnügte sich nicht, die freiwilligen Überstunden seiner Truppe mit nachsichtigem Entgegenkommen zu belohnen, sondern spornte sie unablässig an und erzielte eine lebendige, der Musik angemessene Kontrastierung der Klangebenen. Das „Kyrie“ von Bierey und den „Elegischen Gesang“ op. 118 sang mit großer Innigkeit die vorzügliche Stadtkantorei Fürth unter der Gesamtleitung von Ingeborg Schilffahrt. Das sehr zahlreiche erschienene Publikum spendete zu Recht viel Applaus für eine überaus originellen und anregenden Beitrag zum Beethoven-Jahr (Konzert am 2. Februar 2020). Michele C. Ferrari

 

Das Beethoven-Jahr hat kaum begonnen, und schon können sich neben dem Musik-Giganten in den Klassik-Charts gerade noch Jonas Kaufmann mit seinen Wiener Liedern und das Neujahrskonzert der Wiener behaupten. Auch Naxos hat vorgesorgt mit dem ersten Teil einer Einspielung aller Lieder des Bonner Komponisten im Sommer 2018. Das Besondere an der CD ist das mehrmalige Nacheinander dreier verschiedener, wenngleich nicht allzu verschiedener Fassungen von bekannten Liedern wie Mignons „Sehnsucht“, Klärchens, der Geliebten Egmonts  „Freudvoll und leidvoll“ und „An die Geliebte“, allerdings nicht die „ferne“. Die meisten Texte stammen von Goethe und zwar aus seiner Sturm- und Drang-Zeit, ansonsten kommen mit Gellert der Pietismus und mit der Gattin Brentanos, Sophie Mereau, die Romantik zum Zuge. Neben deutschen Texten gibt es auch zwei italienische, darunter zwei Fassungen von „Dimmi, ben mio“ in doppelter Version.

Vier Sänger teilen sich die Aufgaben, darunter mit nur einem Beitrag, „In questa tomba oscura“ der Bass Ricardo Bojórquez mit reichlich verquollener, unausgeglichener Tongebung. Das Tenorfach ist mit Rainer Trost vertreten, der mit schöner Farbe einer jünglingshaft klingenden Stimme Höltys „Klage“ beredten Ausdruck verleiht. Wahrlich stürmend und drängend ertönt „Neue Liebe, neues Leben“, mit feinem Zögern im Mittelteil und mit dem hurtigen Klavier im Wettstreit. Der recht banale Text von „Gesang aus der Ferne“(nicht von Goethe) wird nicht nur durch die Komposition, sondern zusätzlich durch den lebendigen, leidenschaftlichen Vortrag aufgewertet. Dass der Tenor auch eine ausdrucksvolle Tiefe hat, beweist er mit „Dimmi, ben mio“, die zweite Version wird dramatischer als die erste angelegt. Balsamisch klingt „Wonne der Wehmut“, baritonal gefärbt „Traute Henriette“.

Die zweite Säule der CD ist der Bariton Paul Armin Edelmann, der mit „Erlkönig“ beginnt, das Rollenspiel konsequent durchzieht und zu einem beeindruckenden Schluss findet. Die drei Fassungen von „An die Geliebte“ beeindruckenden besonders durch das fein variierende „mein, mein“. Wunderbar passt die virile Stimmfarbe zu Gellerts „Bußlied“, dazu erfreut die ernsthafte, durch und durch protestantische Haltung, die in der Interpretation zum Ausdruck kommt. Eine schöne Feierlichkeit vermag der Sänger mit „Opferlied“ zu vermitteln.

Irritiert ist man vom Sopran Elisabeth Breuers, die Mignons „Sehnsucht“ in dreifacher Fassung singt, nicht weil man sich einen Mezzosopran für die Figur wünscht, sondern weil ihr Sopran allzu soubrettenhaft zwitschernd, zu säuselnd und manieriert klingt. Auch für das beherzte Klärchen wünscht man sich eine weniger tändelnd klingende, weniger kindlich aufgefasste Verkörperung. Weit mehr gefallen kann da die Interpretation des volksliedhaften „Gretels Warnung“. Stets auf der Höhe der Situation zeigt sich die Pianistin Bernadette Bartos (Naxos 8.574071). Ingrid Wanja

 

Allzu viele Einspielungen der kompletten Beethoven’schen Schauspielmusik zu Goethes Trauerspiel Egmont gibt es auf dem Markt nicht. Daher ist die Neueinspielung, welche Naxos (8.573956) nun unter der finnischen Dirigentenlegende Leif Segerstam vorlegt, erst einmal zu begrüßen. Als Klangkörper fungiert das an der Südspitze Finnlands situierte Philharmonische Orchester Turku, welches, 1790 gegründet, im Übrigen das älteste Orchester des Landes darstellt. Tatsächlich ist diese Aufnahme so etwas wie ein letztes Aufbäumen der großen Alten aus dem Norden. Zu meiner Überraschung ist niemand Geringerer als Matti Salminen mit von der Partie. Zwar gab dieser im Dezember 2016 bereits seinen Bühnenabschied bekannt, allerdings kehrte er anlässlich einer Reihe von Festaufführungen von Wagners Meistersingern unter Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden im April 2019 dann doch wieder auf die Bühne zurück. So sollte es gar nicht so sehr verwundern, dass er sich anlässlich dieser im Jänner 2018 in Turku eingespielten Produktion zur Übernahme der Sprecherrolle aufraffen konnte. Vielleicht mag da auch die langjährige und dem Vernehmen nach sehr enge Freundschaft mit Segerstam eine gewisse Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei: Jedenfalls konnte Naxos diese Aufnahme initiieren, ergänzt um die ebenfalls finnische Sopranistin Kaisa Ranta als Klärchen. So begrüßenswert dieses Vorhaben auch ist, kann es insgesamt nicht auf ganzer Linie als gelungen bezeichnet werden. Dies liegt leider gerade auch an Salminen, der hier zuweilen etwas unbeweglich daherkommt. An die wienerische Noblesse eines Karl Paryla unter Scherchen (Tahra) oder an die zugespitzte Dramatik eines Klausjürgen Wussow unter Szell (Decca) darf man nicht denken.

Kaisa Ranta absolviert ihre Aufgabe mit angenehmem Timbre sehr gediegen und mit tadelloser deutscher Diktion. An die großartigen Leistungen einer Gundula Janowitz unter Karajan (DG) oder einer Pilar Lorengar unter Szell (Decca) kommt sie freilich nicht heran. Die orchestrale Begleitung Segerstams gerät auch etwas pauschal. Daher sind es eher die Beigaben, die diese CD dann doch noch empfehlenswert machen: Die Einleitung zum zweiten Akt von Leonore (Fassung 1805), der Trauermarsch aus Leonore Prohaska und der Triumphmarsch aus Tarpeja. Von diskographischem Interesse auch die von Franz Beyer 1982 rekonstruierte Orchesterfassung der sechs Menuette WoO 10. Klangtechnisch gibt es nichts zu beanstanden. Daniel Hauser

Ludwig van Beethovens Fidelio gehört zu den wichtigsten und bekanntesten deutschen Opern überhaupt. Weniger bekannt ist, dass Beethoven drei unterschiedliche Fassungen des Werks erstellt hat. Gezeigt wird fast immer die letzte. Jetzt ist eine Neueinspielung der raren, fast nie gespielten ersten erschienen.

Beethovens Freunde fanden Leonore einfach zu lang und schlugen vor, diese zu ändern und zu kürzen. Denn das Premieren-Publikum war gelangweilt. Doch das lag vielleicht auch daran, dass große Teile der Musikwelt  wegen der nahenden napoleonischen Truppen aus Wien geflohen waren. Dirigent René Jacobs meint jedenfalls, die erste Fidelio-Fassung sei die beste. Für ihn ist die Erstfassung von 1805 außerdem die plausibelste, weil sie eine ausgefeiltere Handlung hat als spätere Versionen.

Es bleibt in allen Fassungen die Geschichte von der Ehegattin Leonore, die als Mann verkleidet unter dem Namen Fidelio undercover als Gefängnisgehilfe arbeitet, um ihren Mann da rauszuholen. Eigentlich ist das alles – wie in der Vorlage von Bouilly (dazu auch ein Beitrag in operalounge.de und auch hier) –  sehr simpel gestrickt, aber während in der populären End-Fassung ziemlich schnell klar wird, dass beide gerettet sind, bleibt der suspense in der Urfassung fast bis zum Schluss erhalten; erst ganz am Ende stellt sich heraus, dass beide ein happy end erwartet.

Es gibt bis dahin jede Menge Umstellungen von Nummern, einiges später gestrichene Material ist nun hörbar, deutlich hörbar auch kleinere bis gewaltiger Unterschiede in der Partitur. Das Werk fängt nun wieder, wie bei der Fidelio-Premiere 1805, mit der ausgedehnten Leonoren-Ouvertüre Nr. 2 an. Im Kern sind aber natürlich die großen Hits alle schon enthalten.

Herrlich harsch. Ich finde Jacobs auch deswegen spannend, weil er parallel zur historischen Entwicklung sich fast im selben Rhythmus – nur 200 Jahre später – für  die entsprechenden musikalischen Stile des 18. und frühen 19. Jahrhunderts interessiert hat. Er begann mit dem Spätbarock, entdeckte dann die Welt Mozarts und seiner Zeitgenossen für sich und landet nun bei Beethoven. Dieses Organische seiner Entdeckungsreise kommt der Leonore sehr zugute, selten hört man so klar wie hier die Linien, die von Haydn, Cherubini und Mozart, ja sogar von Salieri zu Beethovens Opernstil führen. Obwohl Jacobs vor allem ein starker Interpret von Vokalwerken ist, zeigt er sich hier paradoxerweise einer der überzeugendsten Orchesterleiter in Sachen Beethoven seit langem. Was er aus dem Freiburger Barockorchester herausholt, ist schon atemberaubend: ein harscher, kratziger, konfliktreicher Beethoven, der aber trotz allem nie knallig wirkt, sondern immer durchsichtig bleibt. Man kann ohne viel Übertreibung sagen: In dieser Aufnahme ist der wichtigste Held zweifelsohne das Orchester – und das hätte Beethoven sicher gefallen.

Solide Sängergarde. Viele Passagen von Leonore und Florestan sind in dieser Urfassung noch teuflischer als im späten Fidelio. Marlis Petersen in der Titelpartie wird mit diesen Schwierigkeiten besser fertig als Maximilian Schmidt als Florestan, aber da Jacobs hier generell eher Mozart-  als Wagnersänger einsetzt (wie es sich gehört), bleibt der Eindruck großer Stimmigkeit selbst in den schwächeren Momenten erhalten. Anders als in seiner Cosí führt Präzision im Gesang auch nicht zu Anämie und Unsinnlichkeit. Besonders Marlies Petersen nötigt mir beim Zelebrieren der fast unsingbaren Koloraturen größten Respekt ab. Bei den kleineren Rollen fällt die von mir sehr geliebte Sopransitin Robin Johannsen als Marzelline auf, hier durchaus mehr präsentiert als nur eine kleine Buffa-Rolle, eine hochbegabte Sängerin, die wie Jacobs aus der Alten Musik kommt und der Rolle eine quirlige Grazie verleiht (Beethoven: Leonore 1805 mit Marlis Petersen | Maximilian Schmidt | Robin Johannsen | Dimitry Ivashchenko | Zürcher Sing-Akademie | Freiburger Barockorchester | René Jacobs; 2 CD harmonia mundi HMM 902414 15)Matthias Käther

Die Fassung bewahrt

 

Das Londoner Label Hyperion ist mit seiner Edition der Lieder von Franz Liszt bei Vol. 6 angelangt (CDA68235). Bestritten wird diese CD von Julia Kleiter. Am Flügel begleitet sie Julius Drake, der gefordert ist, weil bei diesem Komponisten der Klaviersatz nicht selten betont anspruchsvoll und üppig ausfällt. Schließlich war Liszt als Pianist eine Legende. Auf seinem Spiel beruhte seine enorme Berühmtheit. Drake begleitet auch die übrigen Sänger der Edition. Kontinuität ist garantiert. Er wurde 1959 in London geboren und steht als Liedbegleiter in der Tradition seines Landsmanns Gerald Moore. Heinrich Heines Loreley – um ein Beispiel anzuführen – wird in den Tasten verschwenderisch umrankt. Ganz automatisch gerät dadurch der Mann am Klavier wie bei vielen anderen Titeln auch auf eine völlig gleichberechtigte Position, ist also nicht nur der dienende Begleiter, der sich im Hintergrund hält. Er wird selbst zum Solist. Die Sängerin setzt ein wenig atemlos ein als ob ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schießt, auf den sie so nicht gefasst war. Das ist ein interessanter Ansatz, der in der Vertonung angelegt ist und jegliche Ähnlichkeit mit der etwas früher entstandenen volksliedhaften Version von Friedrich Silcher leugnet. Liszt hat ein versöhnlich ausklingendes dramatisches Kunstlied geschaffen, das in der ersten Fassung von Julia Kleiter bewegend gesungen wird. Überaus melodiös heben drei Lieder aus Friedrich Schillers Wilhelm Tell an – Der Fischerknabe, Der Hirt und Der Alpenjäger. Für alle drei fand Liszt, der in Weimar, wo Schiller zuletzt lebte und starb, nachhaltige Spuren hinterließ, charakteristische Motive. Nicht gespart an Erfindungsreichtum hat der Komponist auch bei Die Macht der Musik auf einen Text von Prinzessin Helene zu Mecklenburg-Schwerin. Mit gut zehn Minuten Länge wird die Form arg strapaziert. Die Interpretin lässt sich davon nicht beeindrucken und findet zu einem in sich geschlossenen Vortrag. Zu hören sind unter anderen noch vier Kompositionen nach Versen von Victor Hugo, Mignons Lied nach Goethe und Wo weilt er? nach Rellstab.

