Archiv für den Monat: Juli 2013

Von Wagner bis Orff und wieder zurück

 

„Unsterblichkeit“: Dieses große Wort, dieser große Gedanke, hatte sich mit Martha Mödls Namen verbunden seit sie im Nachkriegs-Bayreuth mit Kundry, Isolde und Brünnhilde stimmlich wie darstellerisch Figuren schuf, die über der Zeit standen und damit weit in die Zukunft reichten, eine Zukunft, die inzwischen unsere Gegenwart geworden ist. Ein Ende ihrer Wirkung ist nicht abzusehen.

Auch künftige Generationen werden sich an die Mödl zu erinnern haben, wenn sie wissen wollen, was die Faszination der Musik Richard Wagners, der sie sich vornehmlich widmete, ausmacht.

Diese Sängerin ist nie aus der Mode gekommen, weil sie nicht modisch war, nicht altmodisch und nicht neumodisch. Das ist ihre starke Wirkung auch heute. Es wurden kluge Bücher und Artikel über sie geschrieben. Alle Autoren versuchten, das Phänomen Martha Mödl zu entschlüsseln. Es ist vieles, wenn nicht alles gesagt.

Ich war ihr über Jahrzehnte nahe. Es war eine Freundschaft, wie sie sich eigentlich zwischen einem Journalisten und einer Sängerin nur selten findet. Die Mödl war die Ausnahme, weil ihrer Kunst mit dem harten Handwerk des Kritikers letztlich nicht beizukommen war. Kritik an der Mödl wäre wie Kritik an der Mona Lisa gewesen, nämlich töricht. Auch wenn sie manchmal völlig daneben sang, was im Laufe der Zeit immer öfter vorkam, hätte ein vernichtender Verriss ihrem Mythos nichts anhaben können. Vielleicht auch deshalb nicht, weil diese Künstlerin sich selbst am kritischsten sah, in ihren guten wie in schlechten Tagen. Es sang – um sie selbst zu zitieren – aus ihr heraus. Sie hat deutlich gemacht, dass wahres künstlerisches Selbstbewusstsein in der Erkenntnis der eigenen Grenzen besteht.

Zum Glück haben sich die Deutungen ihrer zentralen Rollen akustisch in sehr guten Mitschnitten erhalten.

Diese vermitteln live ihr unverwüstliches Talent, aber eher nicht die Studioproduktionen, die sie gehemmt und zu kontrolliert herüber bringen. Mödl-Live-Aufnahmen waren nie vom Markt verschwunden. Im Gegenteil, es werden sogar mehr, wie ein sehr schönes CD-Doppelalbum des Labels Profil Edition Günter Hänssler von 2012 zeigt: The Portrait of a Legend. Auf dem Titel ist die Neuerscheinung (PH 12006) als Jubiläums-Edition ausgegeben, im umfänglichen, reich bebilderten Textheft findet sich allerdings keinerlei Hinweis auf ein Jubiläum. Erst auf der Rückseite lassen die en passant vermerkten Lebensdaten 1912-2001 ahnen, dass der 100. Geburtstag gemeint sein muss. Erwähnt wird der Geburtstag dieser großen Frau mit keinem Wort. (Holen wir es an dieser Stelle nach: 22. März 1912.)

Wer hätte gedacht, dass es aus der Glanzzeit der Mödl noch unbekannte Tondokumente gibt?

Es gibt sie: Die Szene des Adriano „Gerechter Gott“ aus Rienzi, mit dem Rias-Symphonie Orchester unter Heinrich Hollreiser von 1951 ist eine davon. Auch der Schlussgesang der Brünnhilde aus Vichy von 1957 unter der musikalischen Leitung von Georges Sebastian dürfte auch in jeder der noch so gut sortierten Privatsammlung gefehlt haben. Große Tristan-Szenen aus München (1958) und London (1955) sind zumindest in Teilen bekannt gewesen. Erstmals auf Tonträgern erscheinen schließlich eine Version der Wesendonck-Lieder mit den Bamberger Symphonikern von 1959 unter Joseph Keilberth sowie sechs Beethoven-Lieder, begleitet von Michael Raucheisen, 1950.

Martha Mödl als Klytämnestra in der legendären Elektra-Berghaus-Inszenierung Berlin/Ost 1967 (Foto OBA/Schöne).

Martha Mödl als Klytämnestra in der legendären Elektra-Berghaus-Inszenierung Berlin/Ost 1967
(Foto OBA/Schöne).

Etwas unvermittelt tauchen gut 16 Minuten Elektra aus der Berliner Staatsoper auf, mitgeschnitten 1967. Erst ein kleines Foto belegt dem kundigen Betrachter, dass es sich um die skandalumwitterte Inszenierung von Ruth Berghaus handelt, die in mehreren Publikationen beschrieben ist und kulturpolitische Folgen in der DDR hatte.

