Archiv für den Monat: Mai 2008

Eine späte Oper nach Flaubert

 

Vor vielen, vielen Jahre kaufte ich auf den Puce von Monte-Carlo (stets am ersten Sonntag des Monats) eine Rarität für Sammler: die Ausgabe des Petit Journal/ Supplement illustré vom 13. August 1892, auf dessen Cover die große Sopranistin Luciènne Bréval im Kostüm der Salammbô Reyers prangte, mit koloriertem phantastischem Kopfputz, perlernbehangen, die Hände vor der Brust verschränkt.

Salammbô? Salammbô! Ein mythischer Titel des Romans von Gustave Flaubert, den ich am selben Vormittag beim nächsten Bouquinisten in einer hübschen historischen Taschenausgabe gleich mit erstand und schon auf der Rückreise nach Berlin anlas. Was für eine Story! Der ungestüme belagernde Kriegsheld und die Hohe Priesterin Karthagos in einer wilden Hass-Liebe-Verstrickung. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Und der Titel wurmte sich in mein Gehirn.

Ernest Reyer ist bei den bekannten Liebig-Bildchen in einer Serie über französische Komponisten dargestellt/ OBA

Die Oper! Von Ernest Reyer, dessen Sigurd ich kurz zuvor auf CD (Chant du Monde) erstanden und akustisch verzehrt hatte. Was für eine Besetzung (Chauvet, Esposito, Guiot und Massard)! Später dann zwei Aufführungen in Montpellier und Marseille, sogar vor nicht allzu langer Zeit in Erfurt!

Aber Salammbô ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ein paar Auszüge gab´s historisch, aber einmal in meinem Leben das Werk sehen und erleben? Dann kam Marseille 2008. In der schönen, müden Stadt, die wie eine welke Courtisane am Mittelmeer ausruht  und auf das legendäre Chateau d`Yf  und die hinreißend kitschige, goldstrotzende Notre Dâme de la Garde blickt. Dort, im aufregenden Art-Décò-Opernhaus mit den etwas durchgesessenen Plüsch-Fauteuilles und dem etwas ranzigen Charme eines vergangenen Jahrhunderts gab es nun endlich die Salammbô Ernest Reyers. Zugegeben in einer gewöhnungsbedürftigen Sparinszenierung. Lawrence Foster sorgte für Glanz und Üppigkeit im Graben, und an der Besetzung war – bis auf den zu trockenen Tenor – nichts auszusetzen. Eine Radioaufnahme bestätigt im Nachhinein den Eindruck des Abends, leider kam es nicht zu einer CD-Übernahme, ein absoluter Verlust. Aber unsere Nachbarn hatten immer schon ein  gespaltenes Verhältnis zu ihren eigenen Opern. Aber natürlich haben Sammler die Aufnahme …

Der Kollege und renommierte Musikjournalist Frieder Reininghaus war so liebenswürdig, uns seinen hochinformativen Artikel zur Marseiller-Aufführung zu überlassen, die er für Deutschlandfunk besprach. Danke! G. H.

 

Reyers „Salammbô“ 2008 in Marseille/ Szene/ OM

Wüstensand in Marseille: 1862 resümierte Gustave Flaubert mit „Salammbô“ seine nordafrikanischen Reise-Erfahrungen, setzte in emphati­scher Sprache der karthagi­schen Fürstentochter ein Denk­mal – in erotisch lockenden und blutig dro­henden Tableaus eines farbenfrohen Kunstori­ents. 1998 brachte Philippe Fénelon in Paris an der Opéra Bastille eine Oper nach Flauberts großem Roman heraus. Er war nicht der erste, den dieser Text faszinierte. Ernest Reyer, der als junger Mann nach einigen Dienstjahren in einer algerischen Regierungsbehörde bereits 1850 die Symphonie orientale Le sélam komponiert hatte, präsentierte 1890 am Théatre Royal de la Monnaie in Brüssel eine erste „Salammbô“-Vertonung. Die kehrt nun am Heimatort des Komponisten wieder – er wurde 1823 in Marseille als Louis Etienne Ernest Rey geboren (und starb 1909 in Le Lavandou bei Toulon).