 

Im Werk von Liszt stellen Lieder einen festen Posten. Mehr als achtzig Titel sind überliefert. Einige davon wurden mehrfach umgearbeitet. Die Transkriptionen der Lieder von fremder Hand – darunter Schubert, Beethoven und Schumann – gehören zu seinem Meisterwerken. In der Mehrzahl vertonte Liszt deutsche Gedichte. Goethe, Schiller, Heine, Uhland und Rückert waren seine bevorzugten Dichter. Enge biografische Bindungen an Frankreich, Ungarn und Italien brachten es mit sich, dass er auch Texte aus diesen Kulturkreisen vertonte. Liszt kann getrost als eine europäische Erscheinung gelten, was ihm im Lichte unserer Zeit so modern macht. In Reclams 1300 Seiten umfassenden Liedführer (Axel Bauni, Werner Oehlmann, Lilian Sprau und Klaus Hinrich Stahmer), einem mehrfach aufgelegten und erweiterten Standardwerk des Genres, heißt es: „Das Geheimnis der Lisztschen Lieder ist ihre Subtilität.“ Wem der Sinn für die Höhe des Gefühls fehle, auf der sie sich bewegten, der werde ihnen hilflos gegenüberstehen – doch „wer sich bemüht, sich in ihre Sphäre hineinzufühlen, dem bedeuten sie einen hohen, fast erotischen Bereich romantischer Idealität“.

 

Eröffnet wurde die Edition mit Volume 1 von Matthew Polenzani (CDA67782). Als Tamino, Ottavio, Almaviva, Werther, Nadir oder Jóse ist der der US-amerikanische Tenor international unterwegs. Sein gutes Deutsch dürfte auch auf das intensive Studium von Opernrollen in dieser Sprache zurückzuführen sein. Also hat er sich die Lieder gewiss nicht phonetisch eingeprägt. Polenzani sucht seinen Interpretationsansatz zunächst im Wort. Er will Geschichten, Gedanken, Gefühle und Stimmungen vermitteln. Davon quellen die Lieder dieses Komponisten förmlich über. Interpreten, die sich dessen nicht bewusst sind, stehen auf verlorenem Posten. Die erste Zeile des ersten Liedes ist wie ein Programm für das ambitionierten Unterfangen von Hyperion: „Kling leise, mein Lied, durch die schweigende Nacht, kling leise, dass nicht die Geliebte erwacht.“ Dichter ist der österreichische Reiseschriftsteller und Journalist Johannes Nordmann, der mit bürgerlichem Namen Johann Rumpelmayer hieß. Dass er sich als Poet ein Pseudonym zulegte, ist nachvollziehbar. Zu hören ist die erste Version aus dem Revolutionsjahr 1848. Von den politischen Erschütterungen ist nichts zu spüren. Im Gegenteil. Das Lied wirkt wie eine Verweigerung. In erster Fassung sind nun auch die Lieder aus Schillers Wilhelm Tell zu hören, von denen Julia Kleiter die zweite geboten hatte. Liszt verehrte Schiller und hatte zu dessen 100. Geburtstag 1859, der in Weimar feierlich begangen wurde, einen Künstlerfestzug für großes Orchester komponiert. Mit Im Rhein, im schönen Strome aus dem Lyrischen Intermezzo von Heinrich Heines Buch der Lieder klingt die CD schwelgerisch aus. In Anlehnung an dieses populäre Sammlung, bei der sich auch andere Komponisten großzügig bedienten, wollte Liszt ursprünglich auch seine Lieder verteilt auf mehrere Hefte herausgeben. Von diesem Plan rückte er aber wieder ab, weil nicht alle frühen Werke des Genres später seinem eigenen Werturteil standhielten. Von daher leiten sich auch die vielen Bearbeitungen ab. Schon jetzt wird deutlich, dass Hyperion alle Versionen einspielt. Das ist höchst verdienstvoll und der Sinn einer solchen Edition. Gewährt wird so ein tiefer Einblick in die Werkstatt des Komponisten, der auf der Suche nach dem besten Ausdruck gewesen ist, ursprüngliche Erfindungen infrage stellte und durch neue Lösungen ersetzte. Derart verteilt über die Edition bleiben die Bearbeitungsschritte unübersichtlich. Es wäre wünschenswert, würde sich Hyperion am Ende zu einer zeitlich geordneten Gesamtausgabe entschließen können wie seinerzeit bei der großen Sammlung der Lieder von Franz Schubert.
In Volume 2, bestritten von Angelika Kirchschlager, gibt es wieder eine direkte Verknüpfung mit der vorhergehenden CD, indem das Rhein-Lied von Heine nun in der zweiten Fassung dargeboten wird (CDA67934). Allein eine Frauenstimme genügt, um es weniger pathetisch wirken zu lassen. Freudvoll und leidvoll, das Lied Clärchens aus Goethes Egmont, das nach Angaben im Booklet erstmals in der zweiten Version eingespielt wurde, klingt stimmlich reif und dringt bei dem Sprichwort gewordenen Ausruf „Himmelhoch jauchzend zum Tode betrübt“ gar in dramatische Sphären vor. Die Ballade Es war ein König in Thule (zweite Verson) nimmt opernhafte Züge an. Und noch einmal Goethe. Der hatte zwei kurze Verse gedichtet, die bei der gemeinsamen Veröffentlichung 1815 auf einer Buchseite unter die Überschrift Wandrers Nachtlied gestellt worden waren. Auf der CD sind beide Vertonungen als Der du von dem Himmel bist und Über allen Gipfeln ist Ruh‘ jeweils in der dritten Fassung enthalten. Liszt lässt beider Beginn stimmungsvoll im Klavier anklingen, so dass die Sängerin empfindsam reagieren kann. Schließlich punktet Angelika Kirchschlager mit eines der berühmtesten Werke des Komponisten: Es muss ein Wunderbarstes sein. Dieses Lied ist von Liszt nicht variiert worden.

 

Der kanadische Bassbariton Gerald Finley wurde für Volume 3 gewonnen (CDA67956), was sich als glückliche Wahl erweist. Finley ist erprobt im deutschen Fach, hat den Hans Sachs in Wagners Meistersingern von Nürnberg und den Amfortas im Parsifal gesungen. Bei ihm ist jedes Wort zu verstehen. Heines Melancholie verbindet er in den Liedern Morgens steh‘ ich auf und frage, Ein Fichtenbaum steht einsam und Anfangs wollt‘ ich fast verzagen aufs Feinste mit der musikalischen Linie. Neben der literarischen Vorlage und der Musik versteht er die Interpretation als völlig gleichberechtigten Bestandteil der Wirkung eines Liedes. Der dritte Titel wird sogar in einer vierten Version vorgetragen. Ohne Goethe geht es auch auf dieser CD nicht. Wer nie sein Brot mit Tränen aß ist das Lied des Harfenspielers aus dem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Finley trägt es wie eine Strafpredigt vor und spart nicht mit Selbstmitleid. Nicht als Textdichter sondern als Erscheinung geht Goethe in dem Lied Weimars Toten um, das der Österreicher Franz von Schober, der mit Franz Schubert befreundet war, gedichtet hat. Darin heißt es bedeutungsschwer: „Große Tote, kommt heraus! Wieland, Herder, Schiller, Gothe! Gießt die neue Morgenröte über die Lebenden aus!“ Dafür werden mehr als acht Minuten gebraucht. Liszt lässt im Klavier gewaltig die Glocken läuten. Finley nimmt das Pathos ernst und versieht die Nennung von Goethe mit besonderem Schmelz in der Stimme. Nur so ist das Stück auch heute noch gut erträglich. Unheimliche Spannung erfährt die Ballade Der Vätergruft, die Liszt auf einen Text von Ludwig Uhland schuf, durch Finleys Vortrag. Mit dem Bolero Gastibelza und La tombe et la rose (Victor Hugo) und Le vieux vagabond (Pierre Béranger) wechselt das CD-Programm ins Französische, um mit Go not, happy day von Alfred Tennyson englisch auszuklingen.

 

Sasha Cooke, die aus Kalifornien stammende Mezzosopranistin, hat in Volume 4 ein betont schwermütiges Programm übertragen bekommen (CDA68117). Ihre dunkel timbrierte Stimme ist dafür wie geschaffen. „Ich weine, ach, muss weinen“ heißt es in den Lied Verlassen von einem gewissen 1842 geborenen Gustav Michell, von dem nicht einmal das Sterbejahr überliefert zu sein scheint. Die Zeile wirkt wie das Motto ihrer Darbietungen. In dem Lied Sei Still seufzt Henriette von Schorn aus tiefster Seele und die Sängerin mit ihr: „Ach, wie ist Leben doch so schwer.“ Sie unterhielt in Weimar einen literarischen Salon, in dem auch Liszt und Peter Cornelius verkehrten, dichtete und sammelte Märchen. In der teilnahmsvollen musikalischen Umsetzung werden ihre schlichten Verse zur Kunst erhöht, woran die Interpretin vernehmlichen Anteil hat. Wenigsten ein leichter hoffnungsvoller Schimmer spricht aus dem Lied Wieder möcht‘ ich dir begegnen, dessen Text von Cornelius stammt, der zum künstlerischen Freundeskreis von Liszt gehörte. In Erinnerung geblieben ist er vor allem mit seiner Oper Der Barbier von Bagdad, für die er sich das Libretto selbst schrieb. Sein literarisches Werk ist vergleichsweise umfänglich wie auch das eigene Liedschaffen, dem neuerdings wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Im Stillen wirkte Cornelius auch hinter den Kulissen, indem er Vokalwerke von Hector Berlioz ins Deutsche übertrug. Beide Lieder genügten Liszt offenkundig wie sie sind. Es gibt keine weiteren Bearbeitungen. Jeweils in zweiten Fassungen sind die Die Loreley, Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Blume und Duft sowie Die tote Nachtigall einbezogen worden.

 

Bleibt Volume 5. Zu hören ist diesmal der britische Tenor Allan Clayton, der auch dem deutschen Publikum bekannt ist (CDA68179). In München war er im vergangenen Jahr als David in den Meistersingern von Nürnberg zu hören. Im Repertoire hat er den von Liszt geförderte Hector Berlioz. Für 2021 in Peter Grimes von Britten in Madrid angekündigt. Es scheint, als dringen die Opernerfahrungen in seinem Liedvortrag mehr durch als nötig. Clayton schlägt gleich zu Beginn seiner CD dramatische Töne an. Für Freudvoll und leidvoll – hier in der Erstveröffentlichung der ersten sowie anschließend gleich noch in der zweiten Version – ist dies gewöhnungsbedürftig und zu appellativ. Der Überschwang des Liedes Jugendglück gelingt überzeugender, was auch für O lieb, so lange du lieben kannst in zweiter Fassung zutrifft. Die Höhe ist allerding erkämpft und wird durch die Kraftanstrengung nicht gefälliger. Der Jugendglück-Text stammt von Richard Pohl. Von Liszt fasziniert, hatte er sich in dessen Umfeld in Weimar niedergelassen, wo er sich auch als Komponist und Musikschriftsteller betätigte. Seine Gedichte sind auch von Robert Schumann vertont worden. Bei Du bist wie eine Blume nach Heine in der zweiten Version gelingt Clayton ein lyrischer Höhenflug.