Die Mödl in Ostberlin! Was für ein spannendes Ereignis!

Die Szene der Klytämnestra ist ihr mit am besten gelungen in dieser CD-Auswahl, die Helmut Vetter als Executive Editor besorgte.

Deshalb und wegen der äußeren Umstände wäre ein Eingehen im Textheft wichtig und interessant gewesen. Der Beitrag bleibt also nicht nur das Geburtsdatum schuldig, er bleibt noch viel mehr schuldig. Die Autorin Kirsten Liese kann mit der Mödl offenbar nicht viel anfangen. Sie ist von der Bedeutung dieser großen Frau nicht angerührt. Die Fakten wirken wie aus allen möglichen Quellen zusammengeschrieben.

Und warum plötzlich behauptet wird, dass die Mödl auf „ein Privatleben, auf Ehe und Familie“ verzichtete, weil ihre Leidenschaft allein dem Theater gehört habe, erschließt sich ganz und gar nicht (weil es auch faktisch einfach nicht stimmt …).

Das ist kleinkarierte, biedere Propaganda, im Falle der Mödl, die das Wesen der Liebe – um mit Landgraf Hermann zu sprechen – wie kaum eine andere künstlerisch ergründet hat, fast schon üble Nachrede.

Solche Bemerkungen machen diese große Frau klein. Und das hat sie nicht verdient.

Der musikalische Gesamteindruck der CD wird durch den mehr als dürftigen Text nicht geschmälert, zumal auch die späteren Auftritte der Mödl in Bluthochzeit, Melusine und Pique Dame gebührend berücksichtigt sind. Hänssler sei Dank!

Live-Mitschnitt einer Aufführung von Orffs Ödipus der Tyrann.

Live-Mitschnitt einer Aufführung von Orffs Ödipus der Tyrann.

Ebenfalls im Angebot von Profil Hänssler ist die Produktion des Bayerischen Rundfunks von Carl Orffs Antigonae unter Wolfgang Sawallisch (PH 09066) mit der Mödl in der Titelrolle. Sie ist im Gegensatz zu anderen Studioaufnahmen von einer atemberaubenden Dichte und Präsenz. Und ganz neu ist der Mitschnitt von Orffs Oedipus der Tyrann, eine Rundfunkproduktion aus dem Jahr 1961 – also keine zwei Jahre nach der Uraufführung entstanden. Es dirigiert Winfried Zillig das NDR Sinfonieorchester nebst dazugehörigem Chor. Mödl singt die Jokasta und schafft es, die imposante Leistung der Uraufführungs-Jokasta Astrid Varnay noch zu steigern. Und das will wahrlich etwas heißen.
Barbara Ranke

Bizarr und Schicksalhaft

Fidelio in Athen. Das Odeon des Herodes Atticus am Fuße des Akropolis-Felsens dürfte eine der stimmungsvollsten Kulissen für eine Aufführung dieser Oper 1958 gewesen sein. Erst wenige Jahre zuvor war das antike Theater nach römischem Vorbild, auf dessen weit ausladenden Rängen 5000 Zuschauer Platz finden, restauriert worden. Es gilt als einer der beliebtesten Veranstaltungsorte nicht nur in Griechenland. Star der Aufführung im Rahmen des Athen-Festivals war Martha Mödl als Leonore , ihr zur Seite Giuseppe Zampieri als Florestan. Er war im selben Jahr in der Rolle unter Herbert von Karajan bei den Salzburger Festspielen aufgetreten. Dezsö Ernster ist der Rocco, die übrigen Rollen sind mit griechischen Sängern besetzt, die viel Mühe auf die deutschen Dialoge verwenden. Eingedenk der schwierigen akustischen Bedingungen in einem Freilichttheater und ihres Alters kann sich die bei Walhall erschienene Aufnahme (WLCD 0352) noch immer hören lassen. Ein interessantes Sammlerstück ist sie allemal – nicht zuletzt wegen Jascha Horenstein, der das Festival-Orchester leitet. Horenstein, jüdischer Herkunft, hatte eine schicksalhafte Beziehung zu Fidelio. Die Oper war das letzte Werk, das er 1933 in Düsseldorf – bedrängt von de SA-Bütteln – dirigiert hatte, bevor er in die Emigration getrieben wurde. Noch immer hat er weltweit eine große Gemeinde, die ihn ganz oben sieht im Ranking der bedeutendsten Dirigenten. In Berliner Ortsteil Wilmersdorf ist sogar ein Schallplatten-Antiquariats-Café nach Jascha Horenstein benannt (Café Horenstein). Das Foto (aus dem Nachlass Mödl/Vetter) stammt von der Probe, Martha Mödl und der Dirigent Horenstein in der Mitte umrahmt von Deszö Ernster, Zoe Vlachopoulos und Aristo Padazinakos).

B. R.