Von Marseille aus betrachtet liegt Karthago gar nicht so weit entfernt. Man muß nur an Korsika und Sardinien vorbeisegeln, um dort an die Gegenküste zu gelangen, wo heute Tunis liegt. Dass das Kulturleben Marseilles sich in den kommenden Jahren verstärkt um die Fragen des Mittelmeerraums kümmern soll, wird durch die Wahl zur „Kulturhauptstadt 2013“ unterstrichen. Bereits jetzt wurde auf die große Aufgabe eingestimmt. Die Opéra de Marseille erinnerte an den bevorstehenden 100. Todestag des in der Stadt geborenen Komponisten Ernest Reyer mit dessen bedeutendste musikdramatische Arbeit: „Salammbô“.

Reyers „Salammbô“: Szene aus dem 1. Akt/ Auftritt Salammbôs/ Illustration von Dochy/ BNF

Den Opernfreunden ist das in grauen Vorzeiten vermutlich von vorderasiatischen Kolonisatoren gegründete Karthago durch Henry Purcells „Dido and Aeneas“ wie durch die „Trojaner“ von Hector Berlioz ein fester Begriff. Es könnte nun „Salammbô“ hinzukommen – eine exotistische Oper mit einem fast klassizistischen, von dramatischen Chorpartien belebten und von hervorragend virtuosen Gesangspartien gekrönten Tonsatz. Bemerkenswert an Reyers Musik ist, daß sie in keiner Weise auf den bei seinen Zeitgenossen in Italien und auch bei seinem französischen Kollegen Jules Massenet unüberhörbaren Wagnerismus reflektierte, sondern eher noch einmal an Mendelssohns Oratorien anknüpfte. In einem solchen dezidiert traditionell mitteleuropäisch fundierten Zugriff auf eine maghrebinische Thematik lag ein klares Bekenntnis. Die Kompositionsmethode hat jedenfalls den Vorteil, daß sie alles schwüle Gedünst vermeidet und für klar mediterrane Lichtverhältnisse sorgt.

Reyers „Salammbô“/ Akt 5 Forum in Karthago/ Illustration von Bertault/ BNF

Das Libretto zur Oper „Salammbô“ basiert auf dem Roman von Gustave Flaubert. Nach den Missverständnissen und der Empörung, die dessen „Madame Bovary“ 1857 ausgelöst hatte, wollte Flaubert seine orien­talischen Reiseeindrücke auf eine Weise verarbeiten, welche die ihn umgebende bourgeoise Krämer- und Stutzersphäre in Paris indi­rekt aufs Korn nahm. Flaubert entwarf mit glühenden Worten Bilder von den Begier­den und Leiden eines bunten mediterranen Völkergemischs in der Zeit der Punischen Kriege. Aus ihnen ragen der Söldner und Kriegsheld Mâthò hervor sowie (selbstverständlich!) die Tanit-Priesterin Salammbô, die Tochter des regierenden Fürsten Hamilkar. Die schier unbeschreiblich schöne Jungfrau weckt die äußersten Begierden der Männer. Flaubert verwob ihr Bild mit dem religiös-erotischen Motiv eines Schleiers, der im Tanit-Kult und für die Kampfmoral der Karthager eine bedeutsame Rolle gespielt habe – für eine „Republik“ mit einer Bevölkerung, derer ethnische Rivalitäten womöglich ebenso für die Niederlage in den Kriegen gegen das römische Imperium ausschlaggebend waren wie die Konflikte mit afrikanischen „Randvölkern“ (diese werden im Roman und in der Oper u.a. vom numidischen König Narr’Havas repräsentiert). Wie später Richard Wagners „Tristan und Isolde“, so endet bereits „Salammbô“ mit einem Opfer- und Liebestod: die Titelheldin muss am Tag der zwangsweisen Verheiratung mit dem bündnistreuen Numider-König den von ihr geliebten Mâthò opfern, ersticht aber statt ihm sich – und er dann sich selbst.