 

An Bemühungen, die Lieder von Liszt einem breiten Publikum bekannt zu machen, hat es nicht gefehlt. Hyperion geht nun am weitesten. Erfreulich ist, dass auf neuen Liedersammlungen regelmäßig der Name des Komponisten auftaucht. Zu nennen sind CDs mit Samuel Hasselhorn, Malte Müller, Kay Stiefermann. Der französische Tenor Cyrille Dubois, der sowohl auf Opernbühnen als auch in Konzertsälen aktiv ist, legte bei Aparte eine CD mit Liszt-Liedern vor. Begleitet wird er von seinem Landsmann Tristan Raes. Als sensible Interpretin der Lieder erwies sich Diana Damrau auf ihrer von Helmut Deutsch begleiteten CD bei Erato, die seit ihrem Erscheinen 2011 nichts von ihrer Frische eingebüßt hat. Eine höchst ambitionierte Produktion legte die ungarischen Hungaroton vor. Dabei sind sechs Lieder in unterschiedlichen Versionen eingespielt wurden, darunter das aufgeregte Freudvoll und leidvoll.

Nicht selten wirken die historischen Aufnahmen wie gut gemeinte Pflichtübungen, die am Ende doch auch Langweile verbreiten können. Michael Raucheisen nahm im Rahmen seiner berühmten Liededition für den Reichsrundfunk mindestens achtzehn Titel auf. Beteiligt waren Erna Berger, Tiana Lemnitz, Lea Piltti, Emmi Leisner, Gertrude Pitzinger, Karl Erb, Hanns-Heinz Nissen, Rudolf Bockelmann und Hans Hotter. Elisabeth Schwarzkopf hatte Liszt noch in ihrer späten Zeit im Repertoire. Einen Liederabend 1973 in London eröffnete Hanne-Lore Kuhse aus der DDR gleich mit sechs Liedern dieses Komponisten. Der umtriebige Dietrich Fischer-Dieskau dürfte mit seiner Edition der Deutschen Grammophon, die etwa die Hälfte des Liedschaffens umfasst, der Platzhirsch auf dem Musikmarkt sein. Rüdiger Winter

 

Das große Bild oben ist ein Ausschnitt aus einem Gemälde von Henri Lehmann. Es zeigt den Komponisten Franz Liszt im Jahr 1839. Der Maler stammte aus Kiel und ließ sich später in Paris nieder, wo er in Künstlerkreisen ein begehrter Porträtist war. Foto: Wikipedia

Emphase bei Max Lorenz

 

Also doch! Seit langem kursierte in Sammlerkreisen das Gerücht, dass sich ein kompletter dritter Aufzug von Richard Wagners Tristan und Isolde unter der Leitung von Hans Knappertsbusch, mitgeschnitten 1947 in Zürich, erhalten habe. Einige Szenen, auch aus dem ersten Aufzug, waren immer mal wieder aufgetaucht. Sogar auf einer LP beim Label Anna. Nun die Gewissheit. Der Schlussakt ist bei Weitblick veröffentlicht worden (SSS0227-2). Klangtechnische Wunder sind nicht zu erwarten, dafür künstlerische. Dem Mitschnitt des Schweizer Rundfunks ist sein Alter anzuhören. Wenn es aber darauf ankommt, erhebt sich die Musik über schnödes Bandmaterial. Und am Ende habe ich mich gefragt, Stereo, was ist das eigentlich? Noch hat auch das fortschrittlichste Aufnahmeverfahren keinen Tristan wie Max Lorenz, der in dieser Aufnahme singt, hervorgebracht. Gut, es gibt viele solide bis ausgezeichnete Rollenvertreter, solche, die auch noch leben – und auftreten. Die genauer und immer auf den Noten singen. Und die auch völlig zu Recht gefeiert werden von ihren Fans.

Doch die Emphase, die Lorenz vorlegt, dieses sich aufzehren in der Figur, dieses eins werden, dieses Leiden mit und an Tristan – das ist verloren gegangen. Nicht nur das. Lorenz überzeugt auch deshalb noch immer, weil ihm der Text geradezu heilig ist. Während er einzelne Töne schon mal sehr frei in Angriff nimmt, hält er sich immer sklavisch ans Wort. Da rutsch ihm nichts durch. Er mutet seinem Publikum kein Textbuch – heute wäre es ein Laufband am oberen Bühnenrand – zu. Bei ihm versteht man jeden Buchstaben und jedes Wort. Man könnte locker mitschreiben. Wagner verwendet bekanntlich eine üppige Interpunktion in seinen selbst verfassten Textbüchern. Diese dient letztlich der genauen Aussprache und der Aktion. Gerade im Tristan wimmelt es nur so davon. Es vergeht kaum eine Zeile, in der sich kein Apostroph findet. Es gibt die mit Anführungs- und Abführungszeichen versehene wörtliche Rede. Auf einen Doppelpunkt kann auch schon mal ein Gedankenstrich folgen und so weiter. Ich habe mir dann doch ein Textbuch gegriffen, um festzustellen, dass Lorenz mit dieser höchst individuellen sprachlichen Zeichengebung souverän und penibel zugleich umgeht.

Es handelt sich bei diesem ungekürzten dritten Aufzug um den Mitschnitt aus einer Bühnenaufführung vom 5. Juni im Züricher Stadttheater im Rahmen von Festspielen, die nach wie vor in diesem Monat stattfinden. Daraus erklärt sich auch die luxuriöse Besetzung. Knappertsbusch sorgte für den großen, in seiner Spannung nie nachlassenden Zusammenhalt und blieb seiner Neigung treu, bestimmte Details atemberaubend und leicht selbstverliebt auszumalen. Die Isolde wurde von Kirsten Flagstad gesungen, die nach Kriegsende international an die großen Erfolge in den dreißiger und vierziger Jahren anschließen konnte. Ihre Stimme hatte nichts von der majestätischen Ausstrahlung eingebüßt. Für die aus der Schweiz stammende Mezzosopranistin Elsa Cavelti ist die Brangäne ein Heimspiel gewesen. Der stimmgewaltige Bulgare Lubomir Vischegonow gab den König Marke. Wie Andreas Boehm, der als Kurwenal besetzt war, gehörte er zum Opernensemble in Zürich, wechselte aber ein Jahr später an die Metropolitan Opera in New York. Rüdiger Winter

Willkommen und Abschied

 

Fremde Heimat hat der Bariton Rafael Fingerlos seine neue CD mit Liedern betitelt, die bei Oehms Classics herausgekommen ist (OC 1711). Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk produziert, was erfreulich ist. Erfreulich deshalb, weil der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk damit seinen Teil der Verantwortung für die Förderung junger Sänger übernimmt. Fingerlos hat in namhaften Häusern und auch bei Festivals erfolgreich auf sich aufmerksam gemacht, so als Papageno an der Wiener Staatsoper oder als Rossinis Figaro in Dresden. Für Ende 2020 ist Elias in Klagenfurt angekündigt. Die Hinwendung zum Liegesang versteht er neben Oper und Oratorium als feste Größe in seiner Karriereplanung. Und das ist auch gut so. Er bringt dafür solide Voraussetzungen mit.

Die neue CD wurde im Sommer 2019 produziert. Fingerlos hat sich ein unverwechselbares Timbre erarbeitet. Die Stimme kling kräftiger und voluminöser als es seine jungenhafte Erscheinung erwarten lässt. Atemtechnisch erprobt er interessante Lösungen, indem einzelnen Passagen auf eine Weise verbunden werden, dass sich daraus ganz bestimmte Aussagen ergeben. Musikalische Bögen sind für ihn kein Problem. Er beherrscht das Genre gut. Details könnten noch poetischer ausgefüllt werden. So ein Beispiel gibt es in Schuberts Willkommen und Abschied nach Goethe. Wenn es gegen Ende des Liedes heißt, „Doch ach, schon mit der Morgensonne verengt der Abschied mir das Herz“, dann wünschte man sie dieses „ach“ tiefer gefühlt und gesungen. Fingerlos hat auch die Angewohnheit nicht ganz abgelegt, gelegentlich bei Worten, die mit einem Konsonanten beginnen, zu aspirieren. Es bleibt sein Rätsel, warum er in Wandrers Nachtlied II die Wiederholung von „warte nur“ wie „w(h)arte nur“ klingt. So ein Detail stört umso mehr, als das Lied als Ganzes betörend schön vorgetragen und zu seinem Höhepunkt der CD wird.

 

Fremde Heimat also! Die Titel wurden passend ausgesucht, so dass sich der Säger in seinem einleitenden Text des Booklets weitere Erklärungen sparen kann, zumal auch alle Texte abgedruckt worden sind. Vielmehr gibt er anhand einiger Lieder freimütig Einblick in seine eigene Gefühls- und Erlebniswelt. Wie schon bei seiner ebenfalls bei Oehms erschienen CD Stille und Nacht (OC 1879) gibt es zwischen hinlänglich bekannten Liedern weitestgehend unbekannte Stücke zu entdecken. Wieder ist Robert Fürstenthal vertreten, diesmal mit seinem vorwärtsdrängenden Reiselied nach Hugo von Hofmannsthal. Dieser Komponist wurde 1920 in Wien geboren, musste vor den Nationalsozialisten fliehen und betätigte sich in den USA als Wirtschafsprüfer, wie die Wiener Zeitung berichtet: „Die Kompositionen entstanden nebenher, ausschließlich Kammermusik und Lieder. Er komponierte für seine Jugendliebe. Nach der Trennung von ihr schrieb er keine Note mehr, als er sie wiedertraf, kehrte seine Inspiration zurück.“ Fürstenthal starb 2016. Fingerlos hatte ihm bereits eine ganze CD gewidmet, die bei Toccata Classics herausgekommen ist. Sein Stil ist traditionell und erinnert am ehesten an Hugo Wolf und Richard Strauss, die beide aktuell auch vertreten sind – Wolf mit Auf einer Wanderung, Strauss gleich dreifach mit Nachtgang, Ach Lieb, ich muss nun scheiden und Zueignung. Schubert war genannt. Dazu kommen Brahms, Mendelssohn und Schumann. Der Engländer Peter Warlock und der US-Amerikaner Charles Ives erweitern den Radius des Angebots. Mit Die stille Stadt legt Alma Mahler einen Beweis für ihr Talent als Komponisten vor. Sie ist die einzige Komponistin auf dieser Neuerscheinung. Mit dem Volkslied „Deine Hand mecht i gspian“ scheint der aus Salzburg stammende Bariton am Ende seiner CD heimzukehren. Es wurde von ihm und seinem höchst sensibel begleitenden Pianisten Sascha El Mouissi, der ein sehr gefragter Begleiter ist, so bearbeitet, dass es sich auch einem Publikum mitteilt, dass den alpenländischen Dialekt nicht versteht. Rüdiger Winter

 

(Weitere Information zu den CDs/DVDs im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.)

Magische Momente in der Metzgerei

 

Alle Sänger, die in diesem Buch in Wort und Bild vorgestellt werden, haben drei Dinge gemeinsam, die Stimmlage, die Herkunft und den Zeitraum der Karriere. Magische Töne – österreichische Tenöre der Nachkriegszeit, erschienen im Wiener Verlag Der Apfel (ISBN 978-3-85450-019-3). Es versteht sich, dass der Autor Gregor Hauser ein Landsmann der Herren ist, was sich als Vorteil herausstellt. Er lebt in Salzburg, der Stadt Mozarts, ist von Beruf Lehrer und schreibt in seiner freien Zeit Sachbücher, wie es auf dem Einband steht. Er kann sich in seine Tenöre gut hineinversetzen. Hier und dort fällt ein Austriazismus auf, eine Wendung, die so im deutschsprachigen Gebrauch nördlich der Alpen nicht üblich ist. Da wird beispielsweise auf etwas vergessen wie im Wolgalied des Zarewitsch von Lehar, wo es heißt „Hast du dort oben vergessen auf mich?“ Ist Hausers neues Werk auch ein Sachbuch? Mitnichten. Was ist es dann? Ein Buch der Liebe. Hauser will nicht allein anhand von recherchierten Tatsachen informieren. Er möchte auch vermitteln, was ihm Oper und Gesang bedeuten und daran seine Leser teilhaben lassen. Dieses Buch konnte nur schreiben, wer seinen Gegenstand aus dem Effeff kennt und ihm ergeben ist. Leser bekommen viel geboten für ihr Geld. Hauser sucht die Nähe zu Sängern und fragt sie aus, was in vielen Fällen auch noch möglich gewesen ist, gewichtet die Fakten ihre Biographien, lauscht ihren Stimmen und filtert aus Anekdoten das Substrat ihres Wirkens wie eine DNA heraus, die alle seine Tenöre einmalig und unverwechselbar macht.