Rose Caron als Sâlammbô/HeiB

Der Dirigent Lawrence Foster sorgte nun an der Opéra National de Marseille für eine höchst intensive Wiedergabe der Musik, der in allen fünf Akten Vortritt gelassen wurde. Gilles Ragon bestritt seinen Tenor-Marathon mehr als respektabel. Die noch relativ junge und schlanke Kate Aldrich sang die Titelpartie vorzüglich, ahmte als Darstellerin auf verblüffende Weise Anna Netrebko nach. (In weiteren Rollen erlebte man als Schahabarim – Sébastien Guèze; Hamilcar – Jean-Philippe Lafont, Narr’Havas – Wojtek Smilek, Spendius – André Heyboer, Taanach – Murielle Oger-Tomao, Giscon – Antoine Garcin und Autharite – Eric Martin-Bonnet). Der Regisseur Yves Coudray arrangierte die Tableaus der Schlacht-, Trink- und Liebes-Szenen vor einem leeren Horizont, in den auf die eine oder andere Weise zwei Säulen ragen (also ohne die von Reyer vorgesehenen Wechsel der exotischen Stadt- und Palastansichten). Die tonangebenden Herren trugen Fräcke, die Männer des Chors dunkle Alltagsanzüge – keine Uniformen, Rüstungen oder Waffen. Allerdings wurden häufig die bunten und exotischen Kostüm- und Bühnenbildentwürfe für die Uraufführung vor knapp 120 Jahren eingeblendet und so die Historizität und der originäre kulturgeschichtliche Horizont des Werks in Erinnerung gerufen. Das war eine pfiffige Notlösung (Abbildung oben: Lucienne Bréval/ BNF/ Académie Nationale de Musique. Salammbo…musique de M. E. Reyer). Frieder Reininghaus

 

Und zur Oper selbst noch mal ein ausführlicher Artikel des amerikanischen Musikwissenschaftlers Nick Fuller auf der interessanten website MusicWeb mit großem Dank.. Reyer’s final opera returned to the exotic climes of his early work. Salammbô is an adaptation of Flaubert’s novel of mysticism and melodrama in 3rd century BC Carthage, composed with the novelist’s blessing.

Ernest Reyer um 1870/Wiki

Salammbô (soprano) is the daughter of Hamilcar (baritone), shophet (consul) of Carthage. She quells an uprising of mercenaries led by the Libyan mercenary Mathô (tenor). Mathô steals into the temple of the goddess Tanit and steals the Zaïmph, the goddess’s mysterious veil. The loss of the veil turns the tide against Carthage, and the Council of Elders appoint Hamilcar dictator. He demands a sacrifice of twenty boys to Moloch. Meanwhile, Shahabarim (tenor), the high priest of Tanit, orders Salammbô to retrieve the veil. She goes to Mathô’s tent and seduces him to retrieve the veil, but the two really fall in love. The Carthaginians defeat the mercenaries, and Mathô is taken prisoner. He is condemned to be sacrificed to Moloch, and the crowd demands that Salammbô kill him. Since she loves him, she stabs herself instead, and Mathô, embracing her, falls on his sword.

Flaubert gave his friend Reyer exclusive rights to compose the opera, but it was not performed until 25 years after they first planned the opera. Reyer started work in 1878, but after Flaubert’s death in 1880, Reyer vowed not to resume work until Sigurd was performed.

After the success of Sigurd, the directors of La Monnaie mounted Salammbô, again starring Rose Caron, whose portrayal of Brunehild had made her a star.

The work was going to be rehearsed in Paris when the authors of Massenet’s Le mage reversed their decision to postpone its performance and reclaimed its immediate performance. ‘I could only do one thing,’ said Reyer; ‘bow and let Le mage pass. And Le mage passed.’

When Eugène Bertrand became the new director of the Opéra, he announced that Salammbô would be the first opera he produced. On 16 May 1892, Salammbô was duly put on, in a luxurious staging. The administration spent the enormous sum of 300,000 francs, which they recouped.

Reyers „Salammbô“ als priuvat zirkulierender Mitschnitt

In Paris, the opera was performed 46 times in 1892 alone, reached its 100th performance in 1900 and was performed for the final and 196th time in February 1943. It was performed in the United States in New Orleans in 1900 and New York in 1901.