Und das sind die Namen: Andreas Schager, Hans Beirer, Hubert Grabner, Sebastian Feiersinger, Rudolf Christ treten im ersten nach Akten wie eine Oper geordneten Buch auf, Hans Krotthammer, Karl Terkal, Fritz Sperlbauer, Waldemar Kmentt, Kurt Equiluz im zweiten. Mitwirkende des dritten Aktes sind Adolf Dallapozza, Alois Aichhorn, Werner Krenn, Josef Köstlinger, Kurt Schreibmayer und Franz Supper. Sie sind wie Equiluz unter den Lebenden. Bei dem 1971 geborene Schager verbietet sich dieser Hinweis. Er ist der Benjamin unter den handelnden Personen dieses Buches und kann es sich aussuchen, wo er als Siegfried munter ins Horn bläst, als Tristan sich nach Isolde verzehrt oder als Apollo Daphne in einem Lorbeerbaum verwandelt. Schager gilt weit über Österreich hinaus als einer der prominentesten Heldentenöre der Gegenwart. Für das Buch hat er einen eigenen Text beigesteuert. Darin zieht er aus der Tatsache, dass er die ersten zehn Jahren vornehmlich Operetten gesungen hat, einen bemerkenswerten Schluss: „Es war eine wunderbare Vorbereitung für meine zweite Karriere als Heldentenor.“ Aus Andreas Schagerl, wie er heute noch im Netz und in Archiven auftaucht, wurde Andreas Schager. Das l ist Vergangenheit.

Ein Buchstabe spielt auch im Lebenslauf von Terkal eine Rolle. Der wurde nämlich 1919 als Karl Trkal geboren. Für diese besonders der Aussprache dienliche Korrektur entschied er sich, als er mit dreißig Jahren als Bischof von Fiesole in Pfitzners Palestrina erstmals an der Wiener Staatsoper auftrat. Ihm ist ein besonders ausführliches und reich bebildertes Kapitel gewidmet, welches seiner Bedeutung angemessen ist. Jan Kipura war das Vorbild des jungen Karl, dem Gesang bis zum Schluss genauso wichtig war wie Fußball. Auf Tonträgern ist Terkal gut dokumentiert. Auch in Operetten. Eine Vorliebe, die er mit anderen österreichischen Kollegen teilt. Es lässt sich nachvollziehen, dass die Stimme des Weitgereisten – wie es im Buch heißt – „extrem natürlich“ ist und nahezu ohne Stütze auskommt. Der Dirigent Clemens Krauss war sein Mentor, hatte den aufstrebenden Tenor für Wien und Salzburg entdeckt und ihn für den Rudolfo in Puccinis Bohéme ins Aufnahmestudio geholt. Krauss starb plötzlich. Als Herbert von Karajan die Wieners Staatsoper übernahm, wurde es zunächst ruhig um Terkal. Italienische Rollen wurden fortan von Muttersprachlern gesungen. Dafür eröffneten sich neue Chancen an der Volksoper der Stadt. Dennoch kehrte er immer mal wieder ins Haus am Ring zurück, so dass er als Erster Gefangener in der von Leonard Bernstein dirigierten Fidelio-Vorstellung, die im TV und als gleichzeitige Studioproduktion große Verbreitung erfuhr, mitwirkt. Dass auch Berühmtheiten wie Kmentt, Equiluz oder Dallapozza mehr Platz zugeteilt bekommen, versteht sich von selbst. Hauser unterliegt nicht der Versuchung, sein Buch mit allzu viel Lokalpatriotismus aufzuladen. Das wäre auch nicht nötig. Österreich ist ein Mutterland der Oper. Es ist, als liege dort Musik in der Luft.

Es scheint einer der liebenswerten österreichischen Besonderheiten zu sein, dass Sänger neben ihrem künstlerischen Beruf gelegentlich einem soliden Handwerk nachgingen. Darin sind sie den Meistersingern von Nürnberg gleich, die zumindest in Wagners Oper Schuster, Seifensieder oder Kürschner sind. Bäcker wie Fritz Kothner, der zum Probegesang bittet, ist Fritz Sperlbauer (1923-1988) gewesen. Er hatte noch bei Adolf Vogel, einem berühmten Wagner-Sänger, studiert und eine enge Bindung an die Heimatstadt Wien und an sein Handwerk nie einer mit viel Reisen verbundenen strapaziösen Karriere geopfert und nahm letztlich auch mit kleinen Rollen vorlieb. Deshalb ist er auch so oft dokumentiert auf Tonträgern. Allein in vier Mitschnitten ist er der Wirt im Rosenkavalier. In der verfilmten Salzburger Produktion unter Karajan singt er ihn auch. Wer sich aber vom Talent des nicht einmal Dreißigjährigen überzeugen will, greife zu den Wiener Rundfunkproduktionen aus den frühen 1950er Jahren, die von Myto veröffentlicht wurden. In Marschners Templer und die Jüdin singt er den Ivanhoe und in Kienzls Kuhreigen den Primus Thaller. Letztere Einspielung bietet gemeinsam mit Beethovens Christus am Ölberge von 1952 die womöglich schönste Aufnahme dieses Tenors. Er singt mit strahlender Höhe einen jungen, gar kämpferischen Jesus.

Es gibt aber noch Steigerungen. Hubert Grabner (1912-1983) war Metzgermeister und leitete den eigenen Familienbetrieb mit etlichen Filialen bis zum Lebensende. „Nicht selten tauschte er nach einem langen Arbeitstag, der vor vier Uhr früh begann, am Abend die Metzgerschürze mit dem Frack oder gar dem Opernkostüm, um in einer der österreichischen Landeshauptstädte oder etwa in der Stuttgarter Staatsoper auf der Bühnen zu stehen“, ist in dem ihm gewidmeten Kapitel zu lesen. Grabner war nicht nur auf der Opernbühne erfolgreich, er sang auch Operetten. Debütiert hatte er offiziell 1954 als Belmonte in Klagenfurt. Mit dieser Rolle ist er am häufigsten aufgetreten. Sein Einstieg in Stuttgart war 1959 neben dem Rigoletto von Karl Schmitt-Walter der Herzog. Mit über fünfzig wollte er „einmal im Leben als Heldentenor in einer Wagner-Oper auftreten“. Grabner nahm Stunden bei Max Lorenz, der sich in Salzburg niedergelassen hatte. Nachweisbar ist aber nur ein einziger Auftritt als Lohengrin in einer konzertanten Aufführung in Passau neben der Elsa von Helga Dernesch. Leider existiert nur eine einzige offizielle Aufnahme mit Grabner – nämlich die Missa Brevis in F-Dur von Mozart mit Chor und Orchester des Mozarteums Salzburger unter Hermann Schneider (Lyricon). Eine Festschrift mit CD, die zum 100. Geburtstag in privater Initiative herausgegeben wurde, ist nicht mehr greifbar. Für Hauser, der allerdings von einem „gewagten Vergleich“ spricht, erinnert die Stimme „am ehesten an Jan Peerce, einen Lieblingstenor Toscaninis“.

Die Neuerscheinung schmückt sich also nicht nur mit großen Namen wie Kmentt, Dallapozza oder Equiluz, die auf Tonträgern präsent sind und an der Seite legendärer Kollegen und Dirigenten im Rampenlicht der Festivals und großen Häuser standen. Gerechtigkeit widerfährt jenen Künstlern, die zwar unverzichtbar waren für den Opernbetrieb, doch langsam dem Vergessen anheimfallen, weil es keine oder nur ganz wenige Aufnahmen gibt. Von diesem Schlage ist auch Sebastian Feiersinger. In Sammlerkreisen wird er als Heldentenor geschätzt. Private Tondokumente haben zumindest teilweise Tristan, Siegmund oder Siegfried bewahrt. Im Handel ist er mit einigen Titel zu haben, die sein Können zwar nicht in seiner ganzen Vielfalt abbilden, eine Eignung auch für das italienische Fach durchaus erkennen lassen. An der Seite der jungen Birgit Nilsson singt er 1955 einen leuchtenden und jugendlichen Riccardo in Verdis Maskenball beim Bayerischen Rundfunk, und schon 1952 ist er beim Hessischen Rundfunk als Roberto in Puccinis Opernerstling Le Villi zu hören. Feiersinger war international besonders im Wagnerfach gefragt. Seine Gastspielreisen führten ihn 1959 als Stolzing bis an die Met, was damals noch viel mehr bedeutete als heutzutage. Davon hat sich ein Mitschnitt erhalten. Hauser bezeichnet seine Stimme als robust. Das trifft es. Obwohl das Volumen gemessen an den technisch bescheiden klingenden Dokumenten nicht extrem groß erscheint, trägt es sehr gut. Kein Zweifel, damit hat er auch die größte Häuser ausgefüllt. Bei den Bayreuther Festspielen fielen 1968 und im Folgejahr lediglich der Kunz Vogelgesang und der Balthasar Zorn ab, während der Stolzing dem lyrischen Kmentt zufiel.

Im Zauberflöte-Film von Ingmar Bergman (Arthaus) spielte und sang Josef Köstlinger 1975 den Tamino und wurde damit auf einen Schlag berühmt.

Trotz dieses Engagements und einiger Auftritte von Beirer als Tannhäuser, Parsifal und Tristan fragt sich Hauser, ob „den Bayreuther Verantwortlichen österreichische Tenöre zu minder“ gewesen sind in Jahren des Neubeginns? Dagegen spricht, dass auch in anderen Stimmfächern Solisten von großen in kleine Rollen wechselten, weil sie unbedingt dabei sein wollten – und weil auf dem Grünen Hügel zunächst nicht zwischen wichtigen und nebensächlichen Aufgaben unterschieden wurde. Unter den Walküren waren etliche Brünnhilden und Isolden. Selbst die Mödl sang in ihren besten Jahren auch das Altsolo im Parsifal oder die Gutrune in der Götterdämmerung. Vor allem Wieland Wagner dürfte für seine Helden ein anderer Stimmentyp vorgeschwebt haben als ihn der robuste und manchmal auch routinierte und etwas eindimensionale Feiersinger verkörperte. Seinem Ideal kam Wolfgang Windgassen, der von Haus aus gar kein klassischer Heldentenor gewesen ist, viel näher. Dass sein Buch kein vollständiger Bild von den österreichischen Tenören der Nachkriegszeit würde abgeben können, war Gregor Hauser von Anfang an bewusst. Seine Auswahl mag subjektiv anmuten. Leser würden je nach persönlichen Vorlieben und eigenen Erlebnissen hier und da anders gewichtet haben. Auf jedem Fall ist es dem Autor gelungen, seine Sänger als unverwechselbare Typen vor dem Hintergrund ihrer Herkunft und  persönlichen Verwurzelung darzustellen – als Österreicher halt. Im Epilog werden zumindest noch mehr als zwanzig Tenöre in kurzen biographischen Abrissen porträtiert, darunter auch Ernst Gruber, den es nach dem Krieg in den Osten Deutschlands verschlug und der schließlich in Weimar, Leipzig und Berlin zum Heldentenor der DDR aufstieg. Stoff genug für eine Fortsetzung. Rüdiger Winter

Als musikalische Begleitung zu dem Buch wurde auf YouTube ganz zeitgemäß eine Kanal eingerichtet, auf dem einige der Tenöre auch zu hören sind. In der Suchmaske einfach „Magische Töne Gregor Hauser“ eintragen. 

Das Wunderkind

 

Erich Wolfgang Korngold ist bei Capriccio gut aufgehoben. Unter diesem Label sind bereits seine Lieder herausgegeben worden. Jetzt gelangte eine Sammlung von Werken auf den Markt, welche die Vielseitigkeit dieses Komponisten und seinen frühen Ruhm nachvollziehen (4 CDs C7350 mit unterschiedlichen  Aufnahmedaten). 1897 in Brünn geboren, wurde er in Wien als Wunderkind auf Händen getragen. Bereits mit dreizehn Jahren fand er mit dem Ballett Der Schneemann Ballett Aufmerksamkeit. Ursprünglich ein Klavierstück, wurde es von Alexander von Zemlinksky orchestriert und später von Korngold selbst nochmals bearbeitet. Die Aufführung fand an der Wiener Hofoper statt. Prominente Dirigenten, darunter Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler und Arthur Nikisch nahmen sich der ersten Kompositionen an. Seine Opern Der Ring des Polykrates und Violanta (beide 1916), Die tote Stadt (1920) und Das Wunder der Heliane (1927) füllten nach ihren Uraufführungen die Opernhäuser. Korngold wurde zu einem der meistgespielten Komponisten. 1934 ging er nach Hollywood, wo er seine bereits zuvor begonnene Zusammenarbeit mit dem Regisseur Max Reinhard fortsetze. In den USA waren beide Künstler mit jüdischer Abstammung vor Verfolgung durch die Nationalsozialisten sicher. Korngold widmete sich vornehmlich der Filmmusik. Nach Kriegsende kehrte er mit Orchestermusik zu seinen kompositorischen Wurzeln zurück, fand aber kaum mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung. 1957 ist er in Los Angeles gestorben.

Obwohl 1946 entstanden, markiert das kompakte und nur gut zwölf Minuten dauernde Konzert für Violoncello und Orchester keinen Wendepunkt im Schaffen Korngolds. Es klingt noch durch und durch nach Hollywood, wurde es doch für den Film Deception geschaffen, der von der tragischen Beziehung zwischen einer von Bette Davis gespielten Pianisten und einem Cellisten (Paul Henreid) handelt. Für die Aufnahme wurde der amerikanische Cellist Zill Bailey verpflichtet. Begleitet wird er vom Bruckner Orchester Linz unter der Leitung von Caspar Richter, der aus Lübeck stammt und seit zehn Jahren Generalmusikdirektor der Nationaloper in der Geburtsstadt von Korngold ist. Orchester und Dirigent bestreiten das gesamte Programm. Als einziges Spätwerk sind Thema und Variationen von 1953 in die Edition eingegangen. Es handelt sich um ein Auftragswerk eines Studentenorchesters in den USA. Folglich ist es relativ einfach und gefällig gebaut und bleibt stilistisch ebenfalls stark der Filmmusik verhaftet. Die sich unmittelbar anschließende Tondichtung Tomorrow für Mezzosopran, Frauenchor und Orchester hebt zwar gewaltig an wie eine Tondichtung von Respighi, gerät aber rasch wieder in das typische Fahrwasser eines großen Hollywood-Finales. Dieses Opus wurde zum zentralen Thema des melodramatischen Streifens The Constant Nymph mit Charles Boyer und Joan Fontaine. Gigi Mitchell-Velasco ist mit dem Solo ist besetzt und singt auch den Zyklus Einfache Lieder. Sie entstanden zwischen 1911 und 1916 und damit noch vor den erfolgreichen Opern. Entfernte Verwandtschaft mit Strauss und Mahler ist herauszuhören. Deren Kunstfertigkeit und Tiefe wird nicht erreicht. Das trifft auch auf die Abschiedslieder vom Sterben, Sehnen und aufgehendem Mond zu, bei denen die Sängerin mit der passgerechten flutenden Stimme Eindruck macht. Damit klingt das Programm der Edition aus, die von der aufmunternden Symphonischen Ouvertüre Sursum corda programmatisch eröffnet wird. Ein Werk, in dem der Dreiundzwanzigjährige über mehr als achtzehn Minuten lang kühn sein Haupt reckt. In seine Kindertage reichen die Märchenbilder von 1910 zurück, in denen sich das große Talent offenbart. Die verzauberte Prinzessin, Rübezahl, Wichtelmännlein und das tapfere Schneiderlein werden musikalisch farbenprächtig und durchaus hintergründig in Szene gesetzt. Sie kommen sowohl thematisch als auch in der Verarbeitung ausgefeilter als manches späte Werk daher. Ihre Wirkung dürfte auch darauf beruhen, dass sie der Dirigent Richter, der selbst Komposition studiert hat, sehr ernst nimmt. So, als würde er selbst darüber staunen, was diese junge Kollege hervorgebracht hat. Es versteht sich, dass auch der bereits erwähnte Schneemann (daraus Vorspiel, Serenade und Walzer) nicht fehlen darf. Mit der Schauspielmusik Viel Lärm um nichts hatte noch weit vor der Emigration die Zusammenarbeit mit Reinhardt begonnen. In Der Sturm, einer Komposition des Sechzehnjährigen, wirkt neben dem Orchester die Konzertvereinigung Linzer Theaterchor mit.

Mehr oder weniger nur gestreift werden die Opern. Die tote Stadt findet mit dem Vorspiel zum zweiten Akt mit der Sopranistin Karen Robertson Berücksichtigung, Das Wunder der Heliane mit vier Nummern, nämlich den Einleitungen zum ersten und zweiten Akt, der Arie „Ich ging zu ihm“ und einem Zwischenspiel. Solistin ist diesmal Wendy Nielsen (Sopran), die auch die Arie „Kann’s heut‘ nicht lassen“ aus Der Ring des Polykrates und das Gebet „Mein Mann hat mich vermieden“ aus Die Kathrin singt. Rüdiger Winter

 

(Weitere Information zu den CDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.)

Dauergast Leonore

 

Diese Leonore erweist sich als sehr anhänglich. 1976 in der Dresdener Lukaskirche eingespielt, wurde die Urfassung von Ludwig van Beethovens Fidelio von 1805 in die Gesamtausgabe seiner Werke auf Schallplatten eingegliedert, mit der in der DDR zum 200. Geburtstag des Komponisten auf Eterna begonnen wurde. Sie geht also auf die Fünfzig zu und hat sich erstaunlich frisch gehalten. Im Westen Deutschlands war sie bei der EMI/ Electrola erschienen. Edda Moser, die in den Osten ausgeliehene Titel-Sängerin der Titelpartie (daher die Vermarktung der Aufnahme auch in der BRD)  ist nach wie vor eine gesuchte Gesprächspartnerin, wenn es um das Musiktheater geht. Längst gestorben sind Richard Cassily (Florestan), Theo Adam (Pizarro) und Karl Ridderbusch (Rocco). Noch immer am Pult steht gelegentlich der rüstige, 1927 geborene Herbert Blomstedt. Ein ideales jugendliches Paar sind Helen Donath und Eberhard Büchner als Marzelline und Jaquino. Reiner Goldberg, der es später als Florestan bis an die Metropolitan Opera schaffte, muss sich noch mit dem ersten Gefangenen bescheiden. Und für Siegfried Lorenz, der im Jahr darauf als Wolfram an der Berliner Staatsoper entdeckt wurde, fiel der zweite Gefangene ab. Die Aufnahme ist also aus vielerlei Gründen historisch. Klanglich ist sie es nicht. Im Gegenteil. Sie hat sich erstaunlich gut gehalten. Aus den Lautsprechern tönt es rasant und frisch. Bei ihrem ersten Erscheinen sorgte die Leonore als erste Einspielung der Version von 1805 noch für Furore. Kaum einer hatte bis dahin dies Oper so intensiv und so ausführlich gehört, geschweige denn diese Fassung gekannt. Die Überraschung war groß, als ein völlig eigenständiges Opus, das sich vom späteren Fidelio deutlich unterschied, zum Vorschein kam. Erst heuter wissen wir so viel mehr über den Werdegang der Oper und ihrer verschiedenen Erscheinungsformen.

Naxos hat sich für seine Complete Edition, die es auf neunzig CDs bringt, diese Leonore gesichert und gut daran getan. Wer eine neue Aufnahme scheut und deshalb auf den Bestand zurückgreifen muss, hat keine sehr große Auswahl. Leonoren sind nicht häufig wie Fidelio, eine Naxos-Eigenproduktion von 1999. Als Leonore ist die 2008 verstorbenen Dänin Inga Nielsen zu hören, die in den Höhen ihrer großen Arie wunderbar aufblüht. Mit der von Michael Halász am Pult der Nicolaus Esterházy Sinfonia-Einspielung hat ihr Naxos ein würdiges Denkmal gesetzt. Prominenz ist mit Gösta Winbergh (Florestan), Alan Titus (Pizarro) und dem menschlich sehr berührenden Kurt Moll (Rocco) auch für andere Rollen aufgeboten. Naturgemäß sind die Erwartungen an so eine große Edition unterschiedlich. Die einen sind auf neue Interpretationsansätze der großen sinfonischen Werke aus, andere interessieren sich zuvörderst für das reiche kammermusikalische Schaffen, wieder andere hören zuerst die Lieder und dann die großen vokalen Werke. Oder sie werfen zunächst einen Blick auf die Ränder im Schaffen Beethovens, wo es noch immer vieles zu entdecken gibt. Ausgaben wie diese können Anstöße geben. Eine praktische optische Lösung erleichtert den Zugang. Die Covers der jeweiligen Werkgruppen sind an den Rändern mit eigenen Farben gekennzeichnet und stehen wie Karteikarten in der kastenähnlichen Box. Einundzwanzig laufende Zentimeter Beethoven. Im digitalen Zeitalter ist das sehr viel. Auf der Innenseite des Deckels ist der Bestand blockweise farblich gespiegelt und beschriftet: Orchestra (Rot), Concerto (Orange), Keyboard (Gelb), Chamber (Grün), Stage (Blau), Choral (Violett), Vocal (Rosa). Kammermusik ist der mit Abstand größte Posten.

Obwohl mengenmäßig eine sehr kleine Abteilung, eröffnen die Sinfonie – traditionell von links – die Sammlung. Sie gelten als der Gipfel des Werkes von Beethoven, der vielleicht vollkommenste Ausdruck seiner Genialität. Generationen von Dirigenten haben sich daran versucht. Keine Interpretation gleicht der anderen. Die Zahl der Aufnahmen geht in die hunderte. Es grenzt an Wunder, dass immer neue Ansatzpunkte gefunden und herausgearbeitet werden. Naxos hat sich für einen seiner Hausdirigenten entschieden, den Ungarn Béla Drahos. Ursprünglich Flötist, erschien er 1992 erstmal selbst vor einem Orchester. Seine Liebe und Aufmerksamkeit gehört den musikalischen Details. Wie beim Fidelio spielt wieder die Nicolaus Esterházy Sinfonia. Deren Chor sowie Hasmik Papian (Sopran), Ruxandra Donose (Mezzo), Manfred Fink (Tenor) und Claudio Otelli kommen im Schlusssatz der „Neunten“ hinzu. In der Gruppe mit den Sinfonien finden sich die einzelnen Ouvertüren, „Wellingtons Sieg“, die „Musik zu einem Ritterballett“ sowie die diversen Tänze. Beim „Triumphmarsch zum Trauerspiel Tarpeja von Kuffner“ von 1813, der Seltenheitswert hat, tritt erstmals der charismatische finnische Dirigent Leif Segerstam mit dem Turku Philharmonic Orchestra hervor. Es existiert seit 1790 und gilt weltweit als einer der ältesten Klangkörper. Segerstam leitet es seit 2012 und setzt durch viele neue Einspielungen wichtige Akzente in der Edition.

Auch Berlin Classic hat die Leonore von 1976 aus dem eigenen Archiv hervorgeholt (0301499BC). Damit ist sie aktuell – Naxos und Brilliant Classics dazugezählt – gleich dreifach auf dem Markt. Das sollte genügen. Wer sie einzeln begehrt, muss also nicht die Editionen der Mitbewerber anschaffen. Berlin Classics entschied sich für die ursprüngliche originale Aufmachung des DDR-Label Eterna. Und was hat es nun mit dem Hinweis „Gesamtausgabe“ auf sich? Gemeint ist damit nicht die vollständige Einspielung dieses Vorläufers von Fidelio. Zum 200. Geburtstag Beethovens war in der DDR eine Gesamtausgabe seiner Werke auf Schallplatten in Angriff genommen worden, die es zu erstaunlicher Fülle brachte. Sie wurde über den Anlass hinaus immer wieder ergänzt und um neue Produktionen erweitert ohne letztlich den Anspruch einer vollständigen Werkaufgabe zu erfüllen. Ihr durchgängiges äußeres Markenzeichen waren Fresken und Zeichnungen von Michelangelo, die einen hohen Wiedererkennungswert garantierten. Der Klang dieser Wiederauflage lässt keine Wünsche offen. Der nachträglichen Erläuterung bedarf die Nennung von Gunther Emmerlich als Erzähler (Narrator) auf der Rückseite des Albums. Es gibt in dieser Produktion keinen Erzähler. Der Dresdener Bassist und Entertainer übernahm für den Florestan des Amerikaners Richard Cassily dessen knappe Dialoge, während alle anderen Sängerinnen und Sänger selbst sprachen. R.W.

Der Tarpeja-Marsch leitet den zweiten Akt der Tragödie ein, in deren Mittelpunkt die Vestalin Tarpeja steht, die den Sabinern, die unter dem Kommando ihres Königs Titus Tatius Rom angriffen hatten, den Zugang zum Kapitol gewährte. Im Gegenzug sollte sie das bekommen, was die Sabiner am linken Arm trugen. Sie dachte an Goldschmuck. Die Sabiner aber griffen zu einer List, indem sie die Vestalin unter ihren Schilden begruben, die sie ebenfalls am linken Arm hielten. In Erinnerung an ihren Verrat heißt der Felsen des Kapitols, über den später Verräter zu Tode gestürzt wurden, Tarpejischer Felsen. Christoph Kuffner lebte zwischen 1780 und 1846 in Wien. In seinem Trauerspiel griff er lediglich Motive des Mythos auf, der noch in einer modifizierten Form überliefert ist. Es ging 1813 nur einmal über die Bühne und verschwand danach in der Versenkung. Komponist und Dichter kannten sich gut. Von Kuffner stammt auch der Text zur Chorfantasie, mit dem Beethoven nicht zufrieden gewesen sein soll. Dargeboten wird das beliebte Werk federnd und schwungvoll von den Gesangssolisten Claire Rutter, Matilde Wallevik, Marta Fontanals-Simmons, Peter Hoare, Julian Davies, Stephen Gadd, dem City of London Choir und dem Royal Philharmonic Orchestra unter Hilary Davan Wetton. Am Klavier sitzt Leon McCawley. Bis auf Davis und Fontanals-Simmons ist dieses Ensemble auch bei der Kantate „Der glorreiche Augenblick“ im Einsatz, die Beethoven zur Eröffnung des Wiener Kongresses am 1. November 1814 schuf und die bis heute angesichts der Huldigung der Aristokratie umstritten ist, in der sich aber auch ein aufschlussreicher Ausspruch zur künftigen Bestimmung Wiens findet: „Europa bin ich – und nicht mehr eine Stadt.“ Wenn es nach Emanuel Schikaneder, dem Librettisten von Mozarts Zauberflöte gegangen wäre, hätte auch Beethoven einen Text von ihm komponiert: „Vestas Feuer“, ebenfalls eine Vestalinnen-Geschichte. Er vertonte lediglich die erste Szene und ließ den Plan wieder fallen. Segerstam begleitet für die elf Minuten ein Vokalquartetts aus Kaisa Ranta, Niina Keitel, Tuomas Katajala und Nicholas Söderlund. Leonore, die wenig später in Angriff genommen wurden, kündigt sich an. Ranta, Keitel, Söderlund, erweitert um den Tenor Topi Lehtiuu bilden das Solistenensemble bei der C-Dur-Messe, die wiederum von Segerstam betreut wird.

Naxos hat wichtige Bestandteile der Edition, darunter die Messe – teils in anderer Zusammenstellung – auch einzelnen veröffentlicht. Das ist praktisch und kundenfreundlich. Es muss nicht gleich das Gesamtpaket anschaffen, wer nur ein ganz bestimmtes Stück haben will. Für die Schauspielmusik zu Dunkers Drama „Leonore Prohaska“ gilt das allerdings nicht. Einzeln ist sie nur bruchstückhaft gemeinsam mit „König Stephan“ auf den Markt gelangt. Komplett findet sie sich ist nur in der Edition. Immerhin wird eine neue Produktion geboten, was höchst verdienstvoll ist. Die 1785 in Potsdam geborene Unteroffizierstochter hatte sich ein männliche Identität zugelegt und sich 1813 unter dem Namen August Renz Zugang zum Lüzowschen Freikorps verschafft. Noch im selben Jahr wurde sie so schwer verwundet, dass sie wenig später starb. Ihr Schicksal hat der Königlich Preußische Geheimsekretär Friedrich Duncker 1815 in einem Schauspiel dargestellt, zu dem Beethoven die Musik schrieb. Das Drama ist verschollen. Überlebt haben lediglich die von Beethoven vertonten drei Szenen sowie ein Trauermarsch. Als Melodram, begleitet von einer Glasharmonika, ist die Abschiedsszene der Leonore angelegt. Naxos hat sie in künstlerischer Personalunion dem französischen Komponisten Thomas Bloch übertragen. Er gilt als gesuchter Experte für historische Instrumente. Reetta Haavisto singt das von einer traditionellen Harfe begleitete Lied innig.

Für die Schauspielmusik zu Goethes „Egmont“ gönnte sich Naxos ebenfalls eine neue Produktion mit Segerstam und seinem Orchester. Sie wirkt erdenschwer und wuchtig, teils sogar etwas rau und setzt sich dadurch von anderen Interpretationen deutlich ab. Zusätzlich wird die Andersartigkeit dieser Einspielung noch durch die Besetzung mit Matti Salminen verdeutlicht, dem sein gewaltiger Bass der Sprechrolle etwas im Wege zu stehen scheint. Ein anrührendes Clärchen ist Kaisa Ranta. Made in Finnland mit Segerstam und bereits anderweitig in Erscheinung getretenen Solisten, sind auch die „Kantate auf die Erhebung Leopold II. zur Kaiserwürde“, „Christus am Ölberge“ sowie die „Kantate auf den Tod Kaiser Joseph II.“, während für die „Missa Solemnis“ auf eine Produktion mit Lori Phillips (Sopran), Robynne Redmon (Mezzo), James Taylor (Tenor), Jay Baylon (Bassbariton) und dem Nashville Symphony Orchestra and Chorus unter Kenneth Schermerhorn zurückgriffen wurden, die bereits 2004 bei Naxos erschien. Bereits separat auf den Markt gebracht und von Operalounge ausführlich besprochen stechen „König Stephan“ und „Die Ruinen von Athen“ als die Highlights der Edition hervor. Großer Verbreitung auf Tonträgern und im Konzertsaal erfreuen sich die Ouvertüren zu diesen Festspielen. Auch die einzelnen musikalischen Nummern – Chöre, Zwischenmusiken, Märsche, Arien, Duette – sind nicht nur einmal vollständig aufgenommen worden. Naxos legt erstmals die kompletten Werke vor, zur Musik auch den gesprochenen Text. So gehört sich das in einem Gedenkjahr. Beethoven hatte die Bühnenmusiken für das neue Theater in Pest, das seinerzeit noch eine selbstständige Stadt war und erst 1873 mit den ebenfalls eigenständigen Buda zu Budapest zusammengelegt wurde, komponiert. Revolutionäre Theaterstücke, die dem Freiheitsgedanken huldigen wie Fidelio oder die 9. Sinfonie, sind nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Dem Anlass gemäß werden Pathos und Heldenverehrung historisch verbrämt und mit antiker Garnierung gereicht. Auch das ist Beethoven. Er lebte von Aufträgen. Ohne die Eibettung in das Gesamtwerk bleiben die musikalischen Nummern unverständlich. Andererseits ist es schwer vorstellbar, diese Schöpfungen einem heutigen Publikum bei einer öffentlichen Aufführung zuzumuten. Umso verdienstvoller ist es, die Stück als Ganzes wenigstens in dieser Form zugänglich zu machen, zumal in einem Jubiläumsjahr, in dem solche Ausgrabungen mehr wiegen sollten als eine neue Einspielung aller Sinfonien. Zu danken ist die Ausgrabung wiederum Leif Segerstam, dem Chorus Cathedralis Aboesis und dem Turku Philharmonic Orchestra. Es war eine glückliche Wahl, für beide Werke deutschsprachige Schauspieler zu verpflichten. Sie garantieren die Textverständlichkeit: Angela Eberlein,Claus Obalski, Roland Astor, Ernst Oder. Die drei Gesangspartien in den „Ruinen von Athen“, das griechische Mädchen, der Grieche sowie der Hohepriester sind mit Reetta Haavisto und Juha Kotilainen besetzt.

Allein sieben CDs werden für die irischen, walischen, schottischen und englischen Songs gebraucht, die in Konzerten ein Schattendasein führen, in Editionen aber respektvoll behandelt werden. Portionsweise sind sie sehr gut anzuhören. Naxos hat verschiedene Quellen angezapft. Die Reihe der Namen der Sänger ist lang. Antonia Bourvé, Rebekka Stöhr, Haakon Schaub, Georg Poplutz, Rainer Trost, Paul Armin Edelmann vertreten die aktive Generation. Die Seniorenabteilung ist von Sängern, die in der DDR sehr populär waren, belegt, darunter der inzwischen dreiundneunzigjährige Günther Leib, Eberhard Büchner und Ingeborg Springer, die die achtzig erreicht haben, sowie der Mittsiebziger Siegfried Lorenz. Etwa gleichalt ist die Engländerin Pamela Coburn, die sich klassischer Lieder annimmt. Bereits seit mehr als zwanzig Jahren tot ist Hermann Prey, der sich mit „Adelaide“ und dem Zyklus „An die ferne Geliebte“ auf den Höhnen von Beethovens Liedkunst bewegt als könnte ihm niemand das Wasser reichen. Berücksichtigt sind unterschiedliche Fassungen von Liedern. Von „Sehnsucht“ nach Goethe gibt es deren vier. Auch Clärchens „Freudvoll und leidvoll“ aus dem Egmont existiert zusätzlich in drei Versionen mit Klavierbegleitung.

Obwohl – wie erwähnt—die Kammermusik der größte Brocken ist, übersteigt es den Rahmen dieser Betrachtung, alle Werke und Mitwirkenden zu nennen. Nur so viel: Die Streichquartette werden vom Kodály Quartet gespielt. Es handelt sich um eine Aufnahme aus den späten neunziger Jahren. Interpret der mit Abstand meisten Klaviersonaten ist der Ungar Jenö Jandó, unterstützt vom israelischen Pianisten Boris Giltburg. Ein durch und durch europäisches Projekt sind die fünf Klavierkonzerte mit dem Österreicher Stefan Vlader als Solist und der vom englischen Dirigenten Barry Wordsworth geleiteten Capella Istropolitana aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Die Slowakische Philharmonie unter der Leitung von Kenneth Jean spielt mit der Japanerin Takako Nishizaki das Violinkonzert (Naxos 90 CDs 8.500250 /weitere Information zu den CDs im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.).

 

Wer hat, der hat. Ein anderes Etikett. Und schon wird aus der von Brilliant Classics bereits vor einiger Zeit herausgegeben Ludwig-van-Beethoven-Edition eine aktuelle Würdigung zu seinem 250. Geburtstag. Auf 85 CDs ist nach Angaben des Labels das Gesamtwerk des Komponisten gebannt. Nicht ganz. Wer ganz genau hinschaut und die Track-Listen durchforstet, findet immer eine Lücke. Und sei sie noch so klein. Wo ist Leonore Prohaska mit den Bruchstücken aus der Schauspielmusik? Dafür finden sich in der Edition die kompletten musikalischen Teile der 1812 in Pest, das damals noch nicht mit Buda zu Budapest verbunden war, uraufgeführten Festspiele König Stephan und Die Ruinen von Athen. Hans Hubert Schoenzeler leitet den Berliner Konzertchor und die Berliner Symphoniker. Ein Wiederhören gibt es mit der packenden Egmont-Musik wie sie 1970 für das DDR-Label Eterna mit der Staatskapelle Berlin unter Heinz Bongartz, der Sopranistin Elisabeth Breul und dem Schauspieler Horst Schulze eingespielt wurde. Diese Aufnahme hat insofern besonderen historischen Wert, weil sie schon einmal zu einer Jubiläumsedition gehörte, die zum 200. Geburtstag Beethovens in der DDR herauskam.

Gleiches gilt für eine Arien-CD, deren Inhalt auch zu dieser Sammlung gehörte, die auch über das Jahr 1970 hinaus vervollständigt wurde. Die Solisten Hanne-Lore Kuhse, die unter anderen „Ah! Perfido“ und „Primo amore“ singt, Eberhard Büchner und Siegfried Vogel. Die Leitung hat Arthur Apelt, ein Kapellmeister alter Schule, dem das Publikum der Staatsoper Unter den Linden bewegende Aufführungen zu danken hatte. Für die Kantaten Auf den Tod Josephs II. und Auf die Erhebung Leopolds II. zur Kaiserwürde wurden Mitschnitte aus Tallinn mit dem von Tönu Kaljuste geleiteten Estonia National Symphony Orchestra, Fiona Cameron (Sopran), Teele Jöks (Mezzo), Mati Körts (Tenor) und Leonid Savitski (Bass) gewählt, die deutlicher hätten gesungen werden können, der Edition aber einen gewissen europäischen Touch verleihen. Aus Lugano wird – ebenfalls als Mitschnitt – die Kantate Der Glorreiche Augenblick, die mit dem Ausruf „Europa steht!“ anhebt, beigesteuert. Sie wurde bekanntlich zur Eröffnung des Wiener Kongresses 1814 komponiert. Das Solistenquartett setzt sich hier aus Alla Simoni, Francesca Pedaci, Jeremy Ouvenden und Robert Gierlach zusammen. Dirigent von Chor und Orchester des Schweizerischen Rundfunks ist Diego Fasolis, der sich als Spezialist für Barockmusik einen Namen gemacht hat. In sprachlicher Umkehrung tragen Eike Heilmann (Sopran), Anne Bierwirth (Alt), Daniel Johannsen (Tenor) und Manfred Bittner – allesamt deutschsprachig – begleitet von Elisabeth Grünert am Klavier „Mehrstimmige italienische Gesänge“ vor. Diese Sänger sind auch mit Vokalwerken wie dem Opferlied und dem Hochzeitslied beschäftigt, während die Provenienz der Kantate Meeresstille und Glückliche Fahrt bis nach Minnesota reicht. Dem Saint Louis Symphony Chorus an Orchestra mit dem Dirigenten Jerzy Semkow und dem Pianisten Walter Klien ist die berühmte Chorfantasie anvertraut. Für den entschlossenen finalen Gesang „Es ist vollbracht“ des Singspiels Die Ehrenpforten wurde wieder auf DDR-Bestände zurückgegriffen. In der Blüte seiner Karriere ist der Bassist Siegfried Vogel zu hören. Der Text zu diesem Singspiel stammt von Georg Friedrich Treitschke, der auch das Fidelio-Libretto verfasste.

Die Oper selbst kommt als Live-Produktion des London Symphony Orchestra von 2006 aus London. Colin Davis, der die Oper bereits für RCA aufnahm, hat die musikalische Leitung. Er lässt sich viel Zeit und zelebriert das Quartett wie ein kleines Drama im Drama. Die Wirkung ist hin, wenn sich die Sänger – allesamt des Deutschen hörbar nicht mächtig – an den Dialogen abarbeiten müssen. Christina Brewer ist die Leonore, Sally Metthews die Marzelline, John Mac Master der Floresten, Kristinn Sigmundsson der Rocco. Den Pizarro singt Juha Usitalo, Daniel Borowski den Minister und Andrew Kennedy den Jaquino. Als gute alte Bekannte hält – wie auch bei Naxos – die Leonore Einzug in der Edition. Dass es sich dabei um die Erstfassung des Fidelio von 1805 handelt, wird vorausgesetzt – und nicht mehr erwähnt. Als diese deutsch-deutsche Gemeinschaftsproduktion neu auf den Markt kam, war der Hinweis auf die Fassung die entscheidende Information. Edda Moser (Leonore), Helen Donath (Marzelline), Richard Cassily (Florestan) und Karl Ridderbusch (Rocco) kamen aus dem Westen zu den Aufnahmesitzungen 1976 in der Dresdener Lukaskirche. Die DDR stellte mit Theo Adam den Pizarro, mit Hermann Christian Polster den Ferrando und mit Eberhard Büchner den Jaquino. Rainer Goldberg, der später selbst ein berühmter Florestan werden sollte, sang neben Siegfried Lorenz einen der beiden Gefangenen. Ein Heimspiel hatte die Staatskapelle Dresden, während aus Leipzig der Rundfunkchor angereist war. Bis auf Cassilly, der von dem Dresdner Bassisten Gunter Emmerlich gedoubelt wird, sprechen die Sänger die Dialoge selbst, was bei Brilliant Classic auch unter den Tisch fällt. Horst Seeger, der für sein mehrfach im Henschel aufgelegtes Opernlexikon noch immer geschätzt ist, führte Regie. Um der Sprachmelodie Willen gibt es nur kleine Änderungen am Originaltext. 1973 in Leipzig eingespielt, hat auch die Missa Solemnis ihren Platz in diversen Katalogen behauptet. Als Sopran war Anna Tomowa-Sintow verpflichtet worden, die auf dem Sprung in die internationale Karriere war, die Peter Schreier bereits eingeschlagen hatte. Annelies Burmeister, in Bayreuth als Fricka geschätzt, ist der Alt, Polster, dessen Name bereits als Don Ferrando gefallen war, der Bass. Dabei ist wiederum der Leipziger Rundfunkchor. Am Pult des Gewandhausorchesters steht dessen damaliger Chef Kurt Masur. Mehr als zwanzig Jahre später entstand die Einspielung der Messe in C-Dur mit der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling. Die Solisten sind Katherine von Kampen (Sopran), Ingeborg Danz (Alt), Keith Lewis (Tenor) und Michel Brodard (Bass). Christus am Ölberge ist eine Ausgrabung von 1963, die zunächst nur bei Vox auf Vinyl in Umlauf war, später beim Label Concerto Royale auf CD gelangte. Dirigent des einzigen Oratoriums von Beethoven ist Josef Bloser, der fast nur im Zusammenhang mit dieser Aufnahme Erwähnung findet. Er leitet die Stuttgarter Philharmoniker. Liselotte Rebmann trägt die Sopranpartie des Seraph etwas spitz vor. Tiefgang als Jesus lässt Reinhold Bartel vermissen, der vornehmlich in Operetten unterwegs war. Er hat sich zu einer betont irdischen Deutung entschlossen hat. Den Petrus singt August Messthaler, dem auf Rückseite der entsprechenden CD (72) die letzten beiden Buchstaben genommen sind. In Grenzen hält sich die Klangqualität besonders in den Chorpassagen. Nun die Lieder. Wieder hat sich Brilliant bei alten DDR-Beständen bedient und ist mit einer der schönsten Deutungen des Zyklus An die Geliebte fündig geworden, der den Gipfel von Beethovens Liedschaffen markiert und zu seinen populärsten Schöpfungen gehört. Solist ist Peter Schreier, der nie schöner gesungen hat als in dieser Aufnahme. Auf dem Höhepunkt seiner Kunst war er Ende der 1960er Jahre mit Walter Olbertz ins Studio gegangen, der den schwierigen Klavierpart mit Leichtigkeit und bei der Wahl des Tempos überraschende Lösungen anbieten. Beide harmonieren auch bei zahlreichen anderen Nummern, verteilt über drei CDs. Dass auch die ewig junge Adelaide dabei ist, versteht sich von selbst. Unverständlich hingegen ist es, die Sopranistin Adele Stolte bei einem Duett mit italienischem Text nicht namentlich zu erwähnen. Die Mezzosopranistin Anna Haase bringt auf der CD, die sie mit dem Bariton Florian Prey bestreitet, in Erinnerung, dass es auch ein Lied „An den fernen Geliebten“ gibt. Diese von Norbert Groh pianistisch begleitete Zusammenarbeit ist eine Spurensuche nach seltenen Titeln. So hat Beethoven auch seine Mignon auf den Text von Goethe komponiert und sich bei dem Dichter auch für „Neue Liebe, neues Leben“, „Sehnsucht“ sowie für „Der edle Mensch ist hülfreich und gut“ bedient. Ein Kapitel für sich sind im Werke Beethovens sind Bearbeitungen schottischer, irischer und walischer Volkslieder, die über sieben CDs verteilt sind. Auftraggeber war der in Edinburgh ansässige Sammler und Verleger Georges Thomson. Rückbesinnungen auf Volkslieder waren in der Romantik weit verbreitet, entsprechen dem Geist der Zeit. Beethoven verstand die Arbeiten, die zwischen 1815 und 1818 in Wien entstanden, vor allem als Broterwerb. Ein finanzieller Erfolg dürften sie für den Verleger trotz des berühmten Tonsetzers nicht gewesen sein. Noch 1821 klagte Thomson einem bei Wikipedia zitierten Brief: „Ich gebe mich nicht der Erwartung hin, jemals einen Gewinn aus dem zu ziehen, was Beethoven für mich geleistet hat; er komponiert für die Nachwelt. Ich hatte gehofft, sein Genius würde sich hinabneigen und sich dem schlichten Charakter der Nationalmelodien anpassen, doch er erwies sich im allgemeinen als zu gelehrt und zu exzentrisch für meine Zwecke und alle meine Golddukaten … waren weggeworfenes Geld.“ Unter den zahlreichen Solisten sind Renate Krahmer, Antonia Bourvé, Dorothee Wohlgemuth, Barbara Emilia Schedel (Sopran), Ingeborg Springer, Kerstin Wagner, Christine Wehler, Rebekka Stöhr (Mezzosopran bzw. Alt), Eberhard Büchner, Daniel Schreiber, David Mulvenna Hamilton, Georg Poplutz, Armin Ude (Tenor), Haakon Schaub, Günther Leib, Jens Hamann, Siegfried Lorenz, Daniel Raschinsky (Bariton bzw. Bassbariton). Die den vokalen Werken gewidmete Ausführlichkeit will die Proportionen im Schaffen Beethovens nicht verschieben. Es ist so gewollt, weil sich Operalounge – wie es der Name schon sagt – vornehmlich dem Gesang verschrieben hat. Gemessen am Volumen von CDs werden zwei Drittel für Sinfonik, Konzerten und Kammermusik in Anspruch genommen. Im Zentrum stehen dabei nach wie vor die neun Sinfonien. Die Wahl fiel auf die von Herbert Blomstedt betreute Einspielung der Staatskapelle Dresden, die sich von 1976 bis von 1980 hinzog. Blomstedt war zu dieser Zeit Chefdirigent. Helena Döse, Marga Schiml sind die Damenbesetzung, Schreier und Adam – wie in Dresden dieser Jahre nicht anders zu erwarten, die Herrenriege. Alfred Brendel, spielt die Klavierkonzerte, die er mehrfach aufgenommen hat und ist auch mit dem Klaviersonaten vertreten. In dieser frühen Produktion wird er von den Wiener Symphonikern unter Heinz Wallberg (1 bis 4) und Zubin Mehta (5) begleitet. Mit dem Violinkonzert und den beiden Romanzen für Violine und Orchester ist die niederländische Geigerin Emmy Verhey zu hören. Stanislaw Skrowacewski dirigiert das Minnesota Orchestra bei diversen Ouvertüren – und nun kommt sie am Ende doch noch ins Spiel: beim Trauermarsch aus Lenore Prohaska (Brilliant Classics 85 CDs 95510). Rüdiger Winter

„Es ist vollbracht“

 

Drei neue Alben haben eines gemeinsam – die Mitwirkungen des Tenors Benedikt Kristjánsson. Gleich zweifach wurde die Johannespassion von Johann Sebastian Bach vorgelegt, dazu der Messiah von Georg Friedrich Händel. In jedem einzelnen Fall handelt es sich um ganz spezielle Editionen. Die Johannespassion für Tenor allein, Cembalo, Orgel und Schlagwerk erschien bei Podium Records (Bezug nur direkt unter der Adresse shop@podium-esslingen.de), in der zweiten Fassung kam die Johannespassion bei Coviello Classics heraus (COV 92007), während der Messiah in der Dublin Version bei Accentus Music (ACC 30499) veröffentlicht wurde. Die Solo-Passion ist ein Mitschnitt im Rahmen des Podium-Festivals Esslingen von 2019, wo sie auch erarbeitet wurde. Kristjánsson war damit durch mehrere Städte getourt und hatte auch in Berlin Station gemacht – in der alternativen Veranstaltungsstätte Radialsystem, einem ausgedienten Abwasserpumpwerk im Szenebezirk Friedrichshain.

„Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist.“ Der Bach-erfahrene junge Sänger beginnt tatsächlich mit dem Eingangschor – für Tenor allein, begleitet von Elina Albach an Cembalo und Orgel sowie von  Philipp Lamprecht am aufwändigen Schlagwerk. Da kein Rezitativ gestrichen wurde, geraten die wortreichen Berichte der Passionsgeschichte zur Quintessenz des Werkes. Sie sind die Stärken des Sängers, der aus Island stammt und des Deutschen so mächtig ist, dass kein einziger Buchstabe des Bibeltextes verloren geht. Sie „führeten … Jesum“ vor das Richthaus, Pilatus „hörete“ das Wort und „satzte“ die Überschrift auf das Kreuz, der Rock war „gewürket“, die Mutter „stund“ bei dem Kreuz, in dessen Nähe sich ein „Garte“ befand – und so weiter. Es ist, als würde Kristjánsson mit seinem Vortrag Exegese betreiben. Er singt wie zum Mitschreiben. Klar, hell, höhensicher und ohne die geringste Ermüdungserscheinung – fast unterbrochen mehr als achtzig Minuten lang. Er brauchte – zumindest bei der Vorstellung in Berlin – keine Noten, keinen Spickzettel und auch keinen Schluck aus der Wasserflasche, wie er sich im Konzertleben leider eingebürgert hat. Diese Meisterschaft im Umgang mit dem Wort ist denn auch die Voraussetzung für das Gelingen dieser pausenlosen Produktion.

Verzichtet wird auf etliche Arien, auf die man bei jeder Aufführung wartet. Das ist natürlich bitter. Auch die beiden Tenorarien „Ach, mein Sinn“ und „Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken“ sind weggelassen. Dafür singt Kristjánsson die gewöhnlich dem Sopran vorbehaltene Arie „Ich folge dir gleichfalls“ mit allen Wiederholungen, auch das Bass-Arioso Betrachte, meine Seel, mit ängstlichem Vergnügen“ und die Bassarie „Mein teurer Heiland“, bei denen er in der Tiefe etwas in Bedrängnis gerät, die Altarie „Es ist vollbracht“ und das Tenor-Arioso „Mein Herz, in dem die ganze Welt“. Letztlich bleibt die Auswahl etwas rätselhaft. Nach alter Tradition wird das Publikum zur Gemeinde und ist angehalten, die Choräle zu singen. In Berlin lagen dafür Notenblätter mit den Texten aus. Zu Bachs Zeiten dürfte das nicht nötig gewesen sein. Dabei übernimmt Kristjánsson die Rolle des Vorsängers und Dirigenten. Tatsächlich wird auch auf dem Mitschnitt kräftig eingestimmt. Nur einmal, nämlich bei dem Choral „Christus, der uns selig macht“ tritt für die Singstimmen das Schlagwerk ein, was in seiner Unverhofftheit große Wirkung hat. Hörer, die sich mit der Johannespassion ein wenig auskennen, dürften sie in jedem Moment wiederfinden. Selbst dann, wenn kurze Choreinwürfe vom Solisten als Melodram vorgetragen werden. Die Bearbeitung erweist sich dem Original gegenüber als äußerst respektvoll. Für die schrillen Kreuzigungsrufe des Chores wird eine sehr eindrückliche Lösung gewählt, die man natürlich nur sehen und von einer CD nicht hören kann. Kristjánsson bewegte dabei nur tonlos die Lippen – als sollte das Unaussprechliche auch unausgesprochen bleiben. In den solistischen Schlusschor stimmen die Cembalistin und der Schlagzeuger, die durch ihr Können und ihre Virtuosität vergessen lassen, dass gewöhnlich ein Orchester begleitet, mit ein.

 

Zu einer Entdeckung gerät auch die Johannespassion, die Johann Sebastian Bach Karfreitag 1725, ein Jahr nach der Uraufführung der ersten Fassung aus gleichem Anlass wiederum in Leipzig aufführte. Als Grund für die Bearbeitung wird angenommen, dass nicht an zwei aufeinanderfolgen Jahren mit identischen Werken aufgewartet werden sollte. So betreffen denn auch die auffälligensten Änderungen die Chöre zu Beginn und zum Schluss. Der neue Eingangschor „O Mensch, bewein dein Süde groß“, klingt nicht mehr so erhaben und ausladend. „In ihrem intimeren Tonfall schien uns die zweite Fassung der Johannespassion ideal für eine Aufführung und eine Aufnahme, die ohne Dirigenten ganz aus dem Innenleben der musikalischen Linien heraus gesteuert wird, aus dem Hören aufeinander, im Geben und Nehmen spontaner Ideen“, so der Organist Peter Uehling im Booklet. Er ist Mitbegründer des Ensembles Wunderkammer, das die Produktion mit zwölf Instrumentalisten musikalisch bestreitet. Was Uehling beschreibt, teilt sich denn auch überzeugend mit. Noch ist die Wirkung auf das Publikum das beste Argument für das Gelingen einer Aufnahme. Sie klingt sehr durchsichtig – fast zerbrechlich. Selbst eine dezente Laustärke am heimischen Abspielgerät bedeutet nicht die geringste Einschränkung. Im Gegenteil. Die Intimität der Einspielung wird dadurch nach meiner Erfahrung noch zusätzlich betont.

Es gibt keinen klassischen Chor. Seine großen Aufgaben in der Passion sind dem Solistenensemble AElbgut übertragen, das 2018 gegründet wurde. Es setzt sich aus Isabel Schicketanz (Sopran), Stefan Kunath (Alt), Florian Sievers und Tobias Mäthger (Tenor) sowie Martin Schicketanz (Bass) zusammen. Alle haben sie eine gründliche musikalische Ausbildung absolviert und sich der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts verschrieben. Sie vollbringen den Spagat, dass zwischen ihren solistischen Auftritten und dem Zusammenwirken im Ensemble kein Gegensatz aufkommt. Das geht nur mit Disziplin. Sie wollen dem Werk dienen und sich nicht durch Vereinzelung und Extravaganzen hervortun. Den Jesus singt der Bassist Felix Schwandtke, der um die dreißig sein dürfte. So klingt er auch. Das ist insofern ein Vorteil, weil Jesus uns nicht als salbungsvoller Verkünder entgegen tritt sondern als ein von seiner Mission überzeugter junger Mann, der er der Überlieferung nach auch gewesen ist. Schwandtke ist in seinem Repertoire nicht streng auf Barockmusik festgelegt. An der Semperoper Dresden hat er sogar den Bogdanowitsch in Lehárs Lustiger Witwe gesungen.

Benedikt Kristjánsson tritt diesmal „nur“ als Evangelist in Erscheinung. In Berlin habe ich ihn auch schon in einer klassischen Aufführung der ersten Fassung zusätzlich mit den Arien gehört. Obwohl zart und empfindsam im Ausdruck, ist seine vibratoarme Stimme im Fundament fest und unerschütterlich. Dabei erweckt er nicht den Eindruck, besonders ökonomisch vorgehen zu müssen, hier etwas zu sparen, dafür an anderer Stelle zuzugeben. Kristjánsson ist immer zu hundert Prozent bei der Sache, bis zum letzten Ton. Seine Stärke ist neben dem unverwechselbaren jugendlichen Timbre, die Sicherheit in der Beherrschung der Partie. Er hat sie bis zum Perfektionismus studiert. So gut studiert, dass – wie bei der Johannespassion für Tenor allein – alle Besonderheiten und Eigenwilligkeiten der Lutherischen Sprache bewahrt bleiben. Nichts verwischt oder versinkt im Unbestimmten. Deutlichkeit wird zu dem, was sie sein soll und muss – nämlich Deutung. So ein Ebenmaß ist selten. Er verfügt über eine sehr biegsame Stimme mit festem Sitz. Sein Vortrag ist stilistisch makellos – und tief im Ausdruck, auf den er sich deshalb so konzentrieren kann, weil ihn keine technischen Probleme plagen.

 

Eine der Stärken von Kristjánsson ist es, aus dem Stand den Ton zu treffen. Das kommt ihm gleich zu Beginn des Messiah zugute, womit die dritte Neuerscheinung folgt. Unmittelbar nach der Symphony ist der Tenor zur Stelle: „Comfort ye, my people.“ Er muss nicht erst hinein finden in die Passage, er ist gleich mittendrin. Mit schier endlosem Atem spannt er die Töne in diesem Accompagnato-Rezitativ zu einem weiten Bogen auf, um anschließen fast nahtlos in die mit Koloraturen gespickte Arie „Ev’ry valley shall be exalted“ überzugehen. Wenn das so perfekt gelingt wie hier, ist eine Aufführung – salopp formuliert – so gut wie gelaufen. Für seine Einspielung mit der Gaechinger Cantorey hat deren Chef Hans-Christoph Rademann die Fassung der Uraufführung gewählt. Noch bevor der Messiah seinen auch von zeitweiligen Misserfolgen in London gesäumten steinigen Siegeszug um die Welt antreten konnte, war er 1742 erstmals in Dublin erklungen. Händel hatte – ganz Profi – das Werk mehrfach den jeweils aktuellen Aufführungsbedingungen angepasst. Eine „definitive“ Fassung gebe es daher nicht, stellt der Musikwissenschaftler Henning Bey im Booklet heraus. Da die Sänger erst nach der Komposition feststanden, habe er Teile für deren individuelle Fähigkeiten eingerichtet. Die Altistin Susanna Cibber, die vor allem für ihrer musikalische Ausdruckskraft bewundert wurde, kannte und schätzte Händel bereits seit ihrer Mitwirkung in der Erstaufführung seines Oratoriums Deborah, ist aus dem Booklet zu erfahren. „Händel dürften daher weniger ihre stimmlichen Qualitäten, sondern mehr ihre außergewöhnlichen gestalterischen Fähigkeiten angesprochen haben.“ Damit erkläre sich der rote Faden ausdrucksstarker Alt-Arien, die sich durch die Erstfassung ziehen.

Der Part ist in der neuen Aufnahme dem Alto Benno Schachtner übertragen. Er entscheidet sich für eine völlig unspektakuläre Darbietung und trägt die Arien stilistisch gradlinig und verinnerlicht vor. Und das ist auch gut so, weil wir nicht einmal erahnen können, wie einst die Cibber gesungen hat. Der Sopran ist Dorothee Mields, eine gesuchte Fachfrau für Barockmusik. Ihre gut gebildete Stimme bereitet durchweg Vergnügen. Schade, dass der Sopran im Werk am wenigsten zu tun. Ich hätte ihr gern länger zugehört. Tobias Berndt, der Bass, kommt aus dem Dresdener Kreuzchor, nahm noch Unterricht bei Dietrich Fischer-Dieskau und hat sich als Konzertsänger im In- und Ausland etabliert. Seine Stimme blüht in der Höhe erst richtig auf, wo es für andere knapp werden kann. Am Pult sorgt der Dirigent Rademann für eine sehr schwungvolle mit prächtigen Blechbläsern versehene Darbietung. Rüdiger Winter

 

Das Foto oben zeigt Benedikt Kristjánsson während der „Johannespassion für Tenor allein“, die in der Thomaskirche Leipzig produziert und Karfreitag vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR)  gesendet wurde/ Screenshot aus der Sendung. Diesmal war ein Vokalquartett mit Isabel Meyer-Kalis und Julia Sophie Wagner (Sopran), David Erler (Altus), Wolfram Lattke (Tenor) und Gotthold Schwarz (Bass) dabei. Schwarz ist der Thomaskantor und hatte auch die Leitung. Die Choräle sangen Mitglieder verschiedener Chöre im In- und Ausland, die per Video zugeschaltet waren. Weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei https://www.note1-music.com/shop/.

Der singende Cellist

 

Simon Wallfisch ist nicht nur Sänger. Er ist zudem Cellist. Für Brahms dürfte das kein Nachteil sein. Der hat für das Cello komponiert. Die dunklen schattigen Töne, die dieses Instrument hervorzubringen im Stande ist, meint man aus vielen Werken herauszuhören. Auch aus den Liedern. Der 1982 in London geborene Bariton hat jetzt eine CD mit siebenundzwanzig Titeln vorgelegt: Songs of Loss and Betrayal. Erschienen ist sie bei Resonus (RES10258). Begleitet wird er von Edward Rushton, der sich auch als Opernkomponist einen Namen gemacht hat. Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient die CD allein durch die Programmauswahl. Wallfisch pickt sich nichts heraus aus dem reichen Liedschaffen von Brahms. Er geht stringent vor und hat vier in sich geschlossene Gruppen, wie sie vom Komponisten geschaffen, zusammengestellt und bezeichnet wurden, eingespielt. Im Einzelnen sind das Lieder und Gesänge, Op. 32; Lieder und Gesänge von G. F. Daumer, Op. 57; Fünf Lieder, Op. 105 und Fünf Lieder Op. 94. Daumer, der im Titel einer Gruppe ausdrücklich genannt ist, dürfte als Erzieher des rätselhaften Findlings Kaspar Hauser mehr in Erinnerung geblieben sein denn als Lyriker. Er war einer der bevorzugten Textdichter des Komponisten. Um die fünfzig Lieder gehen auf ihn zurück, darunter die „Liebeslieder“ und die „Neuen Liebeslieder“, in denen nur das Finale einem Gedicht von Goethe folgt.

Auf der neuen CD tauchen auch die Dichter Friedrich Rückert, August von Platen, Emanuel Geibel und Detlev von Liliencron auf. Mit der „Sapphische Ode“ und den Liedern „Wie Melodien zieht es mir“, „Immer leiser wird mein Schlummer“ oder „Wie bist du, meine Königin“ sind Meisterwerke im Angebot, die jedem auf Anhieb in den Sinn kommen, wenn nur der Name Brahms fällt. Sie gelingen Wallfisch ganz vorzüglich, was vielleicht auch darauf zurückzuführen ist, dass sie dem Sänger wie in die Kehle geschrieben scheinen. Sein Bariton klingt erdig und gelegentlich etwas herb und rau. Während die Mittellage in sich geschlossen dahin fließt, fällt die Höhe mitunter etwas knapp aus. Der Sänger ist noch jung genug, um weiter daran zu arbeiten.

In jüngster Vergangenheit hatte Simon Wallfisch, der auch in Leipzig und Berlin studiert hat, durch eine persönliche Entscheidung Aufsehen erregt. Aus Sorge um die Auswirkungen des Brexit in seinem Heimatland hatte er zusätzlich die deutsche Staatsbürgerschaft erworben. Wenn er weiterhin in ganz Europa auftreten wolle, dann könnte der britische Pass dafür schon bald nicht mehr reichen, äußerte er in einem Interview für „Focus Online“. Regelmäßig begleitete er bei Reisen seine 1925 geborene Großmutter Anita Lasker-Wallfisch, die selbst Cellistin ist und als eine der letzten bekannten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz gilt. Vor neuem Antisemitismus hatte sie 2018 in einer bewegenden Rede im Deutschen Bundestag gewarnt (Weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei https://www.note1-music.com/shop/.). Rüdiger Winter