Jullien thought it a finer work than Sigurd, because of its unity of style. Reyer, he wrote, created a work where each act formed a complete unit, without exactly determined divisions. This severe work, which was also Classical in its lines, impressed the public, who found none of the vocal or orchestral catteries of which they are so fond, and were conquered by the penetrating power of the music, the richness of an inspiration as fresh and passionate as if the composer were only 30.

For a modern audience, however, Salammbô is hard to assess. There is only one, unofficial recording of a 2008 performance in Marseilles, commemorating the hundredth anniversary of Reyer’s death. That recording is heavily abridged. Entire scenes are cut. A score which calls for a large chorus is often reduced to the lead singers; what is a grand opera without ensembles? The Rosenthal Sigurd was a studio recording, featuring many of the leading singers in France; this is a live performance, with a couple of front rank singers backed up by a solid but not world-class cast.

Like many French operas, Salammbô was an integrated art work, meant to be seen as well as heard. The set designs give an idea of the scale of the production: enormous sets depicting temples, forums where councillors gathered under the statue of Baal, and public squares where crowds milled and thronged. Critics raved about Salammbô and Mathô’s love scene in his tent, while outside a storm rages and Carthaginians attack the mercenaries’ camp. Scenes that may have impressed onstage lose their effect on disc.

Reyers „Salammbô“: „Les Jardins de Hamilcare“/ Illustration Le Théâtre illustré/ BNF

The score is more Wagnerian than Sigurd. While one could still detect vestiges of numbers in that opera, Salammbô, like Saint-Saëns’s operas, unfolds in a series of scenes. The musical interest is in the orchestra, more than the voice. Expressive writing for the strings alternates with heightened recit. Parts of the score are lush and languorous, others seem more conventionally late 19th century French ideas of the exotic, without the distinctive touches Saint-Saëns or Massenet would have brought. In the work’s defence, however, David LeMarrec suggests that Lawrence Foster’s conducting fails to bring out the poetry that is a major appeal of the work; it sounds less attractive than the score.

Unlike Sigurd, which is heroic, masculine and mediaeval, Salammbô is dreamy, mystical, introverted and feminine, an opera in which a woman in love with a veil wanders in North African gardens by moonlight. The finest passages are Act II, set in the temple of the goddess Tanit. Priests chant hymns to the Carthiginian gods: ‘Tanit! Rabetna! Anaitis! Astarté! Derceto! Astoreth!’ Salammbô, warned by some supernatural agency that the zaïmph, the sacred veil, is in danger, enters the shrine; there she meets Mathô, draped in the veil, and believes him to be a god. The most famous scene is Salammbô’s terrace aria, ‘Ah! qui me donnera comme à la colombe’, sung as the moon rises over the waters and the chorus rejoices in the sacrifice to Baal, which Pougin thought one of the most marvellous and moving spectacles conceivable.

While the Marseille production was a valiant effort, a staged version or a complete, studio recording is needed to reveal why this opera impressed Reyer’s contemporaries.

Salammbô – Opéra en 5 acts and 8 tableaux., Libretto: Camille du Locle, after Gustave Flaubert’s novel (1862). First performance: Théâtre Royal de la Monnaie, Brussels, 10 February 1890. First performance in France: Théâtre Arts des Rouen, 23 November 1890. First performance in Paris: Théâtre de l’Opéra (Palais Garnier), 16 May 1892.

Recording: Kate Aldrich (Salammbô), Gilles Ragon (Mathô), Sébastien Guèze (Schahabarim), Jean-Philippe Lafont (Hamilcar), Wojtek Smilek (Narr’Havas), André Heyboer (Spendius), Murielle Oger-Tomao (Taanach), Antoine Garcin (Giscon) and Eric Martin-Bonnet (Autharite), with the Chœur et Orchestre de l’Opéra de Marseille conducted by Lawrence Foster. Opera Passion CD416700, recorded Marseille 27 September 2008.

Reyer’s final works included settings of Edouard Blau’s poems Tristesse (1884), Gustave Boyer’s L’homme (1892) and Camille du Locle’s Trois sonnets. On 15 January 1909, he died in Lavandou, in the south of France. © N. Fuller, 